Think negative


Ohne Hass wäre ich nicht das. was ich heute bin. Popstar bin ich geworden, weil ich in der Schule mit Fußball nichts anfangen konnte. Ich haßte dieses Kameradschaftsdenken. Eine Karriere als Popstar, das war meine Rache. Rache dafür, daß ich beim Fußball kein Bein auf den Boden bekam. Rache dafür, daß ich so unsportlich war. Rache dafür, daß mich alle hänselten.

Das ist das Gute an negativer Energie: Sie kann positiv sein. Sie läßt die Dinge, an denen dir etwas liegt, deutlicher hervortreten. Sie zeigt dir. wer du bist. Manchmal kann man sich nur über das definieren, was man haßt. Wer sich von Haß leiten läßt, braucht nicht der Herde zu folgen.

Ich hasse es, wenn alle zur gleichen Zeit die gleichen Dinge mögen. Ich habe das nie verstanden. Wenn den Leuten Cola angepriesen wird — „It’s the real thing!“ — sollten sie eigentlich denken: Nein, das ist ein ekelhaftes Gebräu, total ungesund, voller Zucker, der sich zuerst in Glukose und dann in Fett verwandelt. Sie sollten sich in Amerika umsehen und denken: Mein Gott, gibt es hier viele fette Menschen! Und sie sollten die Leute hassen, die das alles repräsentieren. Sie sollten Michael Jackson hassen, der ihnen Cola andreht und sie damit zu fetten Opfern ihrer Gesellschaft macht. Sie sollten George Bush hassen. Und sie sollten über Alternativen nachdenken. Das ist ein weiterer Vorteil von Haß: Er zwingt dich, über Alternativen nachzudenken.

Positives Denken ist völlig apolitisch, privatistisch und ich-bezogen. Die Gesellschaft ändern? Nein danke. Ich kümmere mich lieber um mich selbst. Wer positiv denkt, ignoriert die eigene Rolle in der Gesellschaft und arbeitet damit dem System in die Arme. Man braucht sich ja nur anzusehen, was uns jahrelange Ego-Hätschelei eingebracht hat: George Bush und John Major, die Säulenheiligen des Status Quo.

Positives Denken ist vor allem ein Phänomen der Mittelklasse: Man hat die Zeit, die Freiräume und das Geld, um die eigene Befindlichkeit ausgiebig zu analysieren. Psychotherapie ist nur eine Variation dieses Phänomens, eine Freizeitbeschäftigung für Leute, die keine dringenderen Probleme haben. Positives Denken. Therapie. Selbstanalyse, all das sind Erscheinungsformen des New-Age-Zeitalters, eine neue Art zu sagen: Ich bin mir selbst der Nächste.

Positives Denken führt zu Stagnation, während Haß die Gesellschaft vorantreibt und sie verändert — zum Besseren oder Schlechteren. Jemand, der sagt: Oh toll, ich bin mit mir selbst im reinen, der kommt nicht weiter. Weiter kommst du nur durch Haß — Haß auf Ungerechtigkeit, Haß auf Diskriminierung, Haß auf den Mißbrauch von Macht.

Für Popmusik gilt das ebenso wie für Politik. Daß aus England soviel Musik kommt, liegt für mich daran, daß es hier soviel Haß gibt. Du siehst oder hörst etwas, und du wirst neidisch. Reagierst du dagegen positiv: Prima, dasgeßllt mir, dann passiert überhaupt nichts. Du läßt dich fallen, entspannst dich, und das war’s.

Ich bin glücklicherweise nie ein besonders entspannter Mensch gewesen. Wenn ich mich mit Popmusik beschäftige, entwickle ich sofort Haßgefühle. Ich hasse Musiker, die einen großen Wirbel um ihre Teilnahme bei Wohltätigkeitskonzerten machen und uns ständig darauf hinweisen, daß so und so viel Prozent der Plattenverkäufe an diese oder jene Organisation gehen. Sie könnten auch Geld spenden und den Mund halten, aber das würde ja keinen Profit abwerfen. So etwas nennt man Marketing, nicht Wohltätigkeit.

Eine andere Sache, die ich hasse und die Einfluß auf die Arbeit der Pet Shop Boys gehabt hat, ist die An und Weise, wie die Popkultur mißverstanden wird. Die Leute, die am Drücker sitzen, sind so konservativ zu glauben, daß in den 60er Jahren alle hundertmal talentierter waren als heute. Sie vertreten die Rockkultur des „Rolling Stone“, die vor allem, was neu ist, Angst hat. Schaut euch bloß die „neuen“ Musiker an, Curtis Stigers, Michael Bolton, Lenny Kravitz und wie sie alle heißen — die leben alle in der Vergangenheit. Ich finde, man muß in der Zukunft leben. Zumindest in der Gegenwart.

Die Pet Shop Boys haben die vorherrschenden Meinungen schon immer gehaßt und versucht, das genaue Gegenteil zu tun. Unser Haß auf das, was die Anderen machen, hat uns geholfen, unsere Arbeit neu zu definieren. Ich gehöre einer Generation an, die von ihren Künstlern noch erwartete, daß sie auf das hinweisen, was mit unserem Leben nicht in Ordnung ist. Ich erlaube mir. weiterhin der altmodischen Ansicht zu sein, daß Popmusik die Gesellschaft auch angreifen und nicht nur bestätigen soll.