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Steve Jobs Regie: Danny Boyle, USA 2015


12. November 2015

von

Die ganze Welt ist eine Bühne. Sagt Shakespeare. Es sei denn, man ist Steve Jobs. Dann müssen es drei Bühnen sein. Sagen Drehbuchautor Aaron Sorkin und Regisseur Danny Boyle. Sie inszenieren eine epische Geschichte von Rache, Königsmord und unausgedrückter Liebe – kein Biopic im herkömmlichen Sinne. Behaupten die Beteiligten auch nicht. Obwohl Walter Isaacsons Jobs-Biographie von 2013 dem Film zugrunde liegt, hat Sorkin in seinem radikalen Drehbuch einen ganz anderen Ansatz gewählt. Er verdichtet und abstrahiert die Lebensdaten, er reiht sie auf in drei aufeinander folgenden Theaterstücken und organisiert sie dramaturgisch zu einem fiktionalen Konstrukt mit realem Rahmen.

Es geht darum, einer Wahrheit über Jobs mit Hilfe von Fiktion näher zu kommen, als es mit dem bloßen Abhaken von Geburt, Schule, Arbeit, Tod jemals möglich wäre: Michael Fassbender als Jobs, der in jedem Moment im Mittelpunkt des Films steht, erledigt den Rest als moderner Hamlet, der sich unentwegt mit der Frage nach dem Sein oder Nichtsein konfrontiert sieht. So lässt uns der Film teilhaben an den jeweils 40 Minuten vor drei entscheidenden Produktpräsentationen: der Macintosh im Jahr 1984, der NeXT Cube im Jahr 1988 und der iMac im Jahr 1998. Jedes Mal geht es für Jobs ans Eingemachte, es herrscht rege Betriebsamkeit und es platzen dieselben fünf Personen in die sich zunehmend zur Raserei steigernde Hektik. Alle haben ein Anliegen, ein Hühnchen zu rupfen, eine Rechnung offen mit dem Mann, der der Welt die Zukunft der Kommunikation schenken will, aber scheitert, wenn er Kontakt zu anderen Menschen halten soll.

Diese fünf sind reale Personen aus Jobs’ Umfeld: Apple- CEO John Sculley, Weggefährte Steve Wozniak, Programmierer John Hertzfeld, Marketingchefin Joanna Hoffman und seine Tochter Lisa. Sorkin legt ihnen teilweise echte Zitate in den Mund, gespielt werden sie von großartigen Schauspielern wie Kate Winslet, Jeff Daniels, Michael Stuhlbarg und Seth Rogen. Aber wie der Steve Jobs des Films sind auch sie funktionelle Abstraktionen in diesem genialischen Konstrukt: So wie die unablässig niederprasselnden Dialoge Sinnbild sind für einen auf Hochtouren arbeitenden Geist, verleihen die Figuren den Stimmen in Jobs’ Kopf Gestalt: Der Film fächert das Innenleben des Genies nach außen – ein Kraftakt, der den Schauspielern ebenso viel abverlangt wie dem Publikum, das in jeder Sekunde involviert ist, bis, nach Intrigen und Kämpfen, Streits und Querelen, die Erkenntnis steht:

„Ich bin nur dürftig gemacht.“ Anders als die Maschinen, mit denen Steve Jobs verändert hat, wie wir die Welt sehen.


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mit Michael Fassbender, Kate Winslet, Seth Rogen


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