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Platte des Monats Februar: Diagrams Black Light


Full Time Hobby/Rough Trade

Tunng zählten zu den wenigen britischen Bands, denen ohne Schummelei das in Amerika entworfene Etikett „Freak Folk“ verpasst werden durfte. Für die Dauer von zwei, drei Alben reihte sich ihre feingliedrige Klicker- und Klampfenmusik ein in ein größer gestricktes Phänomen, doch während einige der federführenden US-Folkies bereits auf halbem Wege ermüdet zu den Traditionen zurückkehrten, suchte das Kollektiv aus London den Weg des gut gelaunten Experiments. Tunng existieren immer noch, im Dezember veröffentlichte die Band eine Live From The BBC-Zusammenstellung, auf der Aufnahmen für die Sendungen von Rob Da Bank und Huw Stephens zu finden sind. Rob Da Bank hat Tunng einmal als Band aus einer anderen Zeit beschrieben: „Bei Tunng denke ich an Festivals, die Sonne und das Lächeln.“

Tunng-Songwriter und Co-Frontmann Sam Genders ist das Lächeln nicht abhandengekommen, seit er die Band verlassen und unter dem Namen Diagrams eine EP und ein Soloalbum aufgenommen hat. In seiner Unternehmungslust, in der Freude an wild wuchernden Melodien und dem Spiel mit meist sachten Grooves führt Genders gerade das fort, was die bislang letzte reguläre Tunng-Platte 2010 andeutete: Die Band entwickelte einen sich in den Details stetig erneuernden Stil, der auch aus den Mitteln erwuchs, Songs elektronisch zu designen; bei Diagrams kommt Synth-Bässen, Funk-Grooves und Bläsersätzen eine überraschend große Rolle zu. Den Ton für dieses unprätentiöse, elegant mit Loops und Samples ausgestattete Album setzt der erste Titel, „Ghost Lit“: Es ist die warme, gedämpfte Stimme Genders’, die jede MOR-Produktion der 70er sicher über die Ziellinie bringen würde, sie wird hier von Computerspielsounds sanft in die Nacht geschaukelt. Dieser Song erzählt davon, wie Beziehungen die Geister der Vergangenheit wachrufen, „Night All Night“ vom Kampf gegen diese Dämonen in einer aktuellen Situation.

Im Dunkeln finden sich bei Diagrams immer schon die ersten Elemente des Hellen, ein Refrain kann dein Leben retten, nichts anderes sagt Genders. Selbst ein  nervöser Math-Pop-Song wie „ Antelope“ entwickelt im Geflecht aus Chören und Bläsern später eine große Ruhe. Dem Titelsong verleiht Genders in pastoralen Vokalspuren und found sounds eine überdurchschnittlich lange Auslaufstrecke, wie ein Appendix zur Geschichte von Tunng. Die Produktion: überragend. Leicht und klar und voller Respekt für jedes melodische Zucken. Platten wie Black Light werden in der Nachschau nicht als große Detonationen im Pop-Jahrbuch verzeichnet sein. Sie reißen keine Soundmauern ein, definieren den State of the Art nicht in Ansätzen neu, gleichwohl ist diesen zehn Tracks eine stille Kraft zu eigen, die einer Sichtbarmachung gleichkommt. Ein Lichtkegel, der auf die Stellen der Überschreitung von Stilgrenzen gerichtet ist. Man darf sich dabei an das 2006er-Breakthrough-Album von Hot Chip erinnert fühlen, nach The Warning wusste man, wie ein Folksong auf alten Synthesizern und Drum Machines funktionierte („ Over And Over“). Dazu gehörte diese unerhörte Lazy­ness, die die beiden Sänger Joe Goddard und Alexis Taylor verkörperten. Bei Sam Genders ist das ganz ähnlich, fast im Vorbeigehen scheint er diese Stücke mitzunehmen, die in Wahrheit das Ergebnis harter Arbeit an den Linien und Formen sind, mit denen man aus einem Lied ein nachhaltiges Stück Pop macht. Man muss sich nur mal den heimlichen Hit anhören: „Tall Buildings“ ist der einzige Song auf Black Light, der auf der Stelle zündet, ein Dance-Pop-Hybride von erwachsener Statur, der kraftvoll marschiert, ohne seine Muskeln unangenehm spielen lassen zu müssen. Es wird Remixe geben, die eine riesengroße Discokugel über Genders rotieren lassen werden.

Sam Genders mag zwar Sufjan Stevens näher als Alexis Taylor von Hot Chip sein, er hat aber den hoch zu schätzenden Versuch unternommen, dem psychedelisch verschachtelten Folk- und Popsong ein elektronisches Antlitz zu schenken, das nie aufgesetzt wirkt. Vielleicht werden eines Tages zwei oder drei dieser Songs in einer Bestenliste auftauchen, Titel: „The great unknown popsong“. Key Tracks: „Ghost Lit“, „Tall Buildings“, „Black Light“


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