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Kritik

Wutausbrüche, Massenauflauf und große Kunst: „Christo – Walking on Water“

220.000 aneinander befestigte Plastik-Pontons, ebenso viele Schrauben, 195 Anker und jede Menge orange-gelb schimmernder Stoff machen das Kunstwerk aus, das mehr als 1,2 Millionen Menschen dazu bewegte, an den italienischen See Lago d’Iseo zu reisen. Zahlen dieser Größenordnung wirken oft abstrakt. Die Doku „Christo – Walking on Water“ von Andrey Paounov macht sie greifbar, lässt das Künstliche nahbar werden.

Tatsächlich hat es der bildende Künstler Christo geschafft, mit genau diesen eben genannten Mitteln einen Steg über das Gewässer zu bauen, der eine Insel mit der anderen verbindet. Idee und Konzept stammen von ihm und seiner bereits verstorbenen Frau Jeanne-Claude. Für 16 Tage konnten die Bewohner der Inseln Monte Isola und San Paolo im Juni 2016 auf Boote verzichten, um zur jeweils anderen zu gelangen. Und Menschenmassen aus aller Welt sahen darin ein Spektakel, welches es galt, selbst zu erleben. Und so entwickelt sich die Dokumentation von einer ruhig gefilmten Angelegenheit zu einem reinen Wahnsinn, der beim bloßen Zuschauen Herzrasen verursacht.

Tag 1 der Kunstinstallation: Pure Panik

Während bei der Vorbereitung vor allem Christos mangelnde Technik-Skills im Vordergrund stehen und immer wieder für schrullig-amüsante Momente sorgen, wird es bitterernst, als sich der Ansturm auf die insgesamt sieben Kilometer lange Überwasser-Stege verdoppelt zu dem, womit im Vorhinein gerechnet wurde. Schnell wächst die Sorge, der Stau würde zu groß und die Massen nicht mehr gefahrlos auf dem offenen Wasser aneinander vorbei kommen. Dann wird ein Kind vermisst und die Hitze ist so immens, dass Wasserwerfer zum Einsatz kommen müssen. Eigentlich müsste deeskaliert werden, stattdessen brüllen sich Christo und sein Team gegenseitig an, um dann wiederum gemeinsam auf diejenigen loszugehen, die vor Ort für Sicherheit und Planung zuständig sind.

Kooperation

Der 105-minütige Film lebt von diesem Wechsel zwischen Ruhe und Sturm. Mal folgt die Kamera dem Prasseln des Regens, mal sollen Nahaufnahmen des sich leicht wellenden Stoffes auf einen wirken, zur Untermauerung wird repetitive Instrumentalmusik eingespielt. Doch nach den langen Einstellungen lässt ein Bruch nicht lange auf sich warten. Dann schreit Christo mit weit aufgerissenen Augen, dass alle verrückt seien. Er will Leute verklagen, weil sie seine Anforderungen missachten und die Leute, die mit Bussen angekarrt werden, weiterhin auf das Ausnahmekunstwerk treten lassen. Dem Gebrüll und den entspannteren Szenen werden wiederum Augenblicke der Belanglosigkeit gegenübergestellt: Christo schüttelt die Hände seiner Fans, erträgt Selfies, die ewig gleichen Begrüßungen von Leuten, die ihn kennen zu meinen, an die er sich aber nicht erinnert. Hier wird eine Welt des Glamours präsentiert, die es selten so offengelegt zu sehen gibt.

Kräftezehrende Kunst, Schönheit for free

Am Ende steht ein Mann, der es im Onlinezeitalter vor allem liebt, Sachen mit seinen Händen zu machen. Selbst wenn das viel Geduld braucht und ihn an die Schmerzgrenzen bringt. Man sieht einen Mann, der 20 Millionen Euro aus der eigenen Tasche hinblättert, nur um die Vision, die er mit seiner Frau bereits 1970 entwickelt hat, in der Realität bewundern zu können. Für alle sichtbar, sogar für umme. Es ist eine Doku, die oft wirr und auch mal ein kleines bisschen zu ruhig wird – aber die pure Wucht eines Kunstwerks und den leidenschaftlichen Kopf dahinter darstellt.

„Christo – Walking on Water“ startet am 11. April im Kino.


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