Diese Künstliche Intelligenz hilft Musikern, auf neue Ideen zu kommen

Wenn Benoit Carré einen Sixties-Pop-Song komponieren möchte, füttert er eine Maschine mit Stücken von den Beatles oder Beach Boys. Die Software spuckt dann musikalische Motive aus und der Musiker bedient sich. Carré hat so gerade das Album HELLO WORLD unter dem Künstlernamen SKYGGE produziert, zusammen mit den Entwicklern der Künstlichen Intelligenz (KI) „Flow Machines“, die von der EU finanziert wird.

Maschinen übernehmen bereits Arbeit, die früher Menschen ausübten – in vielen Bereichen sind sie sogar schlauer als wir. Dennoch können sie nicht menschlich sein, heißt es immer wieder. Der oft genannte Grund dafür ist Kreativität: Maschinen können nicht erschaffen und verstehen keine Kultur. Mittlerweile tauchen aber kreative Programme wie „Flow Machines“ auf, die sogar Musik komponieren können. Wie funktioniert diese KI und könnte sie die Arbeit von Musiker*innen gefährden?

Produzent Benoit Carré (links) mit François Pachet, Leiter des Forschungsprojekts „Flow Machines“

„Flow Machines“ nimmt Inspiration in Form von Audio-Material und Notenbildern auf – das kann ein einzelner Gitarren-Part sein, genauso wie ein komplettes Orchester-Stück. Dann generiert die KI, die auf maschinellem Lernen basiert, daraus neue Kompositionen. Menschliche Künstler*innen entscheiden, woher die Inspiration kommen soll – von Bon Iver, Jeff Beck oder Chopin? – und welche Ergebnisse es in das finale Werk schaffen.

Es entsteht sogenannte „Cyborg-Musik“ – aus Zusammenarbeit zwischen einem menschlichen Organismus und einer Maschine. „Um Schönheit zu finden und zu kreieren“, sagt Carré, „braucht man menschliche Sensibilität.“ Die Maschine diene als eine Art Partnerin, die sich „wie ein unberechenbarer Schatten des Komponisten verhält“ und ihm Angebote macht.

Benoit Carré beschreibt sein Album „Hello World“ als sehr menschlich

Eine KI, die dafür sorgt, dass zu jeder Zeit genug Ideen vorliegen und Musiker*innen „im Flow“ bleiben, nimmt Künstler*innen im Grunde einen Teil ihrer kreativen Arbeit ab. Carré sieht das nicht so. Er bezeichnet die Software als ein Werkzeug, das die Kreativität steigert: „Du kriegst völlig neue Ideen, auf die du alleine nicht gekommen wärst.“ Auch Camille Bernault, eine Jazz-Sängerin, die auf HELLO WORLD mitgewirkt hat, erklärt: „Für Komponisten ist es oft ein Problem, dass sie aus Gewohnheit immer den gleichen Weg nehmen.“ Mit der KI könnten sie ausbrechen.

Glaubt man den beiden, wird die Software Musiker*innen also bisher nicht gefährden. „Flow Machines“ kann der Musik laut Carré weder Struktur noch Emotionen geben. Vor allem Pop-Songs seien kompliziert, sagt er. „Weil sie so vielschichtig sind.“ Schließlich reiche es nicht, eine eingängige Melodie oder Akkordfolge auf Lager zu haben. Sein KI-Album beschreibt der Produzent deswegen sogar als sehr menschlich.

Kunst ist eine Lebensform

Dennoch könnten vom Computer generierte Melodien unser Verständnis vom kreativen Genie herausfordern. So hat Kreativität doch bisher immer auch etwas mit Persönlichkeit zu tun. Kunstphilosoph Richard Wollheim beschrieb Kunst sogar als eine Lebensform. Jeder „künstlerische Impuls“ ist ihm zufolge von der Welt, die den Schaffenden oder die Schaffende umgibt, beeinflusst. Nun wird eine Künstliche Intelligenz von ihrer Umgebung, die ihr Informationen in Form von Daten liefert, zwar geprägt. Dennoch ist sie kein Leben und hat entsprechend auch keine Persönlichkeit. Leistet die KI also überhaupt kreative Arbeit? Und wann ist jemand eigentlich Musiker*in?

Im Pop ist diese Frage besonders schwer zu beantworten. „Es gibt viele nicht-professionelle Musiker, die großartige Songs oder Remixes mit ihren Laptops kreieren“, sagt Carré. Innerlich müsse man ein guter Musiker sein, um gute Songs zu erzeugen, so der Produzent. Das bedeute aber nicht, dass man Klavier oder Gitarre spielen können muss.

Er ist davon überzeugt: Jedes neue Tool – vom ersten Synthesizer über „Pro Tools“ und jetzt „Flow Machines“ – erzeugt eine neue Sorte Musiker*innen und verändert die Art, wie Musik gemacht wird. Die zweijährige Arbeit mit der Software habe vor allem seine Sensibilität und Offenheit beim Schreiben gesteigert.

Sollte es die KI-Kompositionstechnik in den Mainstream schaffen, wird sich auch die Industrie neuen Fragen stellen müssen: Wem werden beispielsweise Credits und Tantiemen zuteil, wenn aus neu generiertem Beatles-Material ein Hit entsteht?

AFP Contributor AFP/Getty Images

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