Ein Gebläse läßt die Becken beben: Defunkt nach zwölf Jahren ohne Alterserscheinungen

MÜNCHEN. „One, two, threejour!“ Der schwarze Muskelmann im Trainings-Outfit stampft mit seinen Gewichtheberwaden auf den hölzernen Bühnenboden, daß es die bayrische Fichte beinahe zerreißt. Was aber kaum jemanden wundert, denn dieser Mann ist ja selbsterklärterweise gefährlich. Nicht im herkömmlichen Sinne freilich, sondern höchstens, was eingefahrene Hörgewohnheiten betrifft.

Seit zwölf Jahren blast Joe Bowie mit seiner Band Defunkt zum Sturm auf die säuberlich abgesteckten Beete der musikalischen Kleingärtner. Nichts scheint ihm mehr zuwider als kreatives Laubenpiepertum. Und so versetzt das künstlerische Schwergewicht mit seiner explosiven Mischung aus New York-Jazz, tropfnassem Funk und beinhartem Rock zartbesaitete Plattenbosse in Angst und Schrecken, seine treue Gemeinde dagegen in einen wahren Freudentaumel.

So auch an diesem Abend in der Münchner Theaterfabrik. Ob man will oder nicht: Defunkt bringt selbst das müdeste Becken zum Beben — mit druckvollen Bläsersätzen zwischen wilder Kakophonie und punktgenauem Zusammenspiel, treibender Rhythmik von Baß und Schlagzeug, schwer rockenden Gitarrenparts und grundsoliden Grooves aus dem altbewährten Rhodes-Piano. Nach zehn Minuten versagt selbst das verläßlichste Anti-Transpirant.

Bowie. dem Berserker oben auf der Bühne, geht’s nicht einen Deut besser. Zwischen Posaune, Gesangsmikro und Congas pendelnd, absolviert er ein Programm, daß auch dem Bodybuilder vom benachbarten Fitness-Studio einigen Respekt abverlangt. Schweißnaß sagt Joe Song um Song an. Breiten Raum nimmt dabei das neue Album ein. Auch auf CRISIS huldigt Bowie dem großen John Coltrane. zitiert von Miles bis Monk. Der funkensprühenden Energie seiner avantgardistischen Abendunterhaltung tut das aber keinen Abbruch.

Selbst den Umstand, daß Bowie bisweilen jenen sozialkritischen Geist raushängen läßt, der er nun mal ist. verzeiht man ihm bei so viel elektrisierender Dynamik nur allzu gern.

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