Reportage

Wie ich einmal Pop studierte, ohne mich zu verbiegen


Von dort kommt der Pop von der Stange, sie spannen ihr Netzwerk über das ganze Land … und hat da nicht sogar Xavier Naidoo seine Finger mit im Spiel? Man muss offensichtlich gar nicht dort gewesen sein, um sein Urteil über die Popakademie Baden-Württemberg gefällt zu haben. Doch was taugen diese Vorurteile unter Live-Bedingungen? Unser Autor hat sich zwei Tage unter die Studierenden gemischt.

An der Bushaltestelle „Popakademie“ drängt sich ein vielköpfiger Chor und schmettert: „Bus stop, wet day, she’s there, I say: ,Please share my umbrella!“ Das Publikum ist begeistert von dem Hollies-Oldie – und das alles auf offener Straße. In was für eine Welt ist man hier denn geraten? Lasse mir aber nichts anmerken, tue so, als würde ich ständig mehrstimmigen Pop-Vokaldarbietungen auf dem Bürgersteig beiwohnen und frage mich, was ich mir von diesem Besuch eigentlich versprochen habe. Nun, falls die Antwort lauten sollte, auf eine verrückte musikalische Sekte zu treffen, dann Bingo!

Der Chorschein gehört zum Grundstock der Ausbildung hier, so sind seine Mitglieder auch ein guter Querschnitt durch die Studierenden des Studiengangs Musik der Popakademie Baden-Württemberg. Ein bisschen gleicht die Zusammensetzung einer Benetton-Reklame aus vergangener Zeit, bei der es allerdings nicht darum geht, alle möglichen Ethnien abzubilden, sondern eine, die sich auf die Genre-Diversität der Popmusik konzentriert. Es gibt gestenreiche R’n’B-Girls, motivierte Metal-Typen, glamouröse Freaks, verschlafene Indies, federnde Emo-Scheitel, ein wenig Normcore. Nahezu jede Gattung scheint vertreten.

Für zwei Tage werde ich nun selbst dazugehören können und das Segment Senioren-Hipster in Deutschlehrerverkleidung stärken. Hoffentlich gibt’s eine Raucherecke. Fühle mich wie die Undercover-Cops aus „21 Jump Street“, die trotz sichtbarem Generationen-Gap als Schüler in den Fall eingebucht werden. Das nächste Lied, das der Chor anstimmt, ist „Africa“ von Toto. Solange sich derart wertstabil im Pop bewegt wird, kann ich mich gerade noch einpassen. Dennoch, einige meiner Kommilitonen mustern mich bereits skeptisch. Hoffentlich gibt’s nicht schon an Tag eins was aufs Maul.

Popakademie ist Mannheim

Wer Popakademie sagt, der muss auch Mannheim sagen. Und da fängt’s doch schon an mit den Klischees: Joy Fleming, die Innenstadt mit Schachbrett-Grundriss, ein schwerer, unangenehmer Geruch aus einem Tierfutterbetrieb in den Straßen – und Klaus „Schlappi“ Schlappner, der Sympathieträger des verblichenen Fußballwunders Waldhof Mannheim, kandidierte 1968 für die NPD.

„Menschen aus dem Rest der Welt, bitte reduziert uns nicht auf Xavier Naidoo!“

Dass in Mannheim zum Beispiel auch das Fahrrad (na ja, eigentlich war es ja das Laufrad – Anm. d. Red.) und Spaghettieis erfunden worden seien, werde ich erst in den nächsten Tagen erfahren. Es gibt also auch schmeichelhaftere Klischees. Doch alles ist nicht wichtig, solange man einer Bitte der Ansässigen nachkommt, die ungefähr so klingt: „Menschen aus dem Rest der Welt, bitte reduziert uns nicht auf Xavier Naidoo!“ Nun, wer will ihnen diesen Wunsch verdenken.

Popakademie ist Jungbusch

Jungbusch, so heißt der rheinhafennahe Stadtteil, in dem 2003 die Akademie aus dem Boden gestampft wurde. Bewusst hatte man damals ein Problemviertel gewählt. Die Dreifaltigkeit, von der aus sich Gentrifizierung entfalten kann, lag hier auf der Hand: günstige Mieten, viel Potenzial, Kleinkriminalität. Über zehn Jahre später wirkt alles hier wie ein Modellkiez zum Thema Stadtteilaufwertung.

Was in Berlin gleich halbe Bezirke ummodelt, komprimiert sich in Jungbusch allerdings fast nur auf zwei Straßenzüge direkt bei der Akademie. Die Gentrifizierung steckt hier offenbar in einer frühen Phase und strahlt noch dieses Utopische aus. Rotbackige Pop-Akademisten teilen sich den Kiez mit eingesessenen Migrantenfamilien, der Kaffee in einem urigen italienischen Lokal an der Ecke vermischt die Lebenswelten. Allerdings kündet der Umbau von Fabriketagen zu hochpreisigen Lofts direkt neben der Akademie bereits davon, dass die Utopie eines fruchtbaren Schmelztiegels doch nie von Dauer sein wird. Aber das ist Zukunftsmusik. Heute wird noch unter aufgeregtem Gegockel kurz der rote Gangsterboss-Ferrari einer italienischen Clique aus einer unscheinbaren Garage gerollt. Heute ist alles noch ziemlich krass. Ein bisschen Milieu, ein bisschen Zwielicht, herrlich. Türkische Lädchen neben DIY-Futterklitschen mit Hummus-Burger, sowie abgefeimte Absturzkneipen wie das „Rhodos“, die noch pumpen, wenn sonst schon alles in der Stadt längst zugesperrt hat und die Sonne wieder aufgegangen ist.

Ich mache mir sofort Sorgen um meinen Abschluss, wenn derartige Tränken verfügbar sind … Aber ich muss ja gar nichts bestehen. Dafür werde ich dieser Tage bei meinen Gesprächen mit Studierenden noch in viele gerötete Augen schauen. Aber was für einen Newswert hat schon die Information, dass in der Ausbildung viel Alkohol getrunken wird? Und auch der leicht befremdliche Moment, über hundert Menschen eine Bushaltestelle besingen zu sehen, lässt sich letztlich in Zurechnungsfähigkeit auflösen: Die Haltestelle „Hafenstraße“ wurde feierlich umbenannt und heißt nun endlich „Popakademie“ – wem wäre da nicht nach einem Liedchen zumute?

Popakademie ist (mehr als nur) Musik

Wecker tickt, Akademie ruft, es kann losgehen. Was denn überhaupt? Angeboten wird zum einen der Bachelor in Musikbusiness. Mit dem erhält man eine BWL-unterfütterte Ausbildung für Musikindustrie und die sogenannte Kreativwirtschaft. Der zweite Studiengang nennt sich Popmusikdesign. Mit dem wird man Musiker, allerdings mit der Zielsetzung, sich nicht das Adjektiv „brotlos“ abzuholen. Die Künstler erhalten eine Ausbildung an ihrem Haus- und weiteren Instrumenten, sodass sie als Studiomusiker gebucht werden können, bekommen Einblicke ins Produzieren und es dreht sich viel um das Handwerk Songwriting, ebenfalls ein Mittel, Geld zu verdienen, wenn es mit der Interpretenkarriere nicht klappt.

Zudem ist es mittlerweile möglich, den Master in beiden Feldern in Mannheim zu absolvieren – und seit letztem Jahr hat man die beiden Studiengänge um einen weiteren aufgestockt: Jetzt ist auch noch „Weltmusik“ im Angebot. „Das wurde gut angenommen, aber ist organisatorisch immer noch eine Herausforderung, gerade auch weil wir es teilweise mit Menschen mit ungesichertem Aufenthaltsstatus zu tun haben und wir Deutschkenntnisse voraussetzen“, erklärt Andreas Margara, der die Public Relations der Popakademie betreut.

Die eigene weiße Mittelschicht-Blase zu öffnen und konkret Teilhabe von außerhalb Deutschlands oder gar von Flüchtlingen zu ermöglichen, darin steckt eine sehr reale Utopie – neben den üblichen Pop-Assoziationen zwischen Paul Simon und Vampire Weekend. Doch um alles kann ich mich auch nicht kümmern, ich muss schließlich an meine Karriere denken! Also setze ich mich in das Seminar Musikwirtschaft, Thema „Onlinewerbung – Das Internet als digitale Anzeigenplattform“. Klingt öde? Scheint sich aber zu lohnen, der Direktor des Businessbereichs, Hubert Wandjo, erzählt: „An dem Tag, an dem unsere Absolventen ihre Zeugnisse bekommen, haben mehr als 70 Prozent schon einen Job.“

Im Unterrichtsraum herrschen humorlose Bankreihen, frontal zur Tafel gerichtet, wie schon zu Pepe Nietnagels Zeiten – allerdings wären dem die zusätzlichen Sitzsäcke und der kleine, prall gefüllte Red-Bull-Kühlschrank wohl nicht ganz geheuer. Neu ist mir hingegen, in einer Vorlesung tatsächlich interessante Inhalte vermittelt zu bekommen. Ein übertrieben attraktiver Dozent führt in Powerpoint durch das Thema Facebook-Marketing, also alles was aus „Sponsored Posts“ noch rauszuholen ist – an Reichweite und Genauigkeit. Offensichtlich eine ganze Menge „Customized Audience“, „gespiegelte Zielgruppe“, alles geil, gefühlt lerne ich in einer Stunde mehr als im ganzen Studium Germanistik, ich schreibe alles mit. Ob ich das in meinem Musikexpress-Artikel werde brauchen können? Keine Ahnung. …Welcher Musikexpress-Artikel überhaupt?

Danach unterhalte ich mich in der eher funktionalen Mensa mit Alina, sie ist im sechsten Semester, nennt die Einrichtung ausschließlich „Poppe“ und plant ihre Bachelorarbeit über Snapchat. Jemand, der tatsächlich Snapchat versteht? Ein großer Traum jüngeren Datums wird wahr, dafür glüht nach ihrem Tutorial das Handy allerdings vorwurfsvoll vor sich hin, der Akku ist leer und kurz darauf vibriert auch noch per SMS die gefürchtete Hiobsbotschaft rein: „Ihr Highspeed-Datenvolumen für diesen Monat ist aufgebraucht“.

Popakademie ist Makel

Nichts gegen diese und andere Aha-Erlebnisse meiner Zeit als Business-Student hier, aber nun steht endlich der nach außen weit sichtbarere Zweig der Akademie auf dem Programm: Musik. Hier werden die Talente von morgen zu Voice-of-Germany-tauglichem Einheitsbrei geformt. Will ich zumindest für meine Story hoffen. Doch ich ahne bereits Schlimmes, also Gutes …

Die Leitung des Zweigs hat Mitbegründer und Akademie-Face Udo Dahmen inne, der schon 1982 für die Entstehung des Popkurses in Hamburg (in dem unter anderem Wir Sind Helden zusammenfanden) Sorge trug. Ein erschütternd allürenloser Ehrenmann mit freundlicher Kumpelroutine – und seit den 70ern als Schlagzeuger tätig. Darin gibt er auch den Einzelunterricht, in einem Zusatzbau sitzen er und ein stilles Kraftpaket an zwei Schlagzeugen.

Es geht um verschleppte Achtel im Funk, oder so ähnlich. Vor allem ist es tierisch laut, ich höre den Rhythmus-Unterschied nicht, der da erarbeitet werden soll, und lange halte ich es hier auch nicht aus … Scheiße, meine Ohren! Allerdings ist die Symbolkraft eines Chefs, der selbst zu den Drumsticks greift, nicht zu unterschätzen. Eine ähnliche Situation, anderer Sound, in der Gitarrenklasse, alles Eins-zu-eins-Unterricht, alles Koryphäen, die versuchen, ihren Schülern erweitertes Handwerk zu vermitteln, ohne deren jeweiligen Stil einzuebnen, wie es heißt. Als Nächstes steht Ad-Hoc-Songwriting bei Gesangscoach Annette Marquard auf dem Plan. Das Setting klingt, als wäre es einen Pitch beim Privatfernsehen wert: Drei Studierende bekommen ein Schlüsselwort („Licht!“), einen Beat und 20 Minuten Zeit. Zeit, eine Melodie zu finden und einen Text zu schreiben. Was klingt wie die Fingerübung für Rock-Amadeuse ist allerdings prüfungsrelevant – und gelingt den Beteiligten aufs Erstaunlichste. Verdammte Überflieger!

Vielleicht doch alles ein neoliberaler Optimierungsknast in kreativ, bei dem ganz perfide die Verformung von den Betroffenen selbst ausgeht? Es gibt sie hier natürlich tatsächlich, die Studis, die völlig aufgescheucht sind, weil ihnen ein Plattenfirmen-Gastdozent konstatiert hat, ihr Song bräuchte in der Bridge zu lange, bis der Refrain kommt – und die bereit sind, jede eigene künstlerische Vision für ein Thumbs-up von der Business-Fachkraft über Bord zu werfen. Doch es wäre vermessen, zu glauben, solche Kultur-Dienstleister würden ohne Popakademie freiere Kunst machen.

Ich will mehr zu dem Thema rausfinden und spreche mit Tilman. Seine Band – man muss an der Popakademie mit Kommilitonen eine Band gründen! – heißt Lampe. Er wirkt wie die Anti-These eines High-Profil-Pop-Checkers: hochgezogene Schultern, kleine Pupillen, ziemlich zufälliger, etwas wüster Haarschnitt. Ob es nicht kontraproduktiv sei, wenn man wie er schluffigen Indie-Sound macht und auf der Gitarre präzise Funk-Rhythmen zu repetieren lernt, will ich wissen. „Ich bin eher so Fan des Dilettantismus, ich spiele auch falsche Töne – das aber mit Überzeugung. Da haben die hier am Anfang auch nicht recht gewusst, was sie mit mir anfangen sollen, aber niemand versucht dich in eine andere Richtung zu drängen.“ So kommt es nicht nur in diesem Gespräch rüber, doch wenn alles so harmonisch aufgeht, warum brüstet sich dann zum Beispiel Casper in einer Version seines Stücks „Die letzte Gang der Stadt“, dass er mit „Bomben an ’nem Jeep in die Popakademie“ fahren möchte? Zumal ihm doch der Vorzeige-Absolvent (wider Willen) Konstantin Gropper sein Album HINTERLAND mitproduzierte?

Auch Tilmans Band Lampe kennt die dauerhaften Auseinandersetzungen an dieser Kampflinie zur Genüge, unlängst ermöglichte Albrecht Schrader (Musiker unter anderem für „Neo Magazin Royale“) ihnen eine Support- Tour, auf der sie nicht nur für ihn, sondern auch für Die Sterne eröffneten. „Mir ist oft unangenehm, vor anderen die Popakademie-Sache anzusprechen. Dabei ist es doch gar nicht schlecht, ich rede es mir nur selbst schon schlecht, schließlich verfolge ich die Musikpresse und darin stolpert man immer wieder über Negatives darüber. Bei der Tour mit Albrecht Schrader haben wir das Thema dann auch erst am letzten Tourtag angesprochen, so ,Übrigens, wir müssen euch noch was beichten …‘.“ Klingt fast lustig, aber wie witzig ist es, sich für das, was man tut, erklären oder gar verstecken zu müssen?

Oder das Beispiel Isolation Berlin. Die gefeierte Band teilt sich mit Lampe das Management – das von der Schwester des Isolation-Gitarristen mit ins Leben gerufen wurde, noch während ihres laufenden Popakademie-Studiums. Dass auch drei Mitglieder jener Isolation Berlin auf der – im Gegensatz zu Mannheim – kostenpflichtigen Hochschule für populäre Künste in Berlin (hdpk) waren, davon lässt die Band keinen Ton verlauten. Gefährlich fürs Image, schlecht für die Quote. Selbstschutz. Der Neidstandort Deutschland spielt dabei sicher eine Rolle. Neid auf die Infrastrukturen, die enge Betreuung und vor allem auf das über das Studium weit hinausgreifende Netzwerk der Akademie-Absolventen. In anderen Ländern wie England sind solche Ausbildungsangebote viel weiter verbreitet und werden als Option und nicht als Image-Makel verstanden. Doch bei der reflexhaften Abneigung schwingt auch noch etwas anderes mit: Die romantische Vorstellung (und die kommerzielle Vermarktung) des Künstlers als Genie. Ein Genie, das sich selbst erschaffen hat – am besten noch aus einfachsten Verhältnissen stammt. Hier wird Pop endgültig wieder zum Märchen – aber eines, das seine Protagonisten quält. Nicht unähnlich dem Narrativ, dem Top-Models unterworfen sind: Die haben nämlich auch stets noch in jede Kamera zu flöten, sie hätten ihre hard bodys nicht durch Disziplin modelliert, sondern würden sich regelmäßig Schokolade und Burger gönnen. So lange dieser Mythos des unverbildeten Genies – nahe eines musikalischen Kaspar Hausers – gepflegt wird, so lange haftet Orten wie der Popakademie in Mannheim immer auch etwas Toxisches an. Das Showgeschäft, auf das man seine Schützlinge vorbereitet, ist eben hart.

Popakademie ist work in progress

Epilog. Schon wieder Zeit, Abschied zu nehmen, morgen geht es zurück, die Facebook-Marketing- und Snapchat-Skills kann mir keiner mehr nehmen. Abends ist noch mal „work in progress“, so nennt sich das regelmäßige Vorspielen innerhalb der Akademie. Die Acts aus dem Fach Musik zeigen, wo sie gerade stehen und so mancher aus der Sektion Business hat hier schon die eigenen Kommilitonen unter Vertrag genommen. Sieben Bands spielen, jede vier, fünf Lieder, erneut wird das Flair des Diversen erlebbar. Unterschiedlichste Stilrichtungen, unterschiedlichste Gradierungen von Interessantheit. Zum Schluss tobt exzentrisch kostümiert eine Gruppe namens Splittermann über die Bühne, ihre Performance besitzt Deichkind-Anmutungen. Im letzten Stück skandiert der Frontmann wieder und wieder eine Frage: „Seid ihr meine Zielgruppe?!“ Das Publikum freut sich einen Ast.

Peter Wolff Musikexpress
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