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Kritik

Die zweite Staffelhälfte von „Star Trek: Picard“ aus Sicht eines Nicht-Trekkies: Cameo-Auftritte statt kosmopolitischer Utopie

Wesentlich wichtiger jedoch: Ein Showdown zwischen Romulanern, Künstlicher Intelligenz und den Menschen bahnt sich an. Angetrieben von einer vernichtenden Weissagung, wollen die Romulaner den Androiden den Gar ausmachen, die haben es wiederum auf die „Organischen“ abgesehen, die ihre Existenz nicht respektieren wollen.

Picards diplomatisches Angebot, die Androiden zur Föderation zu bringen und für ein Umdenken im Umgang mit ihnen zu streiten, wird abgelehnt. Um ihrer künstlichen Allianz den Zugang zu ermöglichen, macht sich Soji daran, eine Barke zu öffnen und eine romulanische Armee von 200 Raumschiffen bringt sich gegen die „La Sirena“ in Stellung. Die Situation scheint aussichtslos, doch Picard wäre nicht Picard, wüsste er den Tag nicht doch noch zu retten: Mit viel Empathie und rhetorischem Talent kann er Soji schließlich einwickeln. In allerletzter Minute natürlich. Um den großen Schaden doch noch abzuwenden. Ganz ohne Tote.

Picard wird vom Anführer zum Messias erhoben

Ein Finale, das zur charismatischen Führerrolle passt, auf die Picard auch in der zweiten Hälfte der Staffel reduziert wird. Durch seinen Märtyrertod wird seine Idealisierung sogar noch auf die Spitze getrieben. Denn wie sich rechtzeitig vor Staffelende herausstellt, weist Picards Gehirn eine Anomalie auf, die letztlich zu seinem Tod führen wird. Die Tatsache, dass ihm sein Schicksal schon längst bekannt ist und er sich dennoch höheren Aufgaben widmet, gleicht fast schon mehr einem Messias als einem Anführer.

Allerdings ist die Serie nicht konsequent genug, um sich von ihrer zentralen Figur zu trennen. Die Todesdrohung ist nur Effekthascherei. Zufälligerweise steht ein „Golem“, ein Ersatzkörper auf den menschliches Bewusstsein übertragen werden kann, schon bereit – genau wie die zweite Staffel. Kurz nach seinem vermeintlichen Ableben darf Picard á la Space-Jesus wieder auferstehen.

Dass eine andere Figur in der Fortsetzung der Serie eine tragende Rolle hätte übernehmen können, ist nicht allein wegen des Titels schwer vorstellbar, sondern auch aufgrund der Tatsache, dass alle anderen Charaktere im Licht des perfekten Picard auf die Größe von Pappkameraden schrumpfen. Eine Perfektion im Sinne uneingeschränkter charakterlicher Integrität, nicht einer Unfehlbarkeit im Handeln, wohlgemerkt. Denn natürlich wird seine Vollkommenheit immer wieder getestet – macht er Fehler, weiß er jedoch stets, wie diese mit Großmut auszubügeln sind. Dasselbe gilt übrigens auch für die Föderation und die zugehörige Sternenflotte. Zeigte sie sich zu Beginn der Staffel noch kaltherzig, weiß sie sich im allerletzten Moment doch noch auf ihre Werte zu besinnen. Sie rückt an, um Coppelius gegen die Romulaner zu verteidigen und das Verbot von Androiden wird aufgehoben.

Fatalistische Botschaften statt kosmopolitischer Utopie

Im Laufe der zweiten Hälfte wird dieser Vollkommenheit des Guten allerdings ein ebenso karikatureskes Böses gegenübergestellt. Während die Aggression der Androiden aufgrund ihrer akuten Bedrohung durch die Menschen zumindest einen Grund vorweisen kann, entpuppen sich die Romulaner nämlich zunehmend als Inkarnation des Niederträchtigen. Es scheint, als würden sie in der Föderation eben nicht allein aus xenophoben Motiven heraus auf Ablehnung stoßen, sondern aufgrund einer langen Gewaltgeschichte. Damit wird ein unüberwindbarer Graben zwischen den Spezies aufgemacht, der so gar nicht zum Potenzial des „Star Trek“-Universums, positive gesellschaftspolitische Signale auszusenden, passen mag. Derartig unüberbrückbare Zerwürfnisse zwischen den Völkern stehen im Konflikt mit einer vielgepriesenen kosmopolitischen Utopie, mit der man auch als Nicht-Trekkie vertraut ist.



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