Tori Amos – Scarlet’s Walk :: Kraft in der Ruhe

Tori Amos hat wieder Boden unter den Füßen. Nach drei Fehlgeburten ist sie endlich Mutter einer gesunden Tochter und wirkt nun glücklich und emotional stabil wie nie zuvor. Die Zeit der radikalintimen Psycho-Explosionen, die BOYS FOR PELE im Jahr 1996 zu einem entrückten Meisterwerk werden ließen, ist ebenso vorbei wie die der frostig-distanzierten Technik-Experimente von TO VENUS AND BACK (1999). Nach dem Kunstprojekt STRANGE LITTLE GIRLS aus dem vergangenen Jahr schafft es Tori Arnos nun mit erstaunlicher Gelassenheit, sich selbst wieder in den Mittelpunkt zu stellen, ohne dabei um ihr eigenes Ego zu kreisen. Zeilen wie „Don’t make me come to Vegas, don’t make me pull you out of his bed“ verdeutlichen, dass die Handlung inzwischen gerne mal von einem „you“ getragen werden darf. Sind ihre Texte auch weiterhin voller aufwühlend bizarrer Szenarien und moralischer Verwirrspiele, so muss Toris Persönlichkeit doch nicht mehr selbstzerstörerisch zwischen Mädchen, Frau, Psychopathin, Vamp und Göttin hin- und herspringen. Ihre Stimme ist in den komplexen und fast zärtlich sanften Kompositionen von SCARLETS WALK die Konstante, die erstmals zum Ruhepol eines Albums wird. Eine kleine Band hilft bei der überraschend rhythmischen Umsetzung der 18 Kompositionen, doch sind es vor allem die Orchester-Arrangements, die „Gold Dust“ zur wundersamsten Aufnahme ihrer Karriere machen. Der Song beendet ein reifes, ambitioniertes Album, das erstmals die Kraft in der Ruhe findet und so ein neues Kapitel zum facettenreichen Gesamtwerk einer Frau hinzufügt, die durch ihre ungewöhnliche Ausdruckskraft zu den bedeutendsten Künstlerinnen unserer Zeit zählt.

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