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So war’s beim Open’er Festival 2016

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Gdynia, Polen. Am Strand hört man leise das Meer rauschen, am Hügel laut den Bass wummern. Monotone Techno-Rhythmen dröhnen aus riesigen Boxen. Mehrere tausend Besucher raven gegen Müdigkeit, für Weltfrieden und vermutlich der Musik wegen. Einmal jährlich wird die polnische Hafenstadt Gdynia mit dem Open’er Festival zu einem Treffpunkt für Musikfreunde, bei dem sogar außerhalb des Festivalgeländes eine Bühne in der Stadt zu finden ist. 1a Campingplatzfeeling auch für Anwohner. Hier soll vermutlich niemand die Möglichkeit verschlafen, sich auch ein paar Stunden am Strand oder in der süßen Stadt zu gönnen. Barcelona und Primavera Sound waren gestern. Open’er lockt mit entspannten Besuchern, überraschend sauberem Festivalgelände und  günstigen Ticketpreisen. Und das, obwohl die Red Hot Chili Peppers, Pharrell Williams sowie Florence + The Machine auf der Bühne stehen. Gibt’s einen Haken?

 

Ein von Nadja (@nadjazeigt) gepostetes Foto am

Anscheinend nicht. Junge polnische Designer verkaufen vor Ort ihre geschneiderten Kleidungsstücke, ein Barbier sorgt für das Wohlbefinden bärtiger Gäste, während sich andere Festivalbesucher bei der Maniküre oder im Kino, oder bei einer Modenschau entspannen können. Dann noch die zig Bier- und Essensstände – Achtung, es gibt auch Sushi – ja, man kann mit dem Festivalgelände zufrieden sein. Aber wie sieht’s denn nun mit der Musik aus?

Eine Mischung aus Wiz Khalifa, Caribou, Foals, sowie LCD Soundsystem, Tame Impala und Mac Miller zeigt, dass das Open’er Festival eine polnische Version vom Hurricane oder dem Deichbrand Festival ist: Große Namen aus vielen verschiedenen Genres. Einzig die große Breite an polnischen Acts weist auf eine elektronische Spur hin, die sich meist aus EDM, softem House und Techno ergibt. Empfehlenswert: RYSY. Eine Zweimann-DJ-Combo, die sich für den gesanglichen Part Sängerin Justyna Swies auf die Bühne holt – die stark nach MØ klingt. Publikumsreaktion: Raven, Feiern, Trinken. Und das, obwohl es erst 19 Uhr ist.

Ob das vielleicht ein Grund ist, warum bei den Co-Headlinern Caribou zu späterer Stunde nicht ganz so wild getanzt wird? Dabei spielen die Kanadier ihre sonst so ruhige Nummer „Sun“ gefühlte zehn Minuten länger und schaffen es, diese stetig noch lauter, noch dynamischer und noch schneller zu spielen. Sun, Sun, Sun – toll, toll, toll…

Gleiches Spiel bei Sigur Rós: Mit Gitarre, Geigenbogen und Schlagzeug schafft es die Band ihre melancholisch sphärischen Stücke mit einer Wucht über die Bühne zu hauen, die bis zum Ende des Horizonts noch schallen müssen. Etwas, das Starproduzent- und Sänger Pharrell Williams beim Festival leider fehlt. Beim Happy-Maker ist nicht so ganz klar, was nun live eingespielt und was vom Band ist. Zwar gibt es das beliebte Trio aus Schlagzeug, Bass und Gitarre sowie einen DJ, doch fehlt ein satter Sound. Ein Sound, der nicht einzig aus einem zu lauten Bass besteht, sondern Pharrells Stimme noch weiter zum Tragen bringt. Wo ist der „Beautiful“- Gesang? Wo ein Back-up-Rapper? Mit N.E.R.D-Mitglied Shay Hayley performt Pharrell zwar die alten Hits wie “She Wants To Move” oder “Lapdance”, aber “Drop it Like It’s Hot” kommt vom Band und auch Gwen Stefanis „Hollaback Girl“. Weitere von Pharrell produzierte Hits laufen auf der Bühne. Dann ausgerechnet „Happy“ als einziges Stück mit Gitarren verändert und “Freedom” zum Schluss.

Sigur Ros beim Open'er Festival 2016.
Sigur Ros beim Open’er Festival 2016.

Bei den Red Hot Chili Peppers, Florence + the Machine und PJ Harvey war es schon anders: reale Instrumente, viel Energie. Nicht nur das Publikum wirkt euphorisch. Obwohl kurz vor dem Auftritt der Red Hot Chili Peppers das Fußball-EM-Spiel Polen gegen Portugal auf einer Leinwand auf dem Festivalgelände bereits läuft, ist zu Beginn des Konzerts gefühlt fast jeder Besucher vor der Bühne. Mit „Can’t Stop“ und unter tobendem Applaus beginnen sie ihr Konzert. Es folgen „Californiacation“, „Snow“ – sie spielen sie alle. Bassist Flea stimmt dabei hin und wieder die polnische Nationalhymne an. Ein Spiel-update gibt es zwar nicht, dafür sind die Festivalbesucher mit freiem Wlan jedoch ganz gut für den eigenen Spielcheck versorgt. Gibt’s noch etwas zu erwähnen? Vielleicht nur, dass man sich mehrere Tage für Gdynia vornehmen sollte… ein wunderschöner Ort – mit und ohne Musik.

Gaelle Beri Redferns
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