Toggle menu

musikexpress

Suche

Huren, Hölle und High Voltage – das letzte AC/DC-Konzert vor den Deutschland-Terminen

von

Der Polizist an der Kreuzung lacht schadenfroh. „Parking full!“, ruft er in tschechischem Akzent und dirigiert die Autos die Schnellstraße entlang, wo weit und breit kein Halten möglich ist – zumindest theoretisch nicht. Einige Menschen haben ihre Renaults und Skodas im Straßengraben abgestellt und lehnen an den Motorhauben. Mit zusammengekniffenen Augen starren sie hinüber zum Flugfeld. Dort bohren sich zwei gigantische Teufelshörner in den Himmel. Links und rechts ragen Wolkenkratzer-hohe LED-Türme auf. Mit viel Fantasie sind ein paar räudige Figuren darauf zu sehen, die sich an Instrumenten abarbeiten. Über die Felder trägt der Wind ein Heulen wie einen Sirenentest herüber. Das ist die Stimme von Axl Rose, dem neuen Sänger von AC/DC.

Stop rockin‘ or bust!

An die 100.000 Fans haben sich auf dem Flugplatz Letňany in Prag versammelt, um die wahrscheinlich letzte Inkarnation der australischen Rock-Band live zu erleben. Deren Ur-Mitglieder verabschiedeten sich in den vergangenen zwei Jahren langsam aber sicher in die gute Nacht: Als erster musste der demente Malcom Young die Rhythmus-Gitarre ausstöpseln. Dann schied Drummer Phil Rudd aus, weil er wegen Morddrohungen und Drogenbesitzes unter Hausarrest gestellt wurde. Zuletzt erwischte es auch noch Sänger Brian Johnson, dessen Ohrenarzt ihm nahelegte, das Musizieren gut sein zu lassen, falls ihm sein Gehör lieb wäre. Stop rockin‘ or bust!

So blieb von AC/DC nur der übrig, der ohnehin fast jedes Albumcover alleine ziert: Angus Young, der Mann in der Schuluniform. Er weigert sich, den Rock-‘N‘-Roll-Train jetzt schon in die Remise zu fahren. Die vakant gewordenen Posten besetzte er mit seinem Neffen Stevie Young an der Gitarre und Ex-Drummer Chris Slade am Schlagzeug. Der größte Coup gelang allerdings, als bekannt wurde, dass Guns-N‘-Roses-Chef Axl Rose interimsmäßig in die Fußstapfen von Brian Johnson treten würde.

In sagenhaft geschmackloser Montur stolziert Axl über die Bühne

Die Nachricht kam nicht überall gut an. Der italienische AC/DC-Fanclub stellte trotzig seine Aktivitäten ein. Da werde einer, der nicht hören kann, mit einem ersetzt, der nicht singen kann, hieß es.

In Prag müssen Rose und Young allerdings kaum Überzeugungsarbeit leisten. Schnell wird klar, dass diese Mischung passt, auch wenn Rose heute nicht in Höchstform ist. Mit dünner Stimme raunzt er gegen die Gitarrenwände an. Sein markantes Krächzen hat er verloren – sein Selbstbewusstsein nicht. In sagenhaft geschmackloser Montur stolziert er über die Bühne, predigt die Schöpfungsgeschichte des Rock („Let There Be Rock“), erzählt von Huren, Hölle und High Voltage. Bon Scott interpretierte diese Lieder als spitzbübischer Trunkenbold, Brian Johnson als lüsterner Onkel. Axl Rose schmettert sie uns mit einer gehörigen Portion appetite for destruction entgegen – und das steht ihnen gar nicht schlecht. Vor allem ältere Stücke, wie „Rock ‘N‘ Roll Damnation“, „If You Want Blood (You’ve Got It)“ und „Touch Too Much“, die zum ersten Mal seit Jahren gespielt werden, hören sich bei ihm fast nach Punkrock an.


Folge uns auf Facebook für mehr Whiskey on the Rocks


Zwischen den Songs hält sich Rose zurück, vielleicht weil er spürt, dass er hier bei aller Liebe nur zu Gast ist. Die Bühne gehört Angus Young. Der hopst auch mit 61 noch im Duck Walk von links nach rechts, strampelt auf dem Boden liegend horizontal im Kreis, dass einem beim Zusehen der Hüftknochen wehtut. Dann springt er auf, grinst irr ins Nichts und zeigt zum Himmel, als kämen die Mächte, die ihn in den Wahnsinn treiben, von dort oben. Die Zeigefinger an der Schläfe gemahnt er an den Beelzebub, der sogleich mit donnernden „Hells Bells“ aus der Unterwelt grüßt. Wenn man Young zusieht, wie er seine SG bearbeitet, japsend, besessen von der Musik, hat man den Eindruck, dass es ihm ganz egal ist, wer oder was da neben ihm am Mikro steht. Er wird seine Riffs auch ganz alleine spielen, wenn er muss.

„Fire!“, kreischt Rose. Kanonenschüsse donnern. Ein Feuerwerk explodiert. Der arme Johnson. Gut, dass ihm das jetzt erspart bleibt.

mehr: , , ,
nächster Artikel
voriger Artikel

Das Heft

Jetzt den Newsletter abonnieren!

Jede Woche neu: alle Nachrichten, Liveberichte, Gewinnspiele, Rezensionen, Videos, Charts, Listen und mehr!

Bitte lies dazu unsere Datenschutzhinweise
Share
teilen
teilen
twittern
teilen
mailen