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Wie The Rolling Stones zur größten Rockband der Welt wurden

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Ladies and gentlemen, the greatest rock’n’roll band in the world, the Rolling Stones. Bringen wir das doch gleich einmal hinter uns, damit es hinterher nicht heißt, keiner hätte es gesagt. Ohne die Stones wäre keiner von uns hier. Sie haben die Rockmusik in die Welt gebracht. Sie haben der Musik Gefahr gegeben, das Verruchte und Verbotene, das sexuell Aufgeladene. Sie haben definiert, was wir uns heute unter einer Rockband vorstellen. Charismatischer Sänger, lässige Gitarristen, solide Rhythmusgruppe, große Show, noch größere Sprüche. Die Stones erfinden das Vokabular, das uns heute so selbstverständlich ist, dass es im Lauf der Jahrzehnte so selbstverständlich wurde, dass es seine Bedeutung verloren hat. Heute, wo wir den Deckel drauf tun auf die Rockmusik, eine überholte Form, die nichts mehr aussagt, nichts mehr bedeutet, nichts mehr bringt, nichts mehr gibt, außer ein paar Stadien vollzumachen für Familienfeiern, bei denen auch Wurst verkauft werden könnte (und verkauft wird). Bis die nächste Generation von Kids entdeckt, wie klasse es ist, zu viert mit ein paar Gitarren im Keller zu lärmen, vermutlich. Warten wir’s ab.

Die Beatles waren die Nummer eins, immer. Aber sie waren Pop, Langhaarige vielleicht, aber eben doch genuin nette Typen. Nicht ungewaschen und schmuddelig wie die Konkurrenz aus London, die vielleicht nie aus dem Arsch gekommen wäre, wenn ihnen Lennon und McCartney nicht mit „I Wanna Be Your Man“ in einer Zehnminutenpause den ersten Hit geschrieben hätten. Die Stones nutzen ihre Chance. Sie sind der Gegenentwurf, sie sind Rock. Jagger, Keith Richards und Brian Jones sind zwar keine Arbeiterklassekinder wie John und Paul. Aber womöglich machte sie das so unberechenbar, dass man sie sich genau deshalb unmöglich als Schwiegersöhne vorstellen konnte. Sie waren vorlaute Scheißer aus okayen Familienverhältnissen, besuchten die Kunstschule und mussten einem allein deshalb suspekt vorkommen. Ihre Haare waren immer etwas länger als die der anderen, zu einer Zeit, als das noch Schlagzeilen in den Gazetten wert war und Empörung auf den Straßen. Es gefiel ihnen, dem Bürgertum mit demonstrativ hochgezogener Oberlippe ihre Verachtung zu zeigen, bevor Sid Vicious diese Geste zur Karikatur werden ließ. In einem Umfragebogen anno 1964 antwortet Brian Jones, damals noch de facto Anführer der Band und sowieso bestaussehendes Gruppenmitglied, bevor Drogen und Exzesse tiefe Furchen in sein Engelsgesicht schnitten und schließlich an den Grund eines Swimmingpools sinken ließen, auf die Frage nach seiner größten Karriereleistung, das sei der Bruch mit seinen Eltern gewesen.

Alles eine Frage der Perspektive

Als „ledergekleidete Transvestiten, faschistische Kinderschrecks und ausschweifende Hedonisten“ wurden die Stones in dem Bildband „Rock Dreams“ beschrieben – Jungs, auf deren Wolke Platz für niemand sonst ist als für sie. Jean-Luc Godard sah in ihnen den „Beginn einer Revolution“, und die Haute volée fand die androgynen Rüpel schnucklig und hatte Spaß daran, sie sich als das angesagteste Spielzeug der Zeit in ihre Paläste und Salons zu holen, zu einer Zeit, in der Jagger und Richards ihren Kumpel Brian Jones aufs Abstellgleis schoben und sich vom zweiteffektivsten Songwriterteam des Pop/Rock/Whatever zu den Glimmer Twins gewandelt hatten, wie sie sich selber mit der ihnen innewohnenden Bescheidenheit nannten – die Stan und Ollie des Rock, die ihre Rollen bis zur Perfektion spielten: Der Macher und Anschaffer Jagger auf der einen Seite, immer busy und emsig und wuselig und in Bewegung, immer dabei, sich selbst sein bester Pimp und seine beste Nutte zu sein, König der Masken und des Schauspiels, bevor David Bowie das Wort „bisexuell“ erstmals gehört hatte. Bianca Jagger heiratete er in einer denkwürdigen Zeremonie in Saint Tropez 1971 auch nur deshalb, weil sie fast genau so aussah wie er und dieser narzisstischste aller Pfauen des Rockgeschäfts fortan nicht mehr in den Spiegel schauen musste, um sich an sich selbst zu ergötzen. „Jeder, der mal ein bisschen Zeit mit Jagger verbracht hat, weiß, was für ein Haufen interessanter Jungs er sein kann“, lästerte Nick Kent, damaliger Starautor des NME. Der selbstvergessene Richards auf der anderen Seite, Inbegriff der Coolness und Kaputtheit, „Keef“, der Millionen von Jungs beibrachte, dass es für einen Gitarristen nicht darauf ankommt, was man spielt, sondern was man nicht spielt, und der sein Leben genau nach dieser Maßgabe führte, bis der Tanz mit dem Tod – „Dancing With Mr. D“, wie Jagger es auf GOATS HEAD SOUP nannte – Ende der Siebziger sogar diesem ewigen Überlebenden zahlloser Überdosen etwas zu intensiv wurde. Einen Moment der Blöße wie Jagger beim Anblick der Altamont-Filmaufnahmen hätte es bei ihm nie gegeben.



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