Elton John Bekenntnisse eines Vereinspräsidenten


Seit seiner ersten Deutschlandtournee im Jahre 1971 hat sich Elton John hierzulande nicht mehr blicken lassen. Nun, wo er sich, wie er sagt, vom Bühnenleben etwas zurückziehen möchte, wird er plötzlich sehr gesprächig und leutselig. Und deshalb durften alle, die neugierig waren, Elton John in seiner Suite im Münchner Hilton Hotel befragen. Anschließend stellte sich der mit Clownsjackett und Adidas-Turnhosen bekleidete Rockstar in einer offenen Pressekonferenz ein weiteres Mal den Mikrofonen und Fotoapparaten. Ingeborg Schober, Münchner Mitarbeiterin des Musik Express, entlockte dem junggekürten Vereinspräsidenten der britischen Fußballmannschaft FC Watford unter vier Augen ein überraschend offenherziges Bekenntnis: „Mein soziales Leben“, erklärte er, „ist der Fußballclub. Der hat mich zurück auf die Erde gebracht und mit normalen Menschen zusammengeführt.“

ME: Warum, lieber Elton John, mit einem Mal so viele Interviews, nachdem es die beiden letzten Jahre unmöglich war, mit Dir zu sprechen?

Elton John: Ich hatte etwas gegen Interviews, das ist alles, was ich dazu sagen kann. Ich war’s einfach leid. Ich weiß, daß es für die Leute auf dem Kontinent besonders schwierig war, und ich habe mich nicht sonderlich angestrengt, hierher zu kommen. Ehrlich gesagt, bin ich sehr faul. Ich hatte aber auch nicht viel Zeit übrig und wenn’s möglich gewesen wäre, habe ich immer gesagt:“Oh, nein, ich will lieber ’ne Pause machen.“ Und jetzt habe ich ’ne Pause gemacht und ich habe keinerlei Verpflichtungen. Also, ist es jetzt O.K. Wahrscheinlich war ich zu müde oder in schlechter Laune, als ich um ein Interview gebeten wurde. Doch jetzt war es ein Art Pflichbewußtsein, mal wieder nach Europa zu kommen.“

ME: Stimmt es, daß du Dich von der Bühne zurückziehen willst? Magst Du Live-Konzerte nicht mehr?

E.J.: Eigentlich schon, bis zum letzten Jahr, also bis zur Amerikatournee. Da beschloß ich, daß ich nach sechs Jahren Shows, einer Menge Shows, mehr Zeit haben möchte, um andere Dinge zu tun; mehr Zeit, um Songs zu schreiben, um aufzunehmen, zum produzieren, mehr Zeit für meine Plattenfirma, für meinen Fußballclub. Wenn du die ganze Zeit auf Tournee bist, kannst du dich nicht dazu zwingen, auch nicht was anderes zu tun, weil. …..sobald du dich von der einen Tournee erholt hast, bist du schon unterwegs zur nächsten. Und so habe ich das sechs Jahre lang gemacht, und es hat mir gefallen, und ich werde wieder zurückkommen für weitere Shows. Aber was den Augenblick betrifft, da muß ich mir einfach etwas Erholung für andere Dinge gönnen.

ME: Warum eine eigene Plattenfirma, ist das notwenig?

E.J.: „Es ist nicht notwendig. Tatsächlich erstaunt es mich sehr, daß die meisten Künstler ihre eingene Plattenfirma nur als Vehikel für sich selbst benutzen, z.B. Moody Blues, Emerson, Lake & Palmer oder George Harrison. Die Single „Sony Seems To Be The Hardest Word“ und die LP „Blue Moves“ sind meine ersten Platten, die auf Rocket Record erscheinen. Davor kamen meine Platten nicht bei meiner Firma heraus; sie war für Leute wie Kiki Dee. Für Leute, die ich mag und kenne. In Amerika haben wir Erfolg mit Neil Sedaka, Cliff Richard und Hudson Brothers. Der einzige Grund, warum ich eine Plattenfirma habe, ist, daß ich Platten liebe. Für Platten habe ich schon immer ein Faible gehabt. Und ich wollte, daß die Firma auf eigenen Beinen steht, bevor meine Platten von ihr veröffentlicht werden. Und das ist jetzt so ziemlich der Fall. Und Rocket ist nicht dank meines Namens so gewachsen, sondern im Repertoire ohne mich, was sehr schön ist.“

ME: Was interessiert Dich, wenn du statt Sänger Produzent bist?

E.J.: „Bei Kiki Dees letzter LP habe ich zum ersten Mal neben Clive Banks mitproduziert. Und jetzt wird das ein zweites Mal passieren. Ich mag es, im Kontrollraum zu versuchen, den besten Klang für den Sänger zu schaffen, also es genau anders herum zu machen. Auf die technische Seite der Sache konzentriere ich mich übehaupt nicht, das macht Clive Banks. Ich konzentriere mich mehr auf das Gefühl des Künstlers, auf etwas, was die meisten Produzenten immer ignorieren. Die interessiert es mehr, wie das Schlagzeug klingt, obwohl da ein Künstler im Studio steht, um zu singen, und sein Bestes zu geben. Meistens hören die Produzenten nicht mal dem Sänger zu. Deshalb kümmere ich mich darum. Denn in meiner Karriere sind einige der besten Auftritte niemals auf Platte gekommen, weil… ich weiß nicht genau… aber es war wohl alles ein wenig zu technisch orientiert. Das sind auch die einzigen Fehler, die ich in meinem Plattenproduktionen finden kann. Und ich will in einer Produktion die Wärme eines Künstlers vermitteln, das ist sehr wichtig.“

ME: Findest Du, daß die Entwicklung der Rockmusik stagniert?

E.J.: Absolut! Mehr noch. Rockmusik ist zum größten Teil ein Geschäft geworden. Es hat mich wirkhch deprimiert letztes Jahr, als ich erkannte, was ich eigentlich mache. Es wurde mir klar, daß Plattenfirmen und Agenturen wissen, was für ein riesiges Geschäft Rockmusik ist und, daß es eine Menge Geld abwirft. Es ist einfach Establishment geworden und hat es bitter nötig, daß jemand kommt, der diese Establishment-Seite da raushält. Irgendwann wird das auch passieren, ich hoffe bald. Aber es ist sicher nicht Bruce Springsteen oder Patti Smith, denn beide sind nur ein Aufguß. Aber etwas wird gebraucht, ich selbst brauche irgendetwas Neues.“

ME: Kannst Du für diese Stagnation noch andere Gründe außer den geschäftlichen sehen?

„Es hat mich wirklich deprimiert, ab ich erkannte, was ich eigentlich mache.“

E.J.: „Ich finde, es gibt eine Menge guter Musik, ich meine, eine Menge guter Musiker…“

ME: Rein technisch gesehen?

E.J.: Ja, technisch. Aber es scheint überhaupt nichts Aufregendes, Lebendiges mehr zu geben. Bruce Springsteen schien sehr nahe dran zu sein. Ich habe ihn nicht live gesehen, vielleicht ist er großartig. Aber seine Platten beeindrucken mich gar nicht. Aber es gibt doch niemanden mehr, der zornig ist, oder? So wie Dylan am Anfang oder die Stones, mit aggressiver Wut!

ME: Was habt Du denn von Punk-Rock, könnte dadurch nicht etwas geschehen? E.J.: Das wäre eine Möglichkeit, wenn die Leute spielen könnten, wenigstens spielen! Du mußt einfach dein Instrument beherrschen, selbst die Who konnten das, als sie anfingen. Sie waren sehr brutal, aber sie klangen phantastisch.

ME: Was ist denn Deiner Meinung nach nötig, um ein guter Musiker zu sein?

E.J.: Vor allem in der richtigen Tonlage zu spielen. Was für einen Pianisten ziemlich einfach ist. Musiker heißt nicht, 50 Noten pro Minute zu lesen, schreiben oder spielen zu können. Es heißt, die Griffe richtig zu beherrschen, wenn ein Bassist und Gitarrist zusammen arbeiten, sonst klingt’s einfach komisch. Vielleicht höre ich mich an wie Yehudi Menuhin (berühmter Dirigent und Geiger), wenn er über Rockmusik spricht, vielleicht bin ich sogar er. Dabei mag ich laute Musik und gute Live-Bands. Ich mag Aerosmith zum Beispiel. Oder die Streetwalkers, die’s leider nicht mehr gibt. Und Family war immer eine riesige Band, die waren immer aggressiv. Es gibt wieder ein wenig Bewegung in England. Amerika ist dagegen.“.uhää… ich weiß nicht was geworden. Und dasselbe gilt für die schwarze Musik, was wirklich eine Schande ist. Wo gibt’s denn noch gute schwarze Musik? Es ist alles gleich geworden, alle Bands in den gleichen Anzügen und mit derselben Choreographie. Es gibt ein paar gute schwarze Bands, aber es ist alles Las Vegas! Die Detroit Spinners sind gut und Gladys Knight, aber es gibt keine volle Otis Redding-Stimme mehr, es gibt nicht einmal eine schwarze aggressive Stimme. Nur noch ein einziges Showbusinessüch weiß, ich hab selbst das Image von Showbusiness weg, ein bißchen wegen meiner Klamotten und so, aber ich habe das immer als Anti-Showbusiness gemacht. Ich hasse Las Vegas! Ich möchte nie in meinem Leben dort auftreten, wo alle essen und trinken, während du singst.

ME: Wo siehst Du heute Deine Stellung im sozialen Leben?

E.J.: Ich mag das soziale Leben eines Rock’n’Roll-Stars überhaupt nicht! Ich seh‘ selten die Mitglieder aus meiner Band,wenn wir nicht arbeiten, weil wir uns auf Tournee genug sehen. Und trotzdem sind wir noch gut befreundet.Aber mein soziales Leben ist der Fußballclub. Der hat mich zurück auf die Erde gebracht und mit normalen Menschen zusammengeführt, mit denen ich

„Wo gibt s denn noch gute schwarze Musik? Es ist alles Las Vegas!“

meine Zeit verbracht habe, als ich 17 oder 18 war. Und Vorstand bin ich geworden, weil ich da endlich lernen muß, eigene Entscheidungen zu treffen. Du mußt dich mit alltäglichen Krisen auseinandersetzen, mit denen dich sonst niemand belästigen würde, wenn du dich als Rockmusiker in deinen Kokon zurückziehst. Wenn etwa die Frau eines Spielers darüber schimpft, daß er nicht so gut spielt – kleine Dinge wie diese faszinieren und interessieren mich. Und ich habe lieber mit diesem Leben zu tun, als mit so Sachen wie „Wie komme ich auf diese Party?“ undsoweiter. Ich bin da überall durchgegangen, man muß solche Erfahrungen machen. Aber ich fand die meisten Rock’n’Roll-Musiker ziemlich langweilig und müde.

ME: Der englische Rock ist heute im wahrsten Sinne des Wortes „arm“. Alles wandert wegen der hohen Steuern aus. Ist das vielleicht noch ein Grund für die musikalische Stille?

E.J.: Ich finde die englische Popmusik, wie ich schon gesagt habe, noch besser als die amerikanische. Die amerikanische Musik scheint für mich im totalen Nichts gelandet zu sein. Im allgemeinen hat es den Anschein, als ob die ganze etablierte Rockmusik sehr behaglich und selbstzufrieden geworden ist. Ich muß zugeben, daß ich selbst das Gefühl dieser Selbstzufriedenheit hatte bei dem, was ich gemacht habe. Und ganz vorurteilsfrei gesehen sind wir nun mal Rockestablishment. Wir sind Entertainer, das Showbusiness unserer Zeit. Und wenn man das erkennt, dann kann man nicht so weitermachen. Deshalb habe ich ja aufgehört. Ich muß darüber nachdenken, um etwas anderes zu finden. Ich habe das Gefühl, daß meine Ziele ein wenig verlorengegangen sind: Es passierte alles zu überstürzt. Aber noch einmal zum amerikanischen Rock, da fällt mir nur Aerosmith ein. Neil Young singt nun auch schon seit Jahren dieselben Songs, gähn, gähn, gähn.

ME: Kannst Du die Ziele, die Du hast, beschreiben?

E.J.: Ich möchte nur ein wenig mehr Zeit auf meine Musik und meine Kompositionen verwenden. Wenn ich wirklich ganz ehrlich zu mir selbst bin, dann muß ich zugeben, daß ich nie mehr als eine halbe Stunde auf einen Song verwandt habe. Das hat mir Spaß gemacht. Ich schrieb viel und schrieb sehr gut innerhalb dieses Rahmens. Aber ich kann vielleicht genauso gut schreiben, wenn ich mich hinsetze und mir viel Zeit dazu nehme, mehr Geduld habe. Und das hat auch einen ganz privaten Grund. Weil ich in Zukunft auch selbst Texte schreiben möchte und gemerkt habe, wie schwierig es für mich ist, das hinzuschreiben, was ich fühle. Das muß und will ich lernen. Es wird natürlich immer die „Weg-werf-Produkte“_geben, denn ich mag Popsingles. „Philadelphia Freedom“ zum Beispiel (auf der LP „Blue Moves“) ist ausschließlich als Popsingle gemacht worden.

„Vorstand bin ich geworden, weil ich da endlich lernen muß, eigene Entscheidungen zu treffen.“

ME: Muß man nicht einem unglaublichen Streß begegnen, wenn man weiß, die Leute erwarten immer eine noch bessere LP?

E.J.: Ich glaube nicht, daß die Leute unbedingt etwas Besseres erwarten. Sie sind ziemlich zufrieden, wenn man das Gleiche macht. Und deshalb bin ich zufrieden, wenn ich meine Songs ein wenig mehr bewußter schreibe und, sagen wir weniger vergänglich. Ich habe auf „Blue Moves“ mehr Zeit verwendet, weil ich keinen Veröffentlichungstermin vorliegen hatte. Ich glaube, wenn man seinen Stil über Nacht verändert, dann verliert man die Leute sehr schnell.

ME: Macht es Dir keine Schwierigkeiten, wenn die Leute von Dir bestimmte Dinge erwarten? Oder tust du einfach das, was du willst?

E.J.: Wenn ich in ein Konzert gehe und dort erwarte, daß die Band da einen bestimmten Song spielt, dann wäre ich auch ein wenig enttäuscht, wenn das nicht passiert. Aber das ist natürlich unmöglich. Denn wenn ein Künstler so immer weitermacht, wird er sein ganzes Leben lang das Gleiche singen. Deshalb muß man einen gewissen Kompromiß schließen, das heißt, ich singe eine sehr populäre Melodie, mache aber für meine künstlerische Befriedigung und Weiterentwicklung ebenfalls etwas. Das ist sehr wichtig. Ich bin jetzt an den Punkt gelangt, wo sich meine neuen Alben nicht mehr so gut verkaufen lassen, wie frühere Platten. Aber das ist mir egal. Ich habe das Gefühl, daß ich mir selbst etwas Gutes damit tue.

ME: Kannst du auf einer Tournee wirklich deine eigene Persönlichkeit behalten?

E.J.: Natürlich nicht. Deswegen habe ich jetzt auch „nein“ zu Tourneen gesagt.

ME: Ist es nicht so, daß man sich als Künstler so sehr um die Kommunikation mit dem Publikum bemüht, daß man diesen Verlust an Persönlichkeit gar nicht merkt?

„Ich muß zugeben, daß ich nie mehr als eine halbe Stunde auf einen Song verwandt habe.“

E.J.: Ich hab’s schon gemerkt. Letztes Jahr bin ich sehr deprimiert gewesen. Ich war einfach müde. Eines Tages hab‘ ich gedacht:“Oh, Gott! Das ist ja einfach unmöglich! Ich bestimme ja gar nichts mehr, ich werde nur abgeschützt und erledige alles nur

noch in Eile. Das passiert jedem bis zu einem gewissen Grad, was auch notwendig ist. Aber man verliert natürlich etwas. So ging ich mit dem englischen Fußballteam nach Italien. Und ich bin ganz allein gegangen, bin allein in meinem Hotelzimmer gewesen und habe kleine Dinge erledigt und war irrsinnig stolz auf mich… das ist einfach Wahnsinn! Die letzten Jahre hatte ich für alles irgendjemanden, der es für mich erledigt hat. Und das ist ein völlig verkehrtes Leben. Bis ich schließlich gesagt hab‘, das muß aufhören! Also, komm wieder auf die Erde und versuch ein normales Leben zu führen, sonst wird’s Horror. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn ich so weitergemacht hätte.

ME: Mit anderen Worten: Als Rockmusiker verliert man seine Selbstständigkeit, und die mußt du jetzt wieder lernen?

E.J.: Ja, ich muß es wieder lernen. Ich mußte lernen, wie man das Telefon beantwortet und sich ein Frühstück bestellt. Das klingt wirklich verdammt blöd, aber ich war mächtig stolz darauf! Es gibt Leute, die sehr unabhängig sind, aber ich war immer ein wenig schüchtern. Es kommt natürlich auf deinen eigenen Charakter an. Ich war also wirklich total in diesen Kokon eingewickelt, und es war mir unmöglich, Kontakt aufzunehmen. Nicht in einem unangenehmen Sinn. Aber ich habe plötzlich gemerkt, ich kann nicht aus dem Hotel, ich kann nicht ins Kino, ich kann einfach nichts! Aber an dieser Stelle darf man nicht aufgeben. Man muß sich nur die Mühe machen. Man kann das, wenn man aufhört. Es ist einfach unmöglich zu sagen: „Ich kann nicht!“ Das heißt, daß man an seinen Mythos glaubt!

ME: Kannst Du auf einer Tournee wirklich deine eigene Persönlichkeit behalten?

„Ich glaube, meine Persönlichkeit ist ohnehin ein bißchen schizophren.“

E.J.: Es gibt eine Chance. Ich glaube, meine Persönlichkeit ist ohnehin ein bißchen schizophren. Und ich versuche dabei nicht ganz den Humor zu verlieren, denn wenn man das Ganze ernst nimmt, kann man gleich die Wände hochgehen.

ME: Was gefällt dir an diesem Geschäft nicht?

E.J.: Schmarotzer. Ich habe sehr viel Glück gehabt. Die Leute, bei denen ich bei meiner Karriere zu tun hatte, waren meistens sehr nett, Leute, mit denen ich noch heute befreundet bin. Das war Glück. Aber du kannst um dich herum eine Menge Leute sehen – Iggy Stooges, Steve Wonder, David Bowie -, die ganz sicher betrogen worden sind. Und das macht mich wirklich traurig. Weil

„Meine neuen Alben lassen sich nicht mehr so gut verkaufen wie meine früheren Platten“

man sehen kann, daß sie es nicht sehen. Und es nicht zu sehen, heißt eben, an seinen eigenen Mythos zu glauben. Es kommt am Ende doch auf den Künstler an, und wenn er es nicht merkt, ist das Pech. Und dann kann er nicht sonderlich intelligent sein, weil soetwas meist sehr offensichtlich ist. Es ist doch ganz eindeutig, wenn man Stevie Wonder von 70 Leuten umgeben sieht, die sagen: „Ja, Stevie, nein, Stevie!“, da ist doch eindeutig etwas faul! Und dann liegt’s an der Person zu sagen: “ Moment mal, ich will hier raus!“

ME: Du hast ein sehr junges Publikum. Hast Du eigentlich eine Vorstellung, was in den Köpfen der 14 bis 16jährigen vor sich geht?

E.J.: Nicht wirklich. Ich finde es ziemlich verwirrend. Ich habe einerseits die 14 bis 16jährigen, andererseits die 26 bis 40jährigen als Publikum, und der Abstand dazwischen ist ziemlich groß. Warum, weiß ich auch nicht. Ich fand’s manchmal ein wenig frustrierend, ein so junges Publikum zu haben, aber das ist auch albern gedacht. Hauptsache, du hast ein Publikum. Aber meine Musik war eigentlich immer an ein älteres Publikum gerichtet…und deswegen ist es schon merkwürdig. Aber ich glaube noch immer, daß die Leute, die mich anfangs unterstützt haben und mit mir durch dick und dünn gegangen sind, mein Stammpublikum sind. Ich habe nur unterwegs durch die Hit-Singles eine Menge junger Leute aufgelesen.

ME: Das ist schon verwunderlich, wenn man bedenkt, daß Deine Texte doch ziemlich kompliziert und „sophisticated“ sind. Hören diese jungen Fans nur Deine Musik?

„Ich bin allein gewesen, habe kleine Dinge erledigt und war irrsinnig stolz auf mich!“

E.J.: Ich weiß auch nicht. Ich weiß nur, daß junge Leute immer mehr sophisticated werden. Das schockiert mich wirklich. Seit ich bei dem Fußballverein bin, kommen immer wieder mal 12 bis 14jährige zu mii. Und was die für Fragen stellen, da zieht es einem wirklich die Schuhe aus! Ich glaube, daß die jungen Leute heutzutage verdammt sophisticated sind. Die scheinen mehr Sachen zu wissen, als ich. Das ist unglaublich. Ich werde alt, wirklich alt! Ich bin 29 und bin sehr alt!