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Tour-Tagebuch

Auf Tour mit Tocotronic – Tag 5 & 6, Fürth und Erfurt: Heute geht es um alles!

Erst zum Fuppes, dann zu C&A. Neue Socken kaufen. Armins (Unser Host für den Offday) Haus liegt direkt neben dem Stadion von Greuther Fürth. Die spielen in der zweiten Liga. Und weil ich nicht weiß, was ich mit meinem verkaterten Kopf und der vielen Zeit anfangen soll, laufe ich rüber ins Stadion und kaufe mir eine eine Karte für den Block, in dem die Fürther stehen.

„Kleeblatt“ nennen die ihren Verein. Heute spielen sie gegen Kaiserslautern. Abstiegsgipfel. Zusammen haben beide Mannschaften sieben deutsche Meisterschaften gewonnen. Für Lautern geht es um alles. Der deutsche Meister 97/98 steht abgeschlagen auf dem letzten Platz der zweiten Liga.

Zeit für Fußball statt Musik

Lautern erwischt einen guten Beginn, hat die Chance in Führung zu gehen: Außenverteidiger Leon Guwara dribbelt zwei Fürther aus und spielt den Ball dann scharf in den Fünfmeterraum, zwei Mitspieler rutschen haarscharf am Ball vorbei. Im Gegenzug fällt aus einer ähnlichen Situation das Tor für Fürth: Julian Green (war mal bei den Bayern und galt als Riesentalent; jetzt in der biederen Realität angekommen) verwertet eine halbhohe Flanke. Keine Chance für den Torwart.

Mit dem Abpfiff der zweiten Hälfte fällt der Ausgleich: Osayaman Osawe (auffälligster Stürmer des FCK) drischt das Leder nach einer Hereingabe von Borello in die Maschen. Im Block der Lauterer brennt der Baum. Sie glauben wieder dran, an das Wunder, das es wäre, wenn sie den Abstieg noch irgendwie verhindern könnten. Halbzeitpause. Um mich herum kennen sich alle, begrüßen sich, klopfen sich auf die Schultern und essen Semmeln mit Schnitzel und Ketchup. Ich stehe dazwischen und fühle mich wie der Tourist, der ich bin.

In der zweiten Halbzeit tröpfelt das Spiel hin und her. Lautern versucht Druck zu machen, die Fürther spielen ihre Konter schlecht zu Ende und ihre Offensivbemühungen versanden, bevor sie zum Abschluss kommen können. Dann: Klappe zu, Affe tot. Nach einer Ecke von Fanliebling Maximilian Wittek (wird nicht mehr lange bei Fürth spielen) landet der Ball auf dem Kopf eines freistehenden Führter Innenverteidigers, der den Ball vollkommen unbedrängt einköpft.

Frontzeck – der ist inzwischen Trainer in Lautern – wechselt Hamit Altintop ein. Der versucht zum Karriereende nochmal seinen Jugendverein zu retten. Wird schwer werden. Über die Tribune weht der Geruch von Pommes und der süße Rauch von E-Zigaretten mit Karamell-Geschmack. Drei Minuten Nachspielzeit. Nochmal Ecke für Lautern. Der Ball trudelt ins nichts. Ein Traditionsverein weniger. Ein Platz mehr für Red Bull, für Martin Kind, für SAP und die IG Farben.

Am nächsten Tag fahren wir nach Erfurt. Keiner von uns war je in Erfurt. Wir sind früh dran, daher erstmal: Sightseeing. Es ist Sonntag, die Sonne scheint, es riecht nach Frühling und die Menschen auf der Straßen sind unfassbar entspannt. Wir essen Rostbratwurst mit Zwetschgenkuchen und schauen uns den Erfurter Dom an. Danach gibt es Spaghettieis.

Das Konzert ist gut. Für einen Sonntag erschreckend gut. Klingt wie eine Floskel, gilt heute Abend aber wirklich: Im Stadtgarten, einem Club, der aussieht wie ein ehemaliger Tanzsaal tropft der Scheiß von der Decke. Nach dem Konzert verlässt die Hälfte des Publikums relativ zügig die Halle – schließlich ist Sonntag, wahrscheinlich fährt die letzte Bahn oder die Nacht wird zu kurz wegen Arbeit. Die andere Hälfte der Leute, die die geblieben sind, kriegen dann von Tocotronic nochmal „Freiburg“ in der Extended-Noise-Version um die Ohren gehauen.

Heute schlafen wir im Club. Wir sehen also zu, dass wir den Bus einladen und ins Bett kommen. Vorher holze ich mit dem Bus im Rückwärtsgang aber noch einen Sonnenschirm um. Das ist relativ peinlich, weil eine ganze Menge Leute daneben stehen und applaudieren. Morgen geht es nach Wiesbaden.

Tammo Kasper
Tammo Kasper

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