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Nachbericht & Fotos

Folklore im Weltraum: Unterwegs beim Pop-Kultur Festival 2019

Wie viele Bands mit Menschen mit Behinderung kennt Ihr? Und wie viele Popkünstler aus Weißrussland oder Senegal? Wenn es eine Veranstaltung gibt, auf der man solche sehr gut kennenlernen kann, dann wohl das Pop-Kultur in Berlin. Seit Jahren steht das Festival für Diversität und Internationalität, und in der mittlerweile fünften Ausgabe ist dies besser umgesetzt denn je. „Space” ist das Motto, Plakate und Programmhefte sind mit Sternenhimmel und Galaxien bedruckt, was zeigen soll: Hier soll ein Raum für kulturellen Austausch geschaffen werden, der grenzenlos ist.

Und so trudelt man dann, vom 21. bis 23. August 2019, auch einigermaßen schwerelos über das Gelände der Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg, weil die Wege zwischen Konzerten, Ausstellungen, Talks und Filmen angenehm kurz sind, weil das dreitägige Programm so dicht ist und überrascht und funkelt und weil die Acts vom Balkan, dem Baltikum oder Südafrika das eigene (Pop-)Universum erweitern.

Dunkle Materie, sagenhafter Sog

alyona alyona beim Pop-Kultur 2019

Da ist zum Beispiel die ukrainische Rapperin alyona alyona, die in ihren Songs nicht etwa nur die Schutzlosigkeit anspricht, als „dicker Fisch” (wie im Track „Ribki”) dem gängigen Schönheitsideal nicht zu entsprechen, sondern nebenbei auch die Lebensumstände junger Menschen in ihrem konfliktreichen Land behandelt. Selten wirkte selbstreferentieller US-Rap im Vergleich dazu so öde wie an diesem Freitagabend in der Alten Kantine. Verdammt stark.

Die estnische Violinistin und Sängerin Maarja Nuut verknüpft Folklore und Minimal, bei der Kosovarin Andrra trifft „Bauernseele auf Industriemaschine“, wie sie selbst sagt: Sie singt Migrationsgeschichten aus ihrer Heimat zu düsteren Synthwäldern, eine Leinwand zeigt albanische Männer, die auf Feldwegen stehen und ernst dreinschauen. Dunkle Materie, sagenhafter Sog.

Rapperin, DJ und MC Dacid Go8lin sagt im Podium über „Postmigrantische Identität”: „Als ich aus dem Kosovo nach Linz ausgewandert bin, habe ich versucht, mich anzupassen. In dem Moment, als ich aufgehört habe mich zu bemühen, wie die anderen zu sein, und meine eigene Geschichte in meiner Musik zu erzählen begann, wurde ich plötzlich interessant für die Leute. Darum geht es: Das Beste aus den zwei Kulturen zu machen, aus denen man kommt.”

Spätestens bei der Show der deutsch-bulgarischen Klassik-meets-Elektronik-Virtuosin Lisa Morgenstern, die sich den Frauenchor Bulgarian Voices auf die Bühne geholt hat samt Blumenkränzen im Haar und Ethno-Blusen, stellt sich jedoch die Frage: Inwiefern erschafft der westeuropäische Blick ein Osteuropa, das es so gar nicht gibt? Wo wird Folklore geboten, weil Folklore erwartet wird? Ach ja, Balkan – sind das nicht die mit den Langhalslauten und den Sackpfeifen, die beim Singen so herzschwer jaulen?

Es zeugt vom kuratorischen Geschick des Teams um Katja Lucker, Martin Hossbach und Christian Morin, solche Klischees mit einem vielfältigen Programm zu unterwandern. Das Post-Punk-Trio Молчат Дома (Molchat Doma) aus Weißrussland etwa hat mit traditionellen Einflüssen nix am Hut – bis in die Armbewegungen des Sängers Yegor Shkutko erinnert die Darbietung im Frannz an Joy Division. Nun, es gibt wahrlich schlechtere Inspirationsquellen. Das griechische Goth-Pop-Duo Iotaphi sackt, ergriffen von der eigenen Ernsthaftigkeit, bisweilen in Eurovisions-Pathos – aber Sängerin Ilia Darlin performt auf der Bühne, als wäre das Panda Theater die Hollywood Bowl. Vielleicht muss man es genau so machen.

Newcomer neben alten Helden

Es ist eine Stärke der Pop-Kultur, Newcomer neben alten Helden Tür an Tür spielen zu lassen, heimische Lieblinge neben internationalen Überraschungen, Verqueres und Irritierendes, aber nie Langweiliges. Alles hier ist gut gemeint, und das meiste davon auch gut gemacht.

Im Rahmen der „Commissioned Works”, also den exklusiven Auftragsarbeiten, eröffnete Liedermacher Jens Friebe das Programm am Mittwochabend mit einer Neuinterpretation von Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen”, gemeinsam mit der Band 21 Downbeat, bei der zwei Mitglieder das Down-Syndrom haben. Oper als Pop, 60 Minuten vertonte Inklusion – ein Vorzeigeprojekt. Ein Highlight des Festivals war da eher der Auftritt des Kollektivs Station 17, das aus einer Wohngemeinschaft der Evangelischen Stiftung Alsterdorf aus Menschen mit und ohne Behinderung gegründet wurde. Die Musik des mittlerweile seit 30 Jahren aktiven Projekts ist so divers wie die aktuell neunköpfige Besetzung: Wie da haltlos Krautrock auf Drone auf Disco trifft, ein irrlichterndes Saxophon mit Synthies zetert, Schlagzeug und Percussion ballern – da explodierte das Palais vor Energie.

Bei den mehr als 100 Konzerten eben auch auf dem Zettel: die Goldenen Zitronen, ein vorlesender Dirk von Lowtzow, Abriss von Anna Calvi oder die betörenden CocoRosie. Die non-binären Künstler*innen Planningtorock und Mykki Blanco schmeißen jeweils eine House-Party und eine Hip-Hop-Party der ganz eigenen Art.

CocoRosie im Kesselhaus beim Pop-Kultur 2019

Mehr als die Hälfte aller Acts in diesem dreitägigen Kosmos sind weiblich, am Bühnenrand standen Übersetzer für Gebärdensprache, ein Awareness-Team in rosa Warnwesten war zur Stelle für etwaige sexistische oder rassistische Übergriffe, der kopfsteingepflasterte Hof war mit Rampen für Rollstuhlfahrer ausgelegt. Kann man so etwas wirklich nur umsetzen, wenn man eine staatliche Förderung von 1,2 Millionen Euro bekommt? Kritikern ist der Zuschuss vom Land Berlin und dem Bund sowie der EU für dieses Event ein Dorn im Auge. Dabei sollte das Pop-Kultur weniger als Konkurrenz, sondern mehr als Inspiration gesehen werden. Das Ziel sollte doch sein, auch jene Festivals ebenso diskursiv und divers hinzubekommen, die von privaten Geldern abhängen. Einfach, weil es da draußen mehr gute Musiker gibt als nur Indie-Bands aus England, Pop- und Rapstars aus den USA oder Electro-Acts aus, sagen wir, Frankreich. Künstler*innen aller Geschlechter und aus aller Welt haben so viel Neues beizutragen – wir sollten ihnen mehr zuhören, nicht nur in Berlin und nicht nur auf dem Pop-Kultur Festival. So holt man die Utopie aus dem Weltall nämlich auf den Erdboden.

Selfovetribute
Camille Blake Pop-Kultur 2019

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