Interview

Fettes Brot im Interview: „Wir hören erst auf, wenn wir keine Lust mehr haben“

Die Rastazöpfe sind weg, ein paar andere Haare auch. Ansonsten scheint es, als hätten sich die Jungs von Fettes Brot über die Jahre kaum verändert. Ob mit „Nordisch by Nature“, „Jein“, „Schwule Mädchen“ oder „Emanuela“ – die Hanse-Hip-Hopper fanden seit ihrer Gründung 1994 immer wieder einen Weg in die Radiorotationen und in die Herzen ihrer Fans. Im Interview sprechen wir mit Björn Beton, Dr. Renz und König Boris über ihr neues Album, Liebe, ihr Buch und die eigene Radioshow.

Das neue Album von Fettes Brot heißt LOVESTORY (hier zu unserer Kritik). Liebesgeschichten verbindet man in der Regel mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Denkt an Menschen, die zum ersten Mal verknallt und gar richtig verliebt sind, daran, wenn alles noch aufregend und neu ist. Wieso ein Album so nennen, wenn dessen Absender allesamt über 40 sind? „Liebe lässt nicht nach, egal wie alt man wird“, erklärt König Boris. „LOVESTORY ist zudem kein klassisches Liebesalbum, wie man vermuten könnte. Es ist nicht kitschig oder balladesk. Wir behandeln viele gesellschaftliche Themen im Zusammenhang mit Liebe. Es war uns ein Ansporn, das Thema Liebe aus Perspektiven zu behandeln, auf die vielleicht nicht jeder kommen würde.“

Dr. Renz ergänzt: „Wir fänden es auch schön, wenn wir die Leute auf eine falsche Fährte locken: ‚Lovestory? Sind die Brote jetzt völlig verkitscht und machen nur noch Schnulzen?‘ Und dann hören sie ein Album, das mit allen Facetten der Emotionalität ausgestattet, aber auch tanzbar ist.“

Kooperation

In dem Song „Deine Mama“ etwa geht es darum, in die Mutter seiner Freundin verliebt zu sein. Basierend auf eigenen Erfahrungen? Sie schütteln ihre Köpfe. „Mit Müttern von Freunden funktioniert es auch nicht, die sind ja genauso alt wie die eigenen Mütter. Das ginge nur bei Freunden, die viel jünger sind als man selbst und deren Eltern dann etwas dichter an dem eigenen Alter sind.“

„Manchmal muss man ganz plakativ und parolenhaft sagen: Nazis raus!“

Mit dem neuen Song „Du driftest nach rechts“ sprechen Fettes Brot politische Themen an. Wie politisch darf oder muss ein Musiker sein?  „Ich finde, das kann jeder so halten, wie er will“, sagt Björn Beton. „Für uns ist es am besten, wenn sich Unterhaltung und Haltung treffen. Wichtig ist, dass unsere Musik Spaß macht und man nicht das Gefühl kriegt, politisch erzogen oder belehrt zu werden. Bands, die mit Überzeugung auf einer Mission unterwegs sind, bewundert Björn trotzdem: „Manchmal muss man das vielleicht ganz plakativ und parolenhaft sagen: Nazis raus – Ausrufezeichen. Man kann diese Haltung aber auch vielschichtiger anlegen und auf anderen Ebenen zeigen. Ich finde, das ist uns ganz gut gelungen.“

Boris Lauterbach (König Boris), Martin Vandreier (Dokter Renz) and Björn Warns (Björn Beton) alias Fettes Brot bei einer Autogrammstunde zu ihrem neuen Buch „Was wollen wissen“ 2019 in Hamburg.
Boris Lauterbach (König Boris), Martin Vandreier (Dokter Renz) and Björn Warns (Björn Beton) alias Fettes Brot bei einer Autogrammstunde zu ihrem neuen Buch „Was wollen wissen“ 2019 in Hamburg.

Fettes Brot als Jürgen Domian

Seit 2015 beantworten die drei Musiker in ihrer wöchentlichen Radiofragestunde „Was wollen wissen“ so gut wie jede Frage, die gestellt wird. Aus dieser Show wurde jetzt das gleichnamige Buch gedruckt und seit dem 19. Februar erhältlich. Wir wollen wissen: Wieso gerade ein Buch?

Das haben wir uns anfangs auch gefragt“, antwortet König Boris lachend. War nicht unsere Idee, sondern die vom Verlag. Wir konnten uns das zuerst nicht vorstellen, die Radiosendung enthält ja eher so leicht betrunkene Gespräche. Ob das auch in schriftlicher Form funktioniert? Wir haben die Highlights mal aufschreiben lassen. Über das was herauskam, haben wir sehr gelacht und fanden die Idee schließlich doch gut.“ Björn Beton: „Wir waren skeptisch, aber leicht herumzubekommen. Geht uns oft so!“

Welche Fragen empfandet Ihr als besonders komisch?

Björn Beton: „In der letzten Sendung hat jemand angerufen und gefragt. ob es nicht auch gefährlich werden könnte, wenn überall auf der Welt immer mehr Windräder stünden. Sie wären ja auch auch Propeller, die dazu führen könnten, dass sich die Erde noch schneller dreht. Wir haben verschiedene Szenarien durchgespielt, was dann passieren könnte. Sind viele lustige Dinge dabei rausgekommen.“

Dr. Renz: „Vor zwei Shows hat jemand angerufen und sagte, er sitze mit seinen Jungs im Schraubenhotel. Mit Patrick und Niklas oder so. Und wir so: Hä? Was bedeutet das? Der rief aus der geschlossenen Psychiatrie an, in der sie offenbar unsere Sendung hören. Das fanden wir natürlich gerade im Hinblick auf den Song „Klapse“, den wir auf dem neuen Album haben – was er nicht wissen konnte – einen schönen Gedanke, dass die Mauern solcher Gebäude auch durchlässig sind für unseren Quatsch, den wir so erzählen.“

Telefonate mit solchen Anrufern klingen nach großer Verantwortung.

Dr. Renz: „Absolut! Diese Verantwortung fühlen wir ganz stark. Aber es fällt uns nicht so schwer, sie zu tragen. Weil wir gut darin sind, nett mit Menschen umzugehen. Wir würden nie auf die Idee kommen, mit Mikrofon und dem Showtalent bewaffnet den Anrufer, der sich traut anzurufen, vorzuführen. Wenn wir uns über jemanden lustig machen, dann über uns.“

König Boris: „Es gibt auch Menschen, die mit sehr ernsten Problemen anrufen. Da müssen wir sofort umswitchen, mal kurz ernst sein und live, ehrlich und fair eingestehen, dass wir diese Art von Problemen nicht lösen können. Die Anrufer sind uns dann auch nicht böse.“

Fettes Brot machen seit mehr als 25 Jahren zusammen Musik. Noch nie ans Aufhören gedacht? „Wir hören erst auf, wenn wir keine Lust mehr haben – und bisher hatte ich noch immer welche“, erklärt König Boris. „Das Berufsbild Musiker ist wahrscheinlich abwechslungsreicher als ein normaler Job. Wir drehen Videos, spielen Konzerte… Nicht jeder Tag ist die absolute Wonne als Hip-Hopper. Aber hätte man mir diese Arbeit damals im Berufsinformationszentrum so vorgeschlagen, hätte ich sie mir trotzdem ausgesucht“, sagt Dr. Renz und lacht.

Und wie kriegen sie die heutigen Kids und nicht nur deren Eltern? Björn Beton: „Wir bemühen uns nicht darum, eine Sprache zu finden, die den Erfordernissen der modernen Linguistik genügt. Wir reden einfach so wie uns das Maul gewachsen ist. Eigentlich sollte die Platte heißen: ‚Das feiern wir übertrieben hart‘. Aber da würden wir in eine Sprache reingehen, die uns nicht gehört. Bei unseren Konzerten sehen wir, wer uns so hört. Von deutlich älter bis deutlich jünger als wir ist alles dabei. Manchmal weiß man nicht, wer wen mitgeschleppt hat.“

Dr. Renz: „Ja das stimmt. Und wir haben es natürlich auf die Mütter abgesehen!“

Fettes Brots neues Album LOVESTORY erscheint am 3. Mai 2019.

Tristar Media Getty Images

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