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Warum nicht die größte Band der Welt werden? Kings Of Leon, einst liebevoll "The Southern Strokes" genannt, orientieren sich inzwischen an Pearl Jam und U2. Mit ihrem vierten Album wollen sie nun endlich "das nächste Level" erreichen. Im Gespräch mit dem ME blicken sie aber auch auf den Tiefpunkt ihrer Karriere zurück. "Wenn wir aufgewacht sind, hat uns alles wehgetan. Und den Schmerz bekommst du nur weg, wenn du mit den Drogen weitermachst..."

Ich will nicht Name-Dropping betreiben, aber Eddie Vedder hat zu mir gesagt…“ so beginnt Caleb Followill, Sänger und Gitarrist der Kings Of Leon, 2008 gerne mal einen Satz. Auch Bono wird immer wieder ehrfürchtig zitiert, seit die Followills 2005 im Vorprogramm von U2 auf Tour waren. Während bei zahlreichen Bands ihrer Generation oft Ironie oder sogar Zynismus mitschwingt, wenn sie von solch überlebensgroßen Figuren der Entertainment-Industrie sprechen, ist bei Kings Of Leon keinerlei kritische Distanz ist zu spüren. „Bono hat mir einen guten Tipp gegeben „, berichtete Caleb 2007 voller Dankbarkeit in einem Interview. „Die beste Musik, sagte er, dreht sich immer um einen Menschen, der entweder zu Gott strebt oder vor ihm auf der Flucht ist.“ Auch und vor allem ist Bono das große Vorbild, wenn es um Erfolg ‚ geht: „Eine Band wie U2 kann einem Demut lehren „, sagt Caleb. „Wenn man so lange dabeibleiben will wie sie, muss man es mit genauso viel Hingabe, Disziplin und Durchhaltevermögen machen.“

An diesen Tugenden hat es Kings of Leon früher immer wieder gemangelt. Heute ist ihr Verhalten auf und abseits der Bühne durch und durch professionell. Caleb, seine Brüder Nathan (Schlagzeug) und Jared (Bass) sowie Cousin Matthew (Gitarre) sind alle in festen Beziehungen und verbringen den Großteil ihrer Zeit zwischen Tourbus, Proberaum und Studio. Die letzte Prügelei zwischen Caleb und Nathan liegt über ein Jahr zurück (sie gehörte zu den spektakuläreren Zusammenstößen der jüngeren Familiengeschichte: Nathan drehte seinem Bruder den Arm so gewaltsam aus dem Gelenk, dass diesem auf der BECAUSE OF THE TIMES-Tour fast täglich die Schulter heraussprang. Die meisten Songs des neuen Albums only by the night entstanden nach der Operation unter dem Einfluss starker Schmerzmittel), und harten Drogen haben sie auch abgeschworen. Was die Zukunft ihrer Band angeht, haben die vier Männer aus Tennessee in den letzten Jahren einen geradezu verbissenen Ehrgeiz entwickelt. Bigger is better: „Das ist, wie wenn du jemand bei einer Computerfirma fragst, ob er Bill Gates sein will“, erklärte Caleb kürzlich. „Jeder will das Maximale erreichen – und wenn es nur darum geht, dass deine Familie stolz auf dich ist.“,Wir veröffentlichen jetzt unsere vierte Platte“, sagt Nathan. ,Wenn wir richtig groß werden wollen, sollten wir uns langsam darüber Gedanken machen, wie wir das nächste Level erreichen.“

In England läuft bereits alles nach Plan.

Ende Juni waren Kings Of Leon Headliner beim Glastonbury-Festival. Der nächste Schritt, witzelte man in der Band, könne nur noch eine riesige Bühne sein, von der aus man für die ganze Insel spiele. Auch in Paris füllten sie bereits im Juli und damit Wochen vor Veröffentlichung des neuen Albums – die beeindruckend große Halle Le Zenith. In Deutschland geht es langsamer voran, doch auch hier wächst die Band beständig. Wirklich zäh läuft es lediglich in ihrer Heimat: In den USA warten Kings Of Leon weiterhin auf den ganz großen Durchbruch. Mit Geduld – im Gegensatz zu ihren Vorbildern: U2 gingen so weit, ihre Musik kostenlos für einen iPod-Werbespot zu lizensieren (Bono in der Chicago Tribüne: „Wir haben darum gebeten, in diesem Spot sein zu dürfen. […] Rock ist eine Nische. […] Wir wollten, dass auch Leute unsere Musik hören, die nicht in dieser Nische sind.“ ) und traten bei den Grammy-Awards und in der Halbzeitpause des Super-Bowl-Finales auf. Solche Aktivitäten seien „der Beweis, dass man wirklich an seine Arbeit glaubt“, sagt Bono, alles andere sei lediglich Zeichen eines „Mangels an Ambitionen“.

„Am Anfang sind wir durchaus in Versuchung gebracht worden“, sagt Caleb bei einem Gespräch, das wir mit ihm und seinem Bruder Nathan in einem Pariser Hotel führen. „Einer der ersten iPod-TV-Spots wurde uns angeboten -fast alle großen Sachen dieser Art wurden uns unter die Nase gehalten. Wir waren einfach Arschlöcher und haben Nein gesagt.“ Nathan nickt: „So wollten wir nicht berühmt werden: ,Oh, das ist die iPod-Band, das ist die Band, die in dem Werbespot war‘ das ist das Schlimmste. Wir wollten über unsere Musik bekannt werden, als Band. Nicht als Marke, als etwas, das sich mal schnell prostituieren lässt.“

caleb: „Wenn wir die Sachen gemacht hätten, die uns angeboten wurden…“ Nathan: “ …wären wir heute scheiß viel reicher.“ caleb : „Klar. Aber wir wären nicht hier und würden über unser viertes Album sprechen. Man würde uns immer noch melken. Schau Jet an: Man hört noch immer diesen einen Song [„Are You Gonna Be My Girl“], und jedes Jahr ist er in einem neuen Werbespot. So wollten wir nicht enden.“

Eine klare Haltung – wäre da nicht ein amerikanischer Werbespot von diesem Jahr, in dem neben einem Ford Focus „Red Morning Light“ quasi die zweite Hauptrolle spielt. Der Song erschien auf youth and young manhood und wurde in den USA am 19. August 2003, eine Woche vor Jets „Are You Gonna Be My Girl“, veröffentlicht. Kurz nach Erscheinen des Debüt-Albums hatte es ebenfalls bereits einen Werbeclip für den VW Jetta gegeben, in dem „Molly’s Chambers“ prominent eingesetzt wurde. Haben sie weitere Angebote dieser Art bisher nur deshalb ausgeschlagen, weil sie nicht lukrativ genug waren? Vielleicht ist es ja in Zeiten sinkender CD-Verkäufe doch verlockend, gelegentlich ein paar Millionen für zwei, drei Tage Arbeit in einem Studio in Hollywood einzustreichen?

„Das ist ein schwieriges Thema, das bei uns durchaus oft diskutiert wird“, gibt Caleb zu. Immerhin sind sie bisher tatsächlich nicht in die Falle getappt, „die Band aus der Werbung“ zu werden. „Letztendlich musst du mit deinen Entscheidungen leben“, meint Nathan. „Ich könnte besser schlafen, wenn wir mit dem, was wir als Band tun, auf die Nase gefallen wären, als wenn ich viel auf dem Konto hätte, aber die Band zu etwas geworden wäre, was wir nie wollten. Lieber reich undglücklich als sehr reich und unglücklich.“

Wirklich Unglücklich -und ganz und gar nicht reich – waren Kings Of Leon zuletzt am Ende der Tour zu ihrem zweiten Album aha shake heartbreak. Auf einer endlosen Konzertreise verlor sich die Band 2005 und 2006 in allen Klischees des Rock’n’Roll-Lifestyles und schoss dabei so weit über das Ziel hinaus, dass sie sich schließlich in freiem Fall befand. ,AUe, sogar die Plattenfirma, wollten damals, dass wir schleunigst diese Tour beenden“, erzählt Caleb, während er in einem Mojito rührt. „Wir waren einfach sehr müde, wir hatten so hart gearbeitet. Und als uns dann jemand gezeigt hat, dass dich Kokain aufweckt, haben wir Spaß daran bekommen, wach zu sein. Also haben wir es oft und schließlich immer gemacht. Du bist dann untertags völlig verändert. Du spielst dein Konzert, und es geht immer weiter. Wenn wir am nächsten Tag aufgewacht sind, hat uns alles wehgetan. Und den Schmerz bekommst du nur weg, wenn du mit den Drogen weitermachst. Wir sind dann nach der Tour raus auf unsere Farm auf dem Land gefahren. Und weißt du, es gibt kein gutes Kokain in Tennessee. Wir haben es aufgegeben.“

Laut Nathan hat der Entzug neun Monate gedauert – erst dann kehrte langsam Farbe in ihre Wangen zurück. „Es war nicht so, dass wir kleine Häufchen Koks genommen haben,wir haben große Mengen konsumiert“, erläutert Caleb. „Nicht nur Kokain, eigentlich alles, was wir kriegen konnten. Aber nach den ersten paar Wochen zu Hause wird dir klar, dass es dir [ohne] besser geht. Wenn du jemand triffst, kommt auf einmal wieder ein: ,Wow, du siehst gut aus!‘ Und du bist erstaunt, ,Echt?Äh, danke. Ich hob auch wieder Hunger..: Das hat uns auch bei den Aufnahmen von because of times geholfen: Wir haben ein größeres Album machen können, ohne dass uns irgendetwas runtergezogen hat.“

ONLY BY THE NIGHT ist noch ein bisschen größer geworden – es ist eingängiger, stadiontauglicher. Dass es stellenweise vielleicht auch einen Tick pathetischer als die Vorgänger ausgefallen ist, liegt an Calebs Vocals: Inspiriert von dem Radiohead-Album In rainbows („Thom Yorkes singt sich den Arsch ab“), hat er am Mikrofon mehr Selbstbewusstsein gefunden. Zeilen, die er früher genuschelt hätte, singt er heute – gepresst und kehlig, aber aus voller Brust -, was den Sound der Kings Of Leon mehr denn je an 70er- und 8oer-Jahre-Classic-Rock annähert. Die sentimentale Ballade „Frontier City“, die diese Entwicklung am deutlichsten dokumentiert (und die mit dem leidenschaftlich gesungenen Text „We live until we live no more“ beinahe lächerlich wirkt), wurde in letzter Sekunde vom Album genommen. Geblieben aber ist der ähnlich dramatische Song „Revelry“, in dem Caleb beim Refrain wie Joe Walsh von den Eagles klingt. Bei „Use Somebody“ hat der US-Rolling-Stone bereits auf Parallelen zu Journeys Powerballade „Faithfully“ hingewiesen, „Be Somebody“ hat U2-artige Arena-Gitarren mit schwebenden Flageolett-Tönen, „Seventeen“ gar Weihnachtsglocken und eine Powerbridge mit monotonen Drums zum Mitklatschen.

Die Musik ist selten einfältig – gelungene Details wie der Joy-Divison-Bass bei „I Want You“ und die ungewöhnliche Betonung auf den Schlägen vier und sieben im Opener „Closer“ verleihen den Songs durchaus Qualität -, auch wenn der Titel der Single „Sex On Fire“ in Sachen Dämlichkeit den Spinal-Tap-Songs „Sex Farm“ und „Lick My Love Pump“ Konkurrenz macht.

Um nicht in Versuchung zu geraten, haben die Kings Of Leon ihr viertes Album wieder in Nashville, Tennessee aufgenommen. „Wenn du in New York oder LA. eine Platte machst, kannst du mit einem Anruf alles geliefert bekommen, alles, alles, alles“, sagt Nathan. Die Wochenenden haben sie auf ihrer Farm verbracht, die nur einen kurzen Fußmarsch vom Anwesen ihrer Mutter entfernt ist. Das Verhältnis zwischen ihnen und ihr ist gut, die ganze Familie aber kann die Band nicht zu ihren Fans zählen. Obwohl der Stammbaum angeblich bis zum Bruder des ersten Präsidenten George Washington zurückzuverfolgen ist, gehört die Mehrzahl des großen Followill-Clans in Tennesse heute nicht unbedingt zur Bildungselite. Rock’n’Roll ist und bleibt für viele gläubige Verwandte nun mal Teufelszeug.

„Es gibt Familienmitglieder, die sich weigern, auf die Konzerte zu kommen oder die Alben zukaufen“, berichtet Caleb. „Für die ist unser Job nichts, auf was man stolz sein könnte. Teilweise steckt auch Neid oder Dummheit dahinter. Wir waren früher immer die Armen in der Familie. Ein paar andere hatten eszu irgendetwas gebracht. Und jetzt haben wir das umgedreht. Damit haben einige ganz schön Probleme.“- ,Aufder Seite meiner Mutter gab es fünf Mädchen, und jede hat einen Pfarrer geheiratet. Die waren am Anfang schon skeptisch. Aber jetzt laden sie uns ein, damit wir Geld für irgendwas spenden oder so“, ergänzt Nathan.

Bevor unsere Zeit mit den Kings Of Leon abgelaufen ist, müssen wir noch einmal zu Eddie Vedder zurückkehren. Was, bleibt aufzulösen, hat er denn nun zu Caleb gesagt? „Jaja, als wir mit Pearl Jam auf Tour in Australien waren, hat er mich gefragt, wie man einige Songs von uns spielt“, erzählt er. „Ich hab sie ihm vorgespielt, und er hat gesagt: .Immer wenn ich einen Song höre, der mit einer Gitarre beginnt, die nur auf zwei Saiten gespielt wird, weiß ich, dass jetzt ein Kings-Of-Leon-Song kommt‘ Also hab‘ ich versucht, das noch auszubauen, und dann…“, berichtet er voller Stolz und erzählt und erzählt und erzählt.

Und während er sich zunehmend in Details verliert, die mit dem Sound seiner Gitarre und der Schaltung seiner Fußpedale zu tun haben, finden wir uns schweren Herzens damit ab, dass die Eddie-Vedder-Anekdote nirgendwohin geführt hat. Schade auch, dass damit die Geschichte zum vierten Album der Kings Of Leon mit einem etwas beliebig wirkenden Zitat ohne Höhepunkt, ja, geradezu antiklimaktisch endet. Aber wie heißt es noch gleich in „Molly’sChambers“? „You’get down on your knees for just another taste. And when you think she’s let you in – that’s when she fades away.“ Das Leben ist eben kein Pornofilm. »>

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