An der Bar: José González über Lagom, KI und Familie
Abendsonne hat sich den Weg in die Bar des Michelbergers und ins Gesicht von José González gebahnt. Da ergibt es Sinn, sommerlichen Wein zu trinken und dabei über das schwedische Prinzip „Lagom“ zu sprechen, über Neugier in Zeiten der Umbrüche und über das eine Mal, als ihn der Weg in den Pool über einen Balkon führte.
ME: Das Wichtigste haben wir ja schon vor dem Hinsetzen erledigt – der Orange Wine ist bestellt. Wie schön, dass ich dich davon überzeugen konnte, obwohl du erst ein Bier wolltest. Woran lag das?
José González: In der Regel greife ich eher zum Bier, wenn ich nichts dazu esse. Aber dann habe ich dich darüber sprechen hören, und bei dem guten Wetter klang das plötzlich schön leicht und locker – wie eine Feier des Frühjahrs. Nur Hauptsache kein Rotwein! Der geht für mich wirklich nur mit Essen. Ich bin es ohnehin nicht mehr gewohnt, viel zu trinken. Das war mal anders.
Auf die Wärme und die Veränderung!
Darauf stoße ich gerne an. Ich habe Ambitionen, gesünder zu leben – für mich und meine Familie. Aber zu diesem Lebensstil gehört auch, in sozialen Situationen Ausnahmen zu machen und das Miteinander zu feiern.
Das scheint vernünftig.
Und ist wichtig für die Psyche. Nach über 20 Jahren auf Tour weiß ich, dass ich Pausen brauche. Das habe ich auch durch einen Ring gelernt, den ich eine Zeit lang getragen habe und der meine Herzfrequenz und meinen Schlaf gemessen hat. Man denkt ja oft, Alkohol würde den Schlaf vertiefen, aber tatsächlich lässt er das Herz eher unruhig schlagen.
Und trotzdem verwehrst du dir den Wein nicht.
Ich weiß auch, dass Pizza nicht das beste Essen für mich ist, und esse sie trotzdem. Im Schwedischen gibt es das Wort „Lagom“, was so viel heißt wie „gerade genug“. Daran halte ich mich: Es geht darum, das Leben zu leben, aber nicht komplett verantwortungslos zu handeln.
Leben leben – wie sah das zuletzt für dich aus?
Ich habe viel Zeit mit meiner Familie verbracht. Mit meinen Freunden. Mit Schreiben. Mit Konzerten. Im Moment präsent zu sein, fällt mir nicht leicht, das musste ich erst lernen. Vor etwa zehn Jahren habe ich angefangen, Tourmöglichkeiten bewusst auszuschlagen und Pausen einzulegen. Davor war vieles wie ein Rausch. Als ich von der Uni zur Musik wechselte, fühlte sich alles neu und intensiv an. Ich reiste an Orte, die ich nie zuvor gesehen hatte. Auch privat ging vieles schnell: Nach langen Beziehungen folgten direkt neue. Heute bin ich seit fast 13 Jahren in einer Beziehung, habe zwei Kinder und viel erlebt – das Aufwachsen der Kinder, all die Orte durch die Musik. Das hilft mir, den Moment mehr zu schätzen. Es fühlt sich harmonischer an. Inzwischen meditiere ich auch.
Mit wem würdest du – tot oder lebendig – gerne etwas trinken gehen?
Mit Nina Simone. Sie hatte eine starke Persönlichkeit, mit ihr hätte ich gerne Zeit verbracht.
Bist du eigentlich Foodie?
Ich gehe Essen eher wie David Attenborough an: Was sagt das, was und wie wir essen, über uns Menschen aus?
Wie machen sich die Menschen in deinen Augen?
Wenn man schaut, wie viel wir hinbekommen haben, für wie viele Krankheiten wir Lösungen gefunden haben, sodass man mit bestimmten Sachen leben kann, gibt es gute Entwicklungen. Auch wenn viel negativ über Künstliche Intelligenz gesprochen wird, denke ich: Vielleicht bringt sie uns dahin, dass Menschen mehr von dem tun, was sie wirklich wollen.
Mit so einer Antwort habe ich nicht gerechnet. Also bin ich auf deine nächste gespannt: Wusstest du schon immer, was du machen willst?
Nicht wirklich. Erst wollte ich skaten, dann Musik machen. Dann bin ich in die Biochemie gegangen und habe Musik nur nebenbei verfolgt. Heute fühlt es sich richtig an, Musik in den Mittelpunkt zu stellen. Es ist komfortabel, alle paar Jahre ein Album zu veröffentlichen und auf Tour zu gehen. Was die Zukunft bringt, weiß ich nicht genau. Musik wird sicher ein Teil meines Lebens bleiben. Konzerte wahrscheinlich auch. Aber vielleicht wird weniger meiner Musik in Filmen oder Serien verwendet – wenn man mithilfe von KI schnell viele ähnliche Stücke erzeugen kann, ist das natürlich günstiger.
Mit Blick auf deinen entspannten Gesichtsausdruck und deine Tonlage scheint dich das nicht wirklich zu beunruhigen.
Nein. Ich habe ein Zuhause, meiner Familie geht es gut. Selbst wenn mein Einkommen sinkt, glaube ich nicht, dass ich meinen Job komplett verliere. Konzerte wird es weiterhin geben. Menschen mit Geld werden bereit sein, Tickets für Shows zu kaufen. Aber bei Filmen könnte Musik weniger wert sein, wenn Alternativen jederzeit verfügbar sind.
Auf deinem neuen Album AGAINST THE DYING OF THE LIGHT geht es auch um Verantwortung. Wie können wir dieser gerecht werden?
Das ist nicht einfach. In der Politik dominiert oft ein Nullsummendenken: Wenn jemand gewinnt, verliert jemand anderes. Aber so funktioniert die Welt nicht. Ein Beispiel sind die USA und China: Die Vorstellung, dass der Gewinn des einen automatisch den Verlust des anderen bedeutet, führt zu Dominanzdenken – und das ist keine gute Herangehensweise für diese Zeit voller Umbrüche. Ein weiteres Problem ist das schwindende Vertrauen in Institutionen. Dabei sind unperfekte Institutionen immer noch besser als gar keine.
Sagt der, der sein Glas so wackelig hier auf die Ecke stellt. Du gehst wohl gerne Risiken ein.
Eigentlich nicht. Mein Sohn und ich sind eher vorsichtig – das war ich schon als Kind. Beim Skateboarden habe ich nie die verrücktesten Tricks gemacht. Es gibt unterschiedliche Arten von Risiko. Ein Freund von mir fliegt gerne Gleitschirm – das würde ich nie tun. Als Elternteil willst du dein Kind ermutigen, Dinge auszuprobieren, aber nicht, dumme Risiken einzugehen. Es geht um Balance. Natürlich macht man im Leben auch Fehler – ich auch. Alkohol erschwert es, Risiken richtig einzuschätzen. Ich erinnere mich an einen Moment in L.A., als ich betrunken vom Balkon in einen Pool gesprungen bin …
Mehr zu José González
Realitäten checken, ohne hoffnungslos zu sein: Genau so kommt AGAINST THE DYING OF THE LIGHT von José González an. Es ist die fünfte Platte des 1978 in Göteborg als Sohn argentinischer Einwander:innen geborenen Singer/Songwriters. Das Album erschien Ende März, im Mai ist der Mann mit der wolkenweichen Stimme und dem präzisen Fingerpicking für drei Konzerte in Deutschland zu erleben – im Oktober sowie November folgen weitere Gigs.
Mehr zu „An der Bar“
In unserer „An der Bar“-Serie finden sich Künstler:innen mit ME-Host Hella Wittenberg in gemütlicher Atmosphäre am Tresen für einen Deep Talk zusammen. Mehr von „An der Bar“ findet sich auch auf unserer Webseite www.musikexpress.de.




