An der Bar: Nils Keppel über Selbstständigen-Luxus, Qualitätsarbeit & zu viel Salz
Kaum im Berliner Dorle an der Oranienstraße Platz genommen, kippt jemand ein klebrig-süßes Getränk über den Tisch. Nils Keppel holt Servietten, bleibt locker und lösungsorientiert – und hat danach eine Menge Storys zu teilen.
Eigentlich wollten wir uns in der Kleinen Philharmonie treffen, dann musste ich krankheitsbedingt absagen. Nun ist es das Dorle geworden. Das tut mir leid. Was magst du an der Kleinen Philharmonie?
Nils Keppel: Das ist einfach richtig schön da. Tolle Getränke, tolle Leute. Und es ist heller und die Musik läuft leiser. Das mag ich am liebsten. Sonst werde ich müde.
Uff und dann läuft hier laut Radiohead und das Licht wird mit der Zeit gedimmt.
In Leipzig gibt es viel lautere Bars. Das geht hier schon. Und ich bin schnell beim Konzert – ich will gleich noch ins SO36 zu Die Nerven. Hier gibt es sogar Essen. Und das zu einem fairen Preis, das ist ja crazy. (vertieft sich in die Karte) Wollen wir uns Brotchips mit Hummus teilen?
Gerne! Und was trinkst du?
Ich nehme einen Pornstar Martini.
Ich nehme den Nero d’Avola. Der Name klingt so schön. Welchen Luxus gönnst du dir?
Krankenversicherung als Selbstständiger. Selbst kochen und Zugtickets. Ich fahre von Leipzig oft nach Berlin. In Leipzig zahle ich weniger Miete, da kann ich bei den Bahntickets mehr ausgeben.
Ich dachte, du erzählst mir von deiner Instrumentensammlung.
Ich bin ein sucker für Equipment und suche nach speziellen Sachen. Aber sobald sie da sind, stehen sie die meiste Zeit rum. Ich kann kein Instrument wirklich spielen, deshalb reichen mir die schlechtesten Gitarren der Welt.
Warum dann die ausufernde Suche?
Weil ich mir einbilde, ich könnte plötzlich so spielen wie die Leute, von denen ich mir das Instrument abgeschaut habe.
Das klingt selbstkritisch.
Okay, anders gesagt: Ich produziere gerne selbst. Das Album habe ich komplett geschrieben und vorproduziert, sodass sich Lukas [Korn] und Anton [Zimmermann] mit mir im Studio wirklich streiten mussten – darüber, was sie noch verändern dürfen. So werde ich es wohl auch bei der nächsten Platte machen, weil das Teil des Spaßes ist.
Macht dir Brotchipsknabbern auch Spaß?
Das ist voll salzig. Das sage ich, obwohl ich immer Salz in der Tasche habe – ich mag Salz wirklich sehr. Aber ich wollte in diesem Jahr die Salzzufuhr etwas reduzieren.
Dein Vorsatz für 2026?
Genau. Und mehr Wasser trinken. Das versuche ich allerdings schon, seit ich sechs bin.
Sprechen wir über deinen Künstlernamen – beziehungsweise darüber, dass es keinen gibt. Sehr bodenständig. War das immer der Ansatz?
Bei SoundCloud habe ich nie darüber nachgedacht, sondern einfach unter meinem Namen Musik veröffentlicht. Zu Spotify bin ich nur gewechselt, weil Freunde es mir empfohlen haben. Für mich war klar, dass ich mir dafür keine Künstlerpersona ausdenke.
Was kostet dich Energie beim Musikmachen?
Ein Album in Singles zu zerlegen, viel auf Instagram zu posten – und manchmal auch ein Konzert zu spielen. Dazu kommt, dass man Freunde um sich hat, für die man Verantwortung trägt, weil man sie durch die Musik mitversorgt. Das ist eine Menge. Ich bin nicht mit 15 viral gegangen, das entwickelt sich alles organisch. Ich hatte von Anfang an keine große Band. Das hat sich ergeben, weil ich gemerkt habe, dass ich mit meinen Fähigkeiten mit Laptop auf der Bühne nicht gleichzeitig Bass spielen kann. Ich habe auch viel Geld gespart, um mir eine Maschine zu kaufen, mit der ich Hall auf die Stimme lege. Dann habe ich dank eines Mischers irgendwann herausgefunden, dass er und seine Kollegen das live problemlos machen können. Ich könnte ewig so weitererzählen: Zum Beispiel bin ich mit meinen Kabeln in Rewe-Tüten zu Konzerten gegangen – das fanden alle total goofy. Die mussten mir erst erklären, dass man Cases braucht, damit nicht alles kaputt geht. Weil ich nicht ins Musik-Geschäft hineingeboren wurde, erschließe ich mir das alles rückwärts.
Wie gehst du beim Songschreiben vor – wird alles handschriftlich in ein Moleskine notiert?
Ich habe eine WhatsApp-Gruppe mit mir allein, das ist mein Notizbuch. Sie heißt „Gruppe mit mir selbst“. Wenn ich mithilfe einer Zeile daraus an einem Song arbeite, darf niemand ins Zimmer kommen, klingeln oder sonst etwas. Ich muss mich vollständig darauf konzentrieren können und nichts anderes an dem Tag vorhaben. Ich schreibe insgesamt nur wenige Songs. Alle Stücke auf der Platte habe ich in dem einen Jahr geschrieben.
Qualitätsarbeit. Lass darauf anstoßen!
Mir geht es darum, keine Musik zu machen, wenn ich mich nicht vollständig danach fühle. Diese Art von Beziehung will ich nicht zum Songschreiben haben. Das liegt daran, wie es bei mir anfing: Ich habe sensible Musik geschrieben in einem männerdominierten Kleinstadtumfeld, wo die meisten Fußball gespielt und HipHop gemacht haben. Mit HipHop hatte ich nur als Produzent zu tun, weil ich mir so an Weihnachten ein Mini-Keyboard und Boxen kaufen konnte. An der eigenen Musik habe ich zunächst heimlich gearbeitet und sie nur dem engsten Kreis gezeigt. Was ich daran mittlerweile vermisse, ist das Gefühl, Musik so zu schreiben, als würde sie niemand hören.
Warum kannst du nicht weiterhin so arbeiten?
Wenn ich nichts mache, passiert auch nichts. Ich habe kein richtiges Management. Aber ich will die Welt auch nicht mit neuen Sounds überhäufen, wenn es ohnehin genug Musik da draußen gibt.
Mit welchen Künstler:innen, tot oder lebendig, würdest du gerne mal etwas trinken gehen?
Das ist gar nicht so leicht. Ich liebe Slowdive, schreckte aber vor einem Treffen zurück. Was, wenn sie nicht so sind, wie ich sie mir vorstelle, und ich mir damit das Hören ihrer Songs versaue? Dann habe ich mal auf dem gleichen Festival wie sie gespielt, und meine Freunde haben dafür gesorgt, dass ich plötzlich vor Rachel Goswell stand, sie begrüßte und ihr mein Tape gab. Zum Glück lief es gut. Dennoch hadere ich bei Begegnungen mit Menschen, deren Kunst mir so viel bedeutet, dass ich ein Treffen mit zu viel – gerade im negativen Sinne – aufladen würde. Patti Smith und David Lynch wären wahrscheinlich okay, denn beide sind oder waren in den Interviews, die ich gesehen und gelesen habe, bemerkenswert zugänglich. Da wären die Voraussetzungen andere.
Mehr über Nils Keppel
Im Jahr 2000 in Kandel in der Pfalz geboren, lebt Nils Keppel inzwischen in Leipzig. Von dort aus veröffentlichte er seine ersten EPs, bis er am 13. Februar 2026 sein post-punkiges Debütalbum „SUPER SONIC YOUTH“ herausbrachte. In der Vergangenheit war Keppel bereits als Support von Bilderbuch unterwegs; im Frühjahr absolvierte er seine erste eigene große Tournee.
Mehr zu „An der Bar“
In unserer „An der Bar“-Serie finden sich Künstler:innen mit ME-Host Hella Wittenberg in gemütlicher Atmosphäre am Tresen für einen Deep Talk zusammen.






