Cypress Hill


Dampf ab. Im Gespräch mit ME-Autor Heiko Hoffmann zieht Cypress Hill-Chef DJ Muggs kräftig vom Leder: über Dope und doofe Konzerte, Cops und teure Limousinen

DJ Muggs ist beschäftigt. Vor einer halben Stunde erst hat der Cypress Hill-Chef sein Hotelbett verlassen, und schon baut er seinen ersten Biunt. Das Ritual gleicht in seiner Akribie einer japanischen Teezeremonie. Larry Muggered, so Muggs voller Name, nimmt eine Phillies Blunt Zigarre, beißt die Spitze ab und reißt den fetten Glimmstengel der Länge nach auf. Dann schält er die äußerste Schicht ab, schmeißt den Tabak weg, leckt die Enden der Hülle etwas an und füllt sie mit jeder Menge Marihuana, das er ehrerbietig Buddha nennt. Zum Schluß wird das Teil wie eine Zigarette sorgfältig zusammengerollt — ein Blunt gleicht etwa fünf Joints. Doch Muggs ist jetzt nicht nach Rauchen zumute. Er legt die präparierte Zigarre beiseite und steckt sich statt dessen einen Kaugummi in den Mund. Der schmeckt auch gut, dröhnt aber erheblich weniger.

Seit einer Woche bereits sitzt DJ Muggs täglich in einem Londoner Tonstudio. Dort produziert er, wie übrigens auch der Breakbeat-Star Goldie und Björk-Kollaborateur Howie B., Songs für das Debüt-Album der englischen Sängerin Ingrid Schroeder. Das wäre nichts Außergewöhnliches, würden B-Real und Sen-Dog, seine Kumpels von Cypress Hill, nicht unterdessen durch die USA touren und gemeinsam mit Hole, Pavement und etlichen weiteren Bands auf den Lollapalooza-Festivals spielen. Der Grund für Muggs Abwesenheit ist simpel: Er hat keinen Bock. „Ich hab‘ im Moment so viele Ideen im Kopf, die raus müssen“, erzählt er, „da hab ich einfach keinen Nerv, auf Tour zu gehen. Das heißt aber nicht, daß ich nie mehr live auftreten werde. Nur zur Zeit ist es halt nicht mein Ding.“ Kein Wunder, daß B-Real und Sen-Dog von Muggs Unlust nicht gerade angetan sind. Muggs: „Klar sind die sauer auf mich und würden lieber mit mir auf Tour gehen. Jetzt haben sie so ein DJ-Kind auf der Bühne und rappen zu DATs. Aber so ist halt das Leben.“ Gut nur, daß in dieser Situation mit ‚Temple Of Boom‘ wenigstens eine neue Platte von Cypress Hill in die Läden kommt. Bei näherer Betrachtung führt daran auch kein Weg vorbei. Nachdem sich ‚Black Sunday‘ seit der Veröffentlichung vor zwei Jahren über drei Millionen Mal verkauft hat und Hits wie „Insane In The Brain‘ auf MTV rotierten, zählen Cypress Hill immerhin zu den weltweit größten HipHop-Acts.

Doch Ruhm und Reichtum haben dem Trio nicht nur Freunde beschert. In Amerika wird ihm kommerzieller Ausverkauf vorgeworfen, und mit der HipHop-Bibel ‚The Source‘ liegen Muggs und seine Mannen aufgrund persönlicher Querelen im Clinch. Um es den Kritikern zu zeigen, schickten Cypress Hill

ihnen unlängst die Single ‚Throw Your Set In The Air‘. „Mit diesem Track wollen wir allen B-Boys zeigen, daß wir immer noch Underground sind. Er macht klar, wo wir herkommen und daß wir unseren Wurzeln treu geblieben sind“, meint Muggs und fügt noch mal bekräftigend hinzu: „Cypress Hill werden immer HipHop machen. Da können andere behaupten, was sie wollen.“

Doch auch wenn Cypress Hill Wert auf ihren Underground-Status legen: Auf Erfolg wollen sie dennoch nicht verzichten. Schließlich ist das Leben in den vornehmen Hollywood Hills nicht ganz billig. Und Tickets für die fünfte Reihe des Mike Tyson-Comeback-Kampfes, den Cypress Hill vor einigen Wochen besuchten, wollen auch erst mal bezahlt sein. Daß die prominenten HipHopper damit keine Probleme haben, neidet ihnen manch einer. Mit der Polizei beispielsweise stehen Cypress Hill nach wie vor nicht auf gutem Fuß. Wurden sie früher wegen verschiedener Strafdelikte verfolgt, passiert es heute nicht selten, daß sie von Streife fahrenden Cops angehalten und durchsucht werden, wenn sie mit ihren teuren Limos durch L.A. kreuzen. DJ Muggs: „Früher nahmen sie uns fest, weil wir wie Gangmitglieder aussahen. Heute stoppen sie uns, weil sie nicht glauben können, daß junge tätowierte Männer sich mit legal verdientem Geld so große Autos kaufen können. Wenn wir dann sagen, daß wir Rap-Musiker sind, rümpfen sie nur die Nase und halten uns beim nächsten Mal wieder an.“

Anders als man bei ihren Texten annehmen könnte, haben Cypress Hill aufgrund ihrer ‚explicit lyrics‘ kaum Probleme. Während bei Warner Brothers derzeit alles, was nach Rap riecht und deshalb eine Vielzahl von US-Eltern beunruhigen könnte, nur mit größter Vorsicht angefaßt wird, genießen Cypress Hill bei ihrer eigenen Plattenfirma relative Narrenfreiheit. Und darauf legt der Dreier beträchtlichen Wert. Aus gutem Grund. Denn wie auf ihrem Marihuana-Manifest ‚Black Sunday‘ beherrschen auch auf ‚Temple Of Boom‘ vor allem zwei Themen die Songs: Gras und Gangbanging. Während Muggs über die Gewalt in den Texten nicht sonderlich gerne spricht, hört er beim Thema Marihuana gar nicht mehr auf. Allein die Vielfalt der Bezeichnungen veranschaulicht Muggs Interesse an dem Thema: Grass, Hemp, Marijuana, Weed, Cheeba, Pot oder Buddha — die Zahl der Synonyme scheint unbegrenzt. Mehrmals im Jahr geben Cypress Hill in den USA Konzerte auf Legalize-Festivals. Außerdem bedenken sie Organisationen wie N.O.R.M.A.L. (National Organisation Reforming Marijuana Laws) mit Spenden. Und über die Vorteile einer wirtschaftlichen Nutzung des Rohstoffs Hanf diskutieren sie gerne mit der Kiffer-Postille ‚High Times‘. Doch vor allem interessiert Cypress Hill das eine: rauchen. „Das gehört einfach mit dazu. Als ich acht war, haben mir meine Brüder den ersten Joint angezündet. Das Gras war mein verdammter Schnullerersatz“, erzählt Muggs und blickt auf den wartenden Blunt. Die Musik von Cypress Hill zeigt sich vom häufigen Genuß des Rauschmittels deutlich beeinflußt. So bietet ‚Temple Of Boom‘ neben den gewohnten Dope Beats, neben minimalistischen Bässen und B-Reals näselnden Raps diesmal auch Samples, die noch einen ganzen Zacken abgedrehter daherkommen als bisher. Verzerrte Streicher, Glockenspiel und Sitar sind da keine Seltenheit.

Möglicherweise aber liegen die Ursachen für die musikalischen Variationen auch weniger am Marihuana-Konsum und mehr an Muggs erweitertem Musikhorizont. So hört er sich zum Frühstück regelmäßig Portishead an, und auch Tricky findet sich auf seinem Plattenteller. HipHop von anderen hingegen langweilt den DJ beizeiten: „Alle paar Jahre gibt’s ne Gruppe, die HipHop revolutioniert. Vor uns waren es Public Enemy, und heute ist es der Wu-Tang Clan. Ab und zu hat jemand dann noch einen guten Song. Aber das meiste Zeug interessiert mich nicht besonders. Spannender finde ich da Sachen, die gerade aus England kommen.“