Rock of the Bay


Am Hamburger Elb-Ufer kümmert sich ein Zwei-Mann-Team um die Stars der Pop- & Rock- bzw. Heavyrock-Labels Eagle Records und Spitfire.

Eine kleine Plattenfirma im Südwesten Londons macht seit ihrer Gründung 1997 wieder und wieder von sich reden: Die Simple Minds, Yes, John Mayall, Peter Green, Bob Geldof und viele andere Größen haben dort Verträge unterschrieben – die Liste der hochkarätigen Rock- und Pop-Entertainer, die bei Eagle Records ein neues Zuhause finden, wächst monatlich. „Dafür gibt es verschiedene Gründe“, überlegt Gino Naschke, Chef der deutschen Eagle-Abteilung in Hamburg. „Zum einen sind nicht mehr alle Major-Labels bereit, diesen – im positiven Sinne – in die Jahre gekommenen Künstlern angemessene Konditionen zu bieten, zum anderen haben auch die Musiker selbst oft keine Lust mehr, bei den Groß-Konzernen unter Druck zu stehen.“ So ist zum Beispiel „Neon Lights“ nur das erste Album einer ganzen Serie, die die Simple Minds bei Eagle veröffentlichen werden. Nik Kershaw nutzte die ihm bis dato selten gewährte kreative Freiheit, um sich bei Eagle als folkiger Singer/Songwriter neu zu erfinden, und auch Bob Geldof hatte bei seinen neuen Betreuern erstmals seit 1993 wieder Lust, eine Platte einzuspielen. „Gibt man den Künstlern Freiraum, dann kann es plötzlich kreative Höchstleistungen mit Ergebnissen geben, die man so nicht erwartet hätte“, freut sich Promotion- und Marketing-Beauftragter Tobias Altert, der als zweiter Mann des Hamburger Eagle-Duos für Kommunikation mit den Künstlern, der Zentrale in London und den Büros in Paris und jenseits des Atlantiks zuständig ist. Seit 1999 vertreten Naschke und Altert Eagle Rock Entertainment in Deutschland, vor wenigen Wochen erst haben sie zusammen mit dem Vertriebspartner Edel an der Elbe ein neues Glasgebäude „mit Aquariumgefühl“ (Allert) bezogen. Immer häufiger telefonieren die beiden von hier aus auch mit New York, denn dort gewinnt das Partnerlabel Spitfire ständig an Bedeutung. Die Amerikaner sind für deftigere Klänge zwischen Hardrock, Nu- und Heavy Metal zuständig, das Konzept ist aber ähnlich. Unter Vertrag stehen bei Spitfire erfahrene Altmeister wie Alice Cooper oder der Ozzy-Osbourne-Gitarrist Zakk Wylde, die sich den Luxus gönnen können, genau das zu tun, was sie wollen: in Ruhe an der Verwirklichung ihrer künstlerischen Vorstellungen arbeiten, ohne ständig über das „kommerzielle Potenzial“ ihrer Single-Auskopplungen diskutieren zu müssen. Bleibt das US-Label auf dem eingeschlagenen Kurs, dann wird der Künstlerstamm bald ähnlich hochkarätig wie der von Eagle sein. „Wenn man sich in einem Segment stark fühlt, dann wird man selbstbewusster“, so Tobi Allert. „Wir müssen jetzt immer öfter auch Bewerbungen namhafter Künstler ablehnen.“ Für die Zukunft planen sowohl Eagle als auch Spitfire die Stärkung ihres Repertoires durch eigene Entdeckungen. Bei diesem Unterfangen ist vor allem Naschke gefragt, der nicht nur Geschäftsmann ist, sondern als Sänger der Rockformation Chälice das Business auch von der anderen Seite kennt. Doch den deutschen Markt nach viel versprechenden Talenten abzugrasen ist für die zwei Hamburger bei dem gegenwärtigen Arbeitsaufkommen fast unmöglich. „Da wir nur zu zweit sind, haben wir unglaublich viel zu tun“, stellt Allert fest und grinst: „Aber dementsprechend agile Kerlchen sind wir eben auch.“