Trendsetter wider Willen


Das Rude-Boy Lebensgefühl wollten sie nicht in die Gegenwart übertragen, auch wollten sie nie in die Ska-Ecke gedrängt werden, weder Modezaren mit ihrem Äußeren zu neuen Hypes verhelfen noch musikalisch stagnieren. So ist es nur folgerichtig, daß ihr neues Album anders, weitreichender, zum Teil düsterer ist und die Ska-Fesseln sprengt...

Was wollt ihr eigentlich hier? Tanzen, oder euch gegenseitig die Köpfe einschlagen…?‘ Jerry Dammers hält es nicht mehr hinter seinem Keyboardarsenal. Er schnappt sich Nevills Mikro, redet beschwichtigend auf sein Publikum ein, versucht die aufgebrachten Skinheads von der Notwendigkeit zu überzeugen, die Bühne freizuhalten. Schon nach den ersten Akkorden von „Gangsters“ mußten die Specials ihren Set unterbrechen; die Kontrolle über das eigene Publikum droht ihnen aus der Hand zu gleiten. Ausgerechnet heute abend, beim wohl wichtigsten Gig der Specials-England-Tournee im Londoner Hammersmith Palais, greifen die extra engagierten Ordner erstmals radikal durch, und werfen die tanzwütigen Rude-Boys gleich reihenweise von der Bühne.

„Ja, es ging nun einfach nicht mehr anders“, kommentierte Bassist „Sir“ Horace Gentleman schon kurz vor der Show diese längst überfällige Maßnahme. „Die vorangegangenen Auftritte standen kurz vor der Eskalation, es kam zu wüsten Schlägereien, die Leute stürmten die Bühne, versperrten anderen die Sicht. Die unvermeidliche Folge war ein Hagel von Wurfgeschossen, es gab Verletzte und ein Teil unserer Anlage wurde erheblich beschädigt…, diese Maßnahme war jetzt einfach nicht mehr zu umgehen, auch wenn sie unseren ursprünglichen Ideen widersprechen.“ Enttäuschung, Resignation, unterschwellig vielleicht auch ein wenig Angst klingen durch; Horace fällt es sichtlich schwer, die Entgleisungen der Fangemeinde zu rechtfertigen. „Es sind ja nur einige wenige Unruhestifter,“ grübelt er, „aber diesen Störaktionen ist es zu verdanken, daß wir nun einfach Prioritäten setzen müssen und die ursprüngliche Einheit zwischen der Band und dem Publikum nicht mehr aufrechterhalten können.“

War es denn eigentlich die Absicht der Band, die mit der Ska- und Bluebeatperiode verbundene Mentalität, das Rude Boy Lebensgefühl, in die Gegenwart zu verpflanzen? „Keineswegs“, ereifert sich Horace, „das ist doch lediglich von den Medien hochgespielt worden. Uns ging es nie darum, ein spezifisches Publikum heranzuziehen, irgendwelche revolutionären Ideologien zu verbreiten, gar zum Trendsetter zu avancieren. Ich hasse Leute, die auf Kosten von Eigenständigkeit und Individualität vollkommen blind und unkritisch dem Mob folgen.“

Die Specials scheinen momentan tatsächlich in einer prekären Situation zu stecken, denn nicht nur die zunehmenden Ausschreitungen im Publikum bereiten der Band Kopfzerbrechen, sondern auch die Auswirkungen des überraschenden kommerziellen Erfolges. Der Zwang, den hochgesteckten Erwartungen der Presse gerecht zu werden — kaum einer anderen Gruppe wurde in den vergangenen Monaten solch enthusiastische Kritik zuteil — erwies sich als schwere Hypothek, brachte die Band an den Rand einer Identitätskrise. Dazu kamen der übliche Tourneestreß und die wachsende Vermarktung des eigenen Labelprojektes.

Two Tone hatte einen regelrechten Modeboom ausgelöst, war binnen eines Jahres vom familären Alternativlabel zum umsatzschweren Verkaufsgarant herangewachsen. „Aber das war doch nicht vorauszusehen“, bemüht sich Horace, den unprogrammierten Werdegang des gruppeneigenen Projekts in die richtige Dimension zu rücken. „Nach dem Einbruch bei der Clash On Parole Tour im Frühjahr ’79 und der Trennung von Bernie Rhodes als Manager bot uns Two Tone die optimale Chance, unsere Musik auf unabhängigem Wege zu vertreiben. Im übrigen haben wir schon lange vorher auf der Bühne Anzüge getragen Es war also bestimmt nicht in unserem Sinne, daß clevere Pariser Modedesigner schachbrettgemusterte Mohairsuits, Ska-Hüte und Collegeschuhe anschließend zum Trend deklarierten. Es gab allerdings eine Zeit,“ räumt er dann vorsichtig ein, „da drohte uns der urplötzliche Erfolg des Labels regelrecht über den Kopf zu wachsen. Wir konnten uns vor Angeboten kaum retten, kein Wunder, denn alle Two Tone-Produkte erreichten spielend ihren Platz in den oberen Regionen der britischen Charts. Selbst Elvis Costello, seit den Anfangstagen ein enger Freund der Band, (he came to all our gigs and used to dance in the front row) wollte seine letzte Single, „Can’t Stand For Falling Down“ bei uns herausbringen. Aber das hätte einfach nicht zum Konzept des Labels gepaßt, und so haben wir seinen Wunsch ebenso abgelehnt wie die lukrative Offerte von Debbie Harry, eine Reggae-Single (?!) auf Two Tone zu veröffentlichen.“

Obwohl die Specials vor geraumer Zeit die Vertriebsrechte ihres eigenen Labels an Chrysalis abtraten, obliegt der Band nach wie vor die alleinige Vollmacht, über die Auswahl der Interpreten zu entscheiden Momentan gilt das Hauptaugenmerk dem systematischen Aufbau ihrer neu gewonnenen Schützlinge, den Swinging Cats. Auch ein neues Solo-Album von Posaunist Rico Rodnguez ist geplant. Zusammen mit dem legendären Don Drummond, mit Tommy McCook und Eddy Tan Tan war der ja bekanntlich ein Mitglied der Treasure Isle-Hausband The Skatelites, die Ende der 60er Jahre nahezu alle populären Ska-Formationen begleitete. Horace erinnert sich amüsiert an das erste Zusammentreffen mit Rico: „Bei den Aufnahmesessions zu unserer Debüt-LP fehlte für die verhaltenen Rocksteady-Balladen noch er charakteristische jamaikanische Bläsersound. Jerry kam dann auf die Idee, es doch einmal mit Rico zu versuchen. Die Zusammenarbeit klappte auf Anhieb, und besonders bei „Message To You Rudy“ kam er der Originalversion verblüffend nahe. Ja, und dann hat er uns gestanden, daß er damals schon mit von Partie war…“

Auf der Bühne ist Ricos unnachahmliche Hupe heute ein stilprägender, nicht mehr wegzudenkender Bestandteil jeder Show. Sein Einfluß bei den Songs des zweiten Albums, die den Großteil des Live-Repertoires ausmachen, hat beträchtlich zugenommen. MORE SPECIALS dokumentiert die Abkehr von den temporeichen Ska-Neuauflagen, die, so Horace, „lediglich den Ausgangspunkt, die Basis für die weitere Arbeit der Band bildeten. Sicherlich gibt es erhebliche Unterschiede, wir haben viele neue Elemente in unsere Musik mit einbezogen und werden wohl alle, die einen Aufguß des ersten Longplayers erwarteten, gewaltig enttäuschen.“

Horace spricht mit unverhohlenem Stolz von der neuen Platte, ist in seinem Redefluß nun kaum mehr zu bremsen. „Unser Debüt enthielt die Songs, die wir nahezu zwei Jahre lang gespielt hatten und war in verhältnismäßig kurzer Zeit entstanden. Gradmesser dafür war die erste Clash-LP. Roh, ungeschliffen, in einem faire ganz spontan eingespielt… not produced, just recorded… Diesmal haben wir uns fast zwei Monate Zeit gelassen, die technischen Möglichkeiten des Studios voll ausgenützt, viel mit Overdubs gearbeitet Ganz egal wie die Öffentlichkeit auf das Werk reagieren wird, entscheidend ist es, daß die Musik nicht stagniert und das Resultat genau unseren Vorstellungen entspricht. MORE SPECIALS hat auch athmosphärisch nichts mehr mit seinem Vorgänger gemein, sondern enthält unsere düsteren, kaum zu definierenden Gefühle und Visionen. It’s a lot more frightening…“ Diesen Eindruck unterstreicht der sarkastische, hintergründige Tenor der Texte nachdrücklich. Lediglich „Enjoy Yourself“ neben „Sock It To’em JB“ die einzige Fremdkomposition, gibt heute noch die ausgelassene Partystimmung der ersten LP wieder.

Die Specials vearbeiten die stilistische Vielfalt, die Essenz der jamaikanischen Musik. Sie haben erkannt, daß die ohnehin wenig variable Ska-Rhythmik ihnen nicht mehr die notwendigen Entfaltungsmöglichkeiten bietet. Diese Musik leitete ja seinerzeit in Jamaica auch nur eine Ubergangsphase ein, die von Ende 62 an knapp vier Jahre währte, bevor sie sich zum bedeutend modulatonsfähigerem Rocksteady weiterentwickelte. Und so haben die Specials sogar die Hommagen an Prince Buster etwas eingeschränkt. Neville macht heute aus seiner Vorliebe für DJ Clint Eastwood keinen Hehl mehr. Er imitiert dessen Vocalstil, mit Elmenten des Scarund Chant angereichert, ja sogar das rollende Y, nahezu perfekt, und seine street jives sind zumindest genauso unterhaltsam. „Ja“, konstatiert Horace abschließend, „unsere Musik hat den Ska-Altmeistern doch noch zu später Anerkennung verholten, aber ob einer von ihnen jemals irgendwelche Tantiemen kassiert hat…?“

Außer den Plattenfirmen wohl kaum jemand, Horace, denn, in Busters heruntergekommenen Plattenladen in Kingstons Orangs Street verscherbelt der achtjährige Filius noch immer die verkratzten AI Capone Singles seines Daddys, der über den Status einer lokalen Größe eigentlich nie hinauskam…