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Interview

Erika de Casier im Interview: „Ich bin eine hoffnungslose Romantikerin“

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SENSATIONAL — der Albumtitel der zweiten Platte der Kopenhagener Künstlerin Erika de Casier bedeutet neben der direkten Übersetzung „sensationell“ sowohl „reißerisch“ als auch „spektakulär“. Zwar scheinen die federleichten Vocals der Songwriterin und Produzentin zunächst alles andere als dramatisch. Während de Casiers ASMR-gleiche Stimme beim Hören wohltuend über die Schläfen streicht, entfaltet sich für die Künstlerin das Spektakuläre jedoch im alltäglichen Zwischenmenschlichen — und vor allem im Dating-Leben.

Erika de Casier wurde als Kind einer belgischen Mutter und eines Vaters aus Kap Verde in Portugal geboren. Die Familie zog in das süddänische Örtchen Ribe, wo Erika de Casier ihre ersten Schuljahre in einer katholischen Schule verbrachte. Das konservative schulische Umfeld brachte ihr vor allem die Scham nahe — sei es ihren Körper betreffend oder des sich persönlichen Ausdrückens. Später sollte ihr vor allem die Musik helfen, sich davon loszulösen. Als Erika de Casier acht Jahre alt war, zog die Familie von der Provinz in die zweitgrößte Stadt Dänemarks — Aarhus.

Vom exzessiven Schauen von Musikvideos auf MTV hin zu „Essentials“

Zwar ging sie nun auf eine liberale Schule, doch als einzige Schwarze Person dort musste sie schnell Erfahrungen mit Ausgrenzung und Othering machen. Das führte zu noch exzessiverem Schauen von Musikvideos auf MTV, wo sie Künstler*innen sah, mit denen sie sich identifizieren konnte. Mit 17 Jahren lud de Casier sich eine Musikproduktionssoftware herunter und begann nach dem Bauen erster Beats in ihrem Zimmer auch eigene Texte einzusingen. Zusammen mit Andreas Vasegaard startete sie das R’n’B-Projekt Saint Cava und freundete sich kurze Zeit später mit dem Aarhuser Kollektiv für elektronische Musik Regelbau an, mit dem sie mehrfach zusammenarbeitete.

Genau diese Fusion aus dem R’n’B der Neunziger- und Zweitausenderjahre, den Erika als Kind im Fernsehen sah und den elektronischen Einflüssen ihrer späten Teenage-Jahre findet sich auf ihrem hochgelobten Debüt ESSENTIALS (2019). Wer Erika de Casier simpel dem R’n’B zuordnet, übersieht wie elegant die Produzentin Einflüsse elektronischer Genres in ihre beiden Alben webt — den Bogen von Ambient bis zu Garage und Trance spannend.

Über Textnachrichten, die man nicht hätte abschicken sollen und die schmerzhafte Abwesenheit romantischer Gefühle

Der am 21. Mai 2021 erschienene Nachfolger SENSATIONAL trägt musikalisch sowohl die Ruhe der Nachtstunden als auch die aufbauende Aufregung, die man spürt, wenn man mit dem Rad an Laternenlichtern vorbeirauscht und auf dem Weg zum Club ist. Erika de Casiers Zeilen sind in der klassischen Manier des Oldschool-R’n’B direkt und auf dem Punkt. Sie tragen aber auch die lyrische Rastlosigkeit in sich, die um 3 Uhr morgens entsteht, wenn man einfach nur schlafen will, aber über sein „Love Interest“ nachdenken muss.

Erika de Casier schreibt über die schmerzhafte Abwesenheit romantischer Gefühle, die Textnachrichten, die man nachts doch nicht hätte abschicken sollen und das von High Fashion besessene Date, mit dem man kein gerades Gespräch führen kann. Da de Casier, auch wenn ihre Musik anderes vermuten lässt, ein Morgenmensch ist, haben wir uns um 10 Uhr mit ihr zum Gespräch verabredet. Und uns mit ihr über Alter Egos, Höflichkeit, persönliche Grenzen und das komplexe Thema Dating unterhalten.

Musikexpress.de: Da wir gerade um 10 Uhr morgens miteinander sprechen — was ist Dein liebster Weg in den Morgen zu starten?

Erika de Casier: Mein perfekter Morgen ist: Aufstehen, zehn Minuten Yoga und ein bisschen Stretching, um in den Tag zu kommen. Dann gehe ich duschen und lasse mir viel Zeit beim Frühstück. Mache mir einen Kaffee fertig für meinen Thermobecher, gehe ins Studio und trinke ihn erst dort. Da bin ich bei meiner Routine sehr streng. So sehen eigentlich alle meine Morgen aus, nur Yoga mache ich dann doch nicht immer. Ich fahre auch gern mit dem Fahrrad ins Studio und höre Musik dabei. Oder Podcasts.

Du bist eher eine Kaffee- als eine Tee-Person?

Ich bin eine „Tee zuerst, dann Kaffee“-Person. Morgens zuhause trinke ich Tee und dann, wenn ich draußen bin und Kaffee brauche, trinke ich Kaffee.

In einem Instagram-Post hast Du uns Dein Alter Ego Bianka vorgestellt, die die Hauptrolle in Deinem Video zu „Drama“ spielt. Was sind die Unterschiede zwischen Dir und Bianka?

Bianka ist nicht unbedingt viel selbstbewusster, aber sorgloser. Sie will einfach ihr Ding durchziehen, und das tut sie. Sie hat außerdem eine sehr klare Vorstellung von ihren Grenzen. Die hat sie komplett unter Kontrolle und lässt sie von niemandem übertreten. Bianka ist die Art von Person, die du dir als Kind als Beschützerin vorstellst. Aber manchmal ist sie vielleicht ein bisschen zu tough. Und dann kommt Erika ins Spiel als der sensible Part.

Sie müssen also gut ausbalanciert werden.

Genau, das ist es, es geht um die Balance.

In Deinem Song „Polite“ geht es anscheinend darum, einen Fuckboy auf eine classy Art und Weise zu dominieren und in seine Schranken zu weisen. Was bedeutet der Song für Dich?

Die Sache mit dem Dominieren ist: Ich versuche die Sache zu gleichen Teilen auszubalancieren. Es geht mir in dem Song mehr darum, nicht selbst dominiert zu werden. Als Person ernst genommen zu werden und respektvoll zueinander zu sein. Also geht es gar nicht so sehr um Kontrolle, sondern darum zu kommunizieren, wenn du dich gerade nicht respektiert fühlst. Anstatt nur da zu sitzen und zu lächeln. Denn du solltest immer nett bleiben. Ich habe natürlich auch darüber nachgedacht, welche Rolle ich einnehme, indem ich meinem Gegenüber sage „Sei höflich!“. Denn während ich das tue, bin ich vielleicht gar nicht so höflich. Und was bedeutet Höflichkeit dann? Es schließt meiner Meinung nach nicht aus, das sagen zu können, was man fühlt. Vielleicht hat die andere Person auch einen schlechten Tag, aber trotzdem — rede nett!

Vielleicht wäre aber gerade das für das Gegenüber hilfreich. Viele Menschen könnten klare Ansagen gebrauchen. Und dann hätten sie Gelegenheit es zu überdenken.

Das ist es, es ist im Grunde auch ein netter Gefallen.

Vielleicht gehen Dominanz und Freundlichkeit manchmal sogar miteinander einher.

Ich habe viel über Dominanz und Hierarchien in Beziehungen nachgedacht. Hierarchien sind überall, egal ob du jemanden datest oder ob es um deine Familie geht. Man nimmt bestimmte Rollen ein, denen man sich vielleicht auch gar nicht bewusst ist. Darüber habe ich auch im Prozess der Albumentstehung nachgedacht. Dass sich bestimmte Hierarchien bilden, ist gleichzeitig normal. Besonders in Gruppen. Ich beobachte das mit Interesse, auch für mein Songwriting. Natürlich setze ich mich nicht hin und sage: „Jetzt schreibe ich einen Song über Hierarchien und Beziehungen“ – aber mich interessiert das Wechselspiel zwischen den Aspekten. Manchmal bin ich die dominante Person und manchmal die demütigere, zurückhaltendere. Und manchmal scheint es ausgeglichen, fühlt sich aber trotzdem nicht gut an.

Wenn der Worst Case ist, dass eine Person sich nicht besonders respektvoll oder aufmerksam verhält — was würde dann wiederum ein gutes Date für Dich ausmachen?

Das wäre noch nicht mal das Schlimmste, was passieren könnte. Das ist auch der subtile Humor in „Polite“ — wenn die andere Person unhöflich wird, kann man einfach gehen. Der Horror der Story in „Polite“ ist nur, dass ich eben nicht gehe. Auf der anderen Seite kann man eine richtig gute Zeit bei einem Date haben, alles ist perfekt und trotzdem fühlst du es einfach nicht. Das ist dann das Tragische. Das perfekte Date wäre, wenn du eine Verbindung zur anderen Person spürst. Vielleicht bleibt es auch nur bei dem einem Date und du hattest unglaublich viel Spaß und danach machst du mit deinem Leben weiter. Es gibt viele gute Arten von Dates.

Es geht also vor allem um den „Spark“, die Funken?

Ja! Du hörst von Dates, bei denen die Leute nur in der Wohnung saßen und Wein tranken und es war magisch. Es muss also gar nichts Außergewöhnliches sein in dem Sinne. Die Connection macht es aus.

Dein Song „No Butterflies, No Nothing“ handelt davon, dass die andere Person Gefühle für eine*n hat, aber man kann sie nicht erwidern. Auch wenn man noch so gerne wollte. Denkst Du, manchmal ist das sogar härter als andersherum? Weil Du eine Person verletzen musst und Dir gleichzeitig wünschst die Gefühle wären beidseitig?

Ich weiß nicht, ob es unbedingt härter ist. Ich befand mich auf beiden Seiten und beide sind schlimm. Einerseits ist es schlimmer, wenn deine Gefühle nicht erwidert werden. Andererseits ist es einfacher. Wenn jemand die Sache für dich beendet, dann ist die Tür geschlossen und du hast keine andere Wahl. Dann wiederum gibt es sehr unterschiedliche Wege eine Sache zu beenden. Du kannst jemanden für Jahre oder Monate hinhalten, während du überlegst, wie du richtig und nett Schluss machst. Aber es gibt nie ein gutes Timing. Was wäre, wenn die Person daraus einen langsamen Prozess machen würde, es langsam auslaufen ließe? Das wäre auch schrecklich! Ich sage lieber: „Danke, auf Wiedersehen, lass mich zwei Wochen in meinem Bett weinen und es geht mir wieder viel besser.“ Trotzdem geht es nur mit Rücksicht. Mit der bleibenden Möglichkeit, zu reden.

Ist Dein Album so gesehen auch eine Evolution des Dating – und wir sind jetzt bei „Someone To Chill With“ angelangt? Wenn man die Titel durchhört, fühlt es sich an wie das Durchlaufen verschiedener Phasen. Und besonders nach dem Gefühl jemanden abgewiesen oder enttäuscht zu haben, kommt nun das unverbindliche Rumhängen. Ist das ein roter Faden?

Ja, ich denke wir gehen alle durch diese verschiedenen Phasen. Manchmal hast du ein gebrochenes Herz und du willst einfach mit jemandem chillen. Und bist nicht bereit für etwas Verbindliches. Aber es ist auch ein böser Kreislauf, denn dann wirst du vielleicht zu der Person, die dich verlassen hat. Was auch wiederum eine interessante Wendung ist. Das ganze „Commitment Issues“-Thema generell ist spannend. Ich persönlich bin eher eine Person, die nur eine Person auf einmal datet. Freund*innen von mir wiederum haben absolut kein Problem damit, mehrere Leute zu sehen. Ich habe viel durchs Zuhören von ihnen gelernt über Polyamorie und wie es ist, mehrere Leute zu daten. Und auch, nicht all deine Eier in einen Korb zu legen — nicht alles von einer einzigen Person zu erwarten.

Alle seine Eier in einen Korb legen? Eine interessante Redewendung.

Oder? Natürlich verpasst man eine Vielzahl verschiedener Arten von Liebe, wenn man dazu tendiert sich auf eine Person festzulegen, aber ich bin einfach eine hoffnungslose Romantikerin. Dennoch ist es sehr interessant, sich über verschiedene Konzepte von Liebe und Beziehungen auszutauschen. Ich denke, wir alle kennen diese Aussage: „Du denkst, du willst viele Leute daten, aber dann findest du die Person, die du wirklich wirklich magst und dann werden alle anderen unwichtig“. Das ist vielleicht der Fall für ein paar Menschen, aber es gibt auch Menschen, die viele lieben können, ohne sie zu besitzen. Denn ein bisschen geht es immer um das Besitzen — die eine Person soll nur dich bewundern und wollen.

Wenn es um Deine Musik und den Prozess geht: Gibt es eine Tageszeit, in der Du besonders aktiv beim Produzieren bist oder eben gar nicht?

Früher bin ich auch in der Nacht aufgestanden, um zu produzieren. Aber dafür bin ich jetzt zu müde. Ich stehe früh morgens auf und gehe ins Studio bis zum Nachmittag. Manchmal, jetzt wo wir alle so viel zu Hause sind, habe ich auch in meinem Bett produziert. Aber generell starte ich gerne früh und mit frischem Kopf. Besonders wenn es ums Schreiben geht, mache ich das gerne in den frühen Stunden. Am liebsten stehe ich auf, bevor alle anderen wach sind. Ich liebe diese Tageszeit.

Die Routine hast Du auch in „Busy“ aufgeschrieben.

Ja! Ich liebe die ruhigen Stunden. Manche Leute haben dasselbe, nur eben mit den Nachtstunden, wenn alle schon schlafen. Und wenn du um sechs Uhr aufstehst, hast du so viel Zeit bis zum Mittag! Aber in „Busy“ geht es eben auch darum, ein wenig zu ehrgeizig mit seinem Plan zu sein. Aber als Musikerin oder Freelancerin muss man sehr selbstständig seinen Arbeitsalltag bestimmen. Und langfristig wird man einfach ein bisschen verrückt, wenn man immer erst mittags aufsteht. Irgendwann hatte ich da keine Lust mehr drauf und wollte den frischen Start in den Tag, den andere auch haben.

In all Deinen Musikvideos präsentierst Du uns so gute Looks — woher ziehst Du Deine Fashion-Inspiration?

Ein Mix aus allem — Freund*innen, Internet und Filme. Gerade aber vor allem die „Sex and the City“-2000er! Der Sommer kommt und wir sind alle schon so lange im Lockdown. Also muss alles ein bisschen extra und sexy sein. So fühle ich mich gerade.

Man muss die Looks präsentieren und die Leute glücklich machen. Alle haben so lange nur ihre eigenen Wände gesehen.

Genau! Auch hier in den Straßen in Kopenhagen tragen alle Leute ihre krassesten Outfits. Alles ist on point.

Ein paar schnelle Abschlussfragen: Welchen Ort würdest Du gerne besuchen?

Ich würde gerne nach Kap Verde gehen, um meine Familie zu besuchen.

Und ein Ort, an dem Du noch nicht warst?

Ich würde gerne Neuseeland und Australien sehen, weil ich noch nie auf dieser Seite des Globus war. Gerade denke ich nicht so viel ans Reisen, wegen der aktuellen Pandemie-Situation. Was aber nett am Lockdown ist: dass man Dänemark besser kennenlernt. Und mehr lokale Orte besucht. Aber es gibt so viele Orte, die ich gerne sehen würde. Griechenland zum Beispiel.

Mit welcher berühmten Person wolltest Du als Kind gerne befreundet sein?

Beyoncé. Ich hatte Träume darüber, wie wir beste Freundinnen sind. Und dann bin ich aufgewacht und war super traurig.

Was war das merkwürdigste Album, das es je in Deinen Walkman geschafft hat?

Ich habe nicht so viel merkwürdige Sachen gehört. Ich dachte immer Radiohead wären komisch, aber dann habe ich rausgefunden, dass super viele Menschen sie hören und sie eine riesige, weltbekannte Band sind. Ich habe oft die alten Klassik-CDs meiner Mutter gehört — wie Vivaldi. Obwohl, wir hatten diese Comedy-Sketch-CDs. Statt einer Comedy-Show hattest du dann Sketche auf CD. Mit Sounds, die das untermalt haben. Und es ist wirklich überzogen und ulkig, weil es ja nur hörbar ist. Das habe ich stundenlang als Kind gehört.

Erika de Casier zweites Studioalbum SENSATIONAL ist am 21. Mai 2021 bei 4AD erschienen. Hier könnt Ihr das Album im Stream hören:


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