The American Folk-Blues Festival – The British Tours 1963-66

Ohne den selbstlosen Einsatz der beiden deutschen Konzertimpresarios Fritz Rau und Horst Lippmann hätte in den frühen sechziger Jahren nicht nur die bundesrepublikanische Unterhaltungskunst öde ausgesehen. Die beiden Musik-Aficionados organisierten über mehrere Jahre das „American Folk Blues Festival“: Die damals noch lebenden afroamerikanischen Pioniere kamen nach Europa und staunten nicht schlecht über den Enthusiasmus, den ihnen eine weiße Nachkriegsjugend entgegenbrachte. Wie Fritz Rau in seiner Autobiografie zu erzählen weiß, warf er in jenen Tagen sogar die späteren Stones-Mitglieder Brian Jones, Mick Jagger und Keith Richards aus dem Backstagebereich-fanatische Fans, die ihre Idole hautnah erleben wollten. Mit The American Folk-Blues Festival: The British Tours 1963-66 liegt die nunmehr vierte Ausgabe einer wirklich umwerfend kompilierten Reihe vor. die sich bislang hauptsächlich aus dem Studioarchiv des ehemaligen ARD-Senders Südwestfunk Baden Baden bediente, in herrlichen schwarzweißen Aufzeichnungen mit Muddy Waters, Howlin‘ Wolf. Lightnin‘ Hopkins, Sugar Pie De Santo, Joe Turner, Junior Wells, Sonny Boy Williamson und Sister Rosetta Tharpe dokumentieren sie nicht nur wichtige Artefakte der Musikhistorie, sondern auch den trüben Zeitgeist jener Ära- noch hatte London nicht zu swingen begonnen. Die ersten zwölf Stücke stammen allerdings abermals aus den Beständen des SWF und dürften entweder in Deutschland, möglicherweise aber auch in England aufgezeichnet sein, so genau ließ sich das nicht mehr eruieren. Weitere Titel entstanden definitiv auf der britischen „American Folk Blues & Gospel Caravan“-Tour von 1964 und lagen über Jahrzehnte in der Asservatenkammer des britischen TV-Kanals Granada. Ausgerechnet in letzteren Auftritten wirken die Blues-Legenden wesentlich gelöster. Des Rätsels Lösung gab Horst Lippman einst höchstselbst preis. Forderte er doch, wie er sich erinnerte, bei den Deutschland-Gastspielen von den Blues-Eminenzen zurückhaltendes Auftreten. In Großbritannien durften sich Muddy Waters und Co. indes geben wie gewohnt. Eine Kuriosität am Rande, die noch heute Kopfschütteln verursacht und viel ausdrückt über eine Zeit, in der schwarze Musik von den konservativen Verfechtern einer“deutschen Leitkultur“ auf allergrößte Missbilligung stieß.

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