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Festivalrückblick

So war es beim Dockville 2016: Zweiklassengesellschaft der besseren Art


Wilhelmsburg ist, das merkt selbst ein ortsunkundiger Dockville-Besucher recht schnell, nicht der zentralste Stadtteil Hamburgs. Mit dem Shuttlebus vom nächstgelegenen S-Bahnhof wird man nicht etwa bis vor die Türschwelle des so eklektisch besetzten Festivals gefahren, sondern darf noch einen netten Fußmarsch von einem Kilometer auf sich nehmen. Ist aber alles halb so schlimm, wenn man sich, einmal angekommen, für die richtige Abzweigung entscheidet.

Beim Dockville herrscht nämlich eine Zweiklassengesellschaft. Zwar eine der besseren Art, aber dennoch eine recht prägnante Trennung. Diese separiert den Nichtcamper vom wohl schönsten Campingplatz, den die deutsche Festivallandschaft zu bieten hat. Wunderschön in einem idyllischen Waldstück gelegen, bieten mehrere kleinere Lichtungen und Einbuchtungen eine erholsame Nacht abseits der Flunkyball-Allee, die auch beim Dockville recht schnell in den weichen Waldboden zementiert wird.

Wer links abbiegt, mit Non-Camping-Ticket ausgestattet, schlendert rechts eines Industriekanals entlang und erblickt vor sich die beiden großen Bühnen des Festivals, den Vorschot und Großschot. Drumherum dominieren insbesondere Beton und Kies in verschiedenen Ausführungen. Das Dockville liegt nämlich im Ausläufer einer Industriezone, was dazu führt, dass, blickt man rechts der Großschotbühne, nachts wunderschön illuminierte Industrieanlagen erblickt, während links eine seelenlose Wellblechlagerhalle auf den nächsten Speditionstransporter wartet. Dieser Bereich der großen Bühnen, der Bühnen auf denen später Bands stehen und „handgemachte“ Musik spielen, spiegelt also eher den Charme der Arbeiterklasse wider.

Unterdessen stolpern Camper vom Zeltplatz in ein Hedonismusschlaraffenland. Im Schatten der Main Stages, auf sandigem Boden gebettet, finden sich mehrere kleine bis winzige Bühnen, von denen DJs und Klangkünstler die Besucher mit dem hypnotischen Bumms des Beats zu verführen versuchen. In diesem Bereich finden sich in den nächsten drei Tagen eher die wieder, die aktiv an der Realitätsflucht teilhaben wollen. Dafür verpassen sie aber auch so großartige Auftritte wie den der Kölner Coma, die an einem schwachen Freitag den besten, weil fehlerfreiesten, Auftritt hinlegen.

Im Maschinenraum, direkt hinter der größten Bühne gelegen, spielt das Kompakt-Duo Coma Live-Techno mit warmklingendem Bass und einem rasierklingenscharfen Drumsound. Selten gelingt es, Techno und Electronica in ein schwüles Live-Band-Erlebnis zu übersetzen, ohne dabei zu verwässern. Coma schaffen es und sorgen damit für das Spektakel des lauen Nachmittags.

Freitagabendheadliner Bastille sind da schon eine ganz andere Hausnummer. Eine Hitmaschine, deren Niveau auf dem zweiten Album augenscheinlich nicht eingebrochen ist. Zumindest klingen die neuen Songs, die die Band um Sänger Dan Smith einstreut, ebenso perfektionistisch wie „Pompeii“, „Flaws“ und „Things We Lost In The Fire“. Dennoch: Bastille sind einen Tick zu bombastisch für ein Festival der Klasse „Dockville“. Die ganze Show, und das ist es: eine Show, erinnert zu sehr an „The Dome“ und zu wenig an ein mit Leidenschaft vorgetragenes Konzert.

Am Samstag gibt es zunächst einmal: gleichförmigen Indie-Pop, der ja keine Angriffsfläche bieten möchte. Kytes, L’Aupaire, Oscar; alles irgendwie nett, alles irgendwie schrecklich abgeschliffen. Da erschlägt einen der krasse Gegensatz, der am frühen Abend auf der winzigen Butterlandbühne, gelegen im Hedonistenschlaraffenland, unter dem Namen The Garden aufspielt. Und, liebe Leser, liebe Leserinnen, bitte nicht von diesem öden, einfallslosen Namen blenden lassen. Die Gebrüder Shears kommen zwar aus Orange County, wollen aber so gar nicht dem Klischee der sonnengegärbten California-Boys entsprechen. Blass, fahl, unterernährt. In giftgrüne Lederjacke, Satinhemd und rote Lacklederhandschuhe gekleidet. Die erste wirklich interessante, weil in allen Belangen irritierende und verwirrende Band. Sänger Wyatt spielt seinen Bass wie eine räudige Gitarre, Bruder Fletcher knüppelt, viel zu tief sitzend, auf sein wehrloses Drumkit ein. The Garden sind das, was aus den New York Dolls geworden wäre, wären sie in den 70ern von Factory gesignt worden, ein wenig mit Cabaret Voltaire, A Certain Ratio und Joy Division abgehangen, um dann in den 80ern mit den Einstürzenden Neubauten auf Tour zu gehen und völlig die Kontrolle zu verlieren. Post-Punk, Industrial und eine Menge Trash sorgen für ein Erlebnis, das so knuffig-authentische Acts wie Aurora in der Luft zerfetzen.

Wie auch Unknown Mortal Orchestra am Freitag und Die Nerven am Sonntag, kämpfen die Foals am Samstagabend mit technischen Problemen. Bereits nach dem ersten Song schmeißt Drummer Jack Bevan enerviert seine Sticks in die Ecke und raunt seinen Techniker an. Kein guter Beginn für einen Auftritt, der im Laufe der Zeit für die Foals überraschend blutleer über die Bühne geht. Natürlich nimmt es sich Sänger Yannis Philippakis nicht das ein oder andere Bad in der Menge zu nehmen, „Spanish Sahara“ ergreift auch beim einhundertneunzigsten Mal, aber dennoch liegt auf diesem Gig ein schleierhafter Makel. „Inhaler“ kann nicht den Druck ausüben, den es benötigte, Philippakis Stimme verliert sich in den Höhen in Urzeitgeschreie und das Publikum benötigt auch mehrere Arschtritte, um voll bei der Sache zu bleiben. Keine sonderlich gelungene Generalprobe für die Headliner-Shows, die am Wochenende beim Reading & Leeds in Großbritannien anstehen.


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