Tod eines Unsterblichen


Wenn einer, dann er. Michael Jackson stieß mit seinem Tod endgültig in Stardom-Sphären vor, die niemand, niemand je wieder wird erreichen können.

19. Juni 2009. In einer Woche geht’s nach Manchester zur Blur-Reunion. Noch schnell Reisemusik shoppen. Der nahe Second-Hand-Laden bietet THRILLER und BAD (mit dem irren Sticker „Features ‚Smooth Criminal‘. This album also contains 9 Hit Singles“) für jeweils zwei Euro an. Zumindest die beiden Jackson-Werke sollte man haben. Immerhin stehen die Comeback-Konzerte an und man will dann, im Juli, schließlich mitreden können.

25. Juni 2009, Ankunft in Manchester. THRILLER und BAD haben ihr Versprechen, nahezu perfekte Popplatten zu sein, mittlerweile eingelöst. Aus dem erstbesten Pub stürmt ein Starkbetrunkener und brüllt: „Jackson’s dead!“. Ich gehe etwas verängstigt weiter. Der Mann torkelt, doch er holt mich ein. Er behauptet, ich würde mich mein ganzes Leben an ihn erinnern, weil er mir diese weltverändernde Botschaft überbracht hat. Das sei ein Zeitpunkt wie 9/11. Weil ich dem Mann nichts glaube, sage ich: „Aber der ist doch schon seit mindestens zehn Jahren tot.“

Wir hatten beide Recht, irgendwie. Michael Jackson war seit dem in den USA gar nicht erst als Single veröffentlichten „Earth Song“ künstlerisch tot. Dennoch war das Ausmaß der Berichterstattung über seinen Tod nach einer Oberdosis Narkosemittel mit der vom 11. September 2001 durchaus vergleichbar. Michael Jackson gelang 2009 – in einer Zeit, in der es keine Superstars mehr gibt – das Unfassbare: Seinen kulturellen Einfluss der Dekade 1982-1992 zu toppen.

Kurz vor seinem Tod kaufte über eine Million Menschen Tickets für seine 50 Londoner „This Is It“-Shows. An seinem Todestag stieg der weltweite Internet-Traffic um 20 Prozent. Es gab Stunden, in denen über eine Million User Jacksons Wikipedia-Eintrag besuchten. THRILLER und BAD standen drei Wochen nach meinem Kauf in den deutschen Top Ten. Zu diesem Zeitpunkt waren auch 24 seiner Singles in den Charts, in England gar 43. Flashmobs tanzten untem Eiffelturm den „Thriller“-Clip nach. Jacko-Lebkuchenherzen auf dem Oktoberfest. 25. November 2009, fünf Monate nach dem popkulturellen GAU halten sich die makabren Witzchen über „Wacko Jacko“ immer noch beeindruckend in Grenzen. Was war geschehen? Etwas, das scheinbar nicht hätte geschehen können. Ein Unsterblicher war gestorben. Einer Fantasiefigur, die man sich weder beim Abendessen noch auf Toilette vorstellen konnte, war etwas ganz ureigen Irdisches widerfahren. Dass Michael Jackson sterben konnte, war ebenso erstaunlich wie der Rückschluss, dass er davor tatsächlich gelebt hat. Der von ihm so oft besungene Planet wusste und weiß wenig von seinem vielleicht populärsten Bewohner. War das wirklich seine leibliche Tochter, die diese herzzerreißende Ansprache bei seinem (von bis zu einer Milliarde Fernsehzuschauern verfolgten) Begräbnis hielt? Litt er wirklich an Weißfleckenkrankheit? Waren die Pädophihevorwürfe wirklich haltlos? Wir werden es womöglich nie erfahren. Was wir jetzt aber wissen, ist, dass Michael Jackson ein Leben geführt hat. Doch das hielt die Welt nicht davon ab, ihn auch nach seinem Tod als Nicht-Menschen (wenn auch nicht mehr als Unmenschen wie in den Jahren 1993 und 2005) zu behandeln. Allen voran: sein eigener Vater. Der nicht im Kopf auszuhaltende Joe Jackson antwortete drei Tage nach dem Ableben seines Sohnes auf die Reporterfrage, wie es ihm denn gehe: „l’m great“. Kurz darauf brachte er das Gespräch auf seine neue Plattenfirma, diese voranzutreiben sei jetzt sein nächster Schritt. Bruder Jermaine presste sich mit einem desaströs geplanten, gottlob bis heute nicht realisierten Tribute-Konzert ins Rampenlicht zurück. Ein Film (der erfolgreichste Konzertfilm der Geschichte), den man aus dem Videomaterial der letzten Bühnenproben zusammengebastelt hatte, kam in die Kinos. Ein Film, der den Perfektionisten Jackson in Unperfektion zeigt. Ein Film, den Jackson nie freigegeben hätte. Ein Film, in dem ein mittelalter Mann Tanzmanöver aufführt, die Nachwuchstänzer im Idealfall zum Festhalten an ihrem Lebenstraum, im Normalfall aber zur Umschulung inspirieren. Niemand hatte Jackson nach Ablauf der 90er noch eine ernsthafte Chance gegeben. Bislang ist er der größte Star des Jahrtausends.

Stephan Rehm

Im Herbst tourten dann Juli Zeh und Slut durch Deutschland mit ihrem „Live-Hörspiel“ „Corpus Delicti“ über eine schöne neue Zukunftswelt, in der körperlicher Verfall geächtet ist und eine Rebellenbewegung das „Recht auf Krankheit“ einfordert. Lange Jahre war das wilde neue Zauberreich des Rock’n’Roll so eine Parallelwelt des ewig jugendlichen Gesundheitsstrotzens – wenn Kein Gesundbrunnen: 2009 nahm so mancher (alter) Popheld sein Recht auf Krankheit wahr.

da gekränkelt oder gar gestorben wurde, dann üblicherweise als Folge irgendwelcher Exzesse und Substanzenmissbrauch; was natürlich tragische, aber doch auch irgendwie glamouröse Züge trug. Die Zeiten sind natürlich lange vorbei. Der Pop ist längst keine exklusive Jugendhchenveranstaltung mehr und das Personal fällt zunehmend denZipperlein anheim, die schlicht das Alter mit sich bringt. Insofern überraschte der Bühnen-Kollaps von Mornssey (50) im Oktober mehr als der von Leonard Cohen (75) im Monat zuvor – erschreckt haben sich Fans hier wie dort; beide Heroen waren bald wieder auf Tour. Ebenso wie Dave Gahan, der im Mai die gerade angelaufene Depeche-Mode-Tour unterbrechen musste und nach Blasenkrebs-Diagnose und -Operation mirakulöserweise wieder zurück auf der Bühne war — nach vier Wochen -, bevor man sich überhaupt richtig Sorgen machen konnte. LangKRANKENAKTE ’09

samer scheint der Genesungsprozess bei Adam „MCA“ Yauch zu verlaufen, doch auch dem Beastie Boy, der im Juli seine Fans per Youtube-Botschaft über eine Krebserkrankung informierte und sich im August einer Operation an der Ohrspeicheldrüse unterzog, soll es besser gehen. Von hier aus allerbeste Genesungswünsche hinterher. An alle, die sie brauchen können.