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Interview mit Danny Boyle: „Das Drehbuch war für mich der Klang von Steve Jobs‘ Verstand“

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Seit 12. November 2015 läuft „Steve Jobs“, das Biopic über den Apple-Gründer, von Danny Boyle in den deutschen Kinos. Ein Interview mit dem Regisseur über seinen Film.

ME: „Steve Jobs“ überrollt den Zuschauer mit einem nicht enden wollenden Strom an Dialog, Mr. Boyle.

„Das ist richtig. Das Drehbuch von Aaron Sorkin umfasste 185 Seiten, und es bestand nur aus Dialog, den wir in einen 120-minütigen Film gepresst haben. Ich hätte das nicht geschafft, wenn David Fincher bei „The Social Network“ nicht vorgemacht hätte, dass es möglich ist. Man sollte ihm ein Denkmal für diese Leistung setzen.“


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Aber warum diese Fülle an Worten?

„Zunächst einmal, weil Sorkin geschliffene Dialoge liebt und beherrscht wie kein anderer. Aber da ist noch etwas. Erst nach dem Dreh wurde mir bewusst, warum Sorkin dieses Skript geschrieben hat, warum er auch „The Social Network“ verfasst hat und warum er noch ein Drehbuch über einen dieser Titanen der Tech-Welt schreiben sollte: Das sind Menschen, die man unmöglich verstehen kann. Wenn man sich mit ihnen in ihrer Sprache unterhält, Algorithmen und all dieser Krampf, dann ist man sofort verloren. Was Sorkin macht, ist Folgendes: Er bildet ihre Brillanz in Sprache ab. Mir zumindest geht es so, dass ich Algorithmen nicht verstehe. Sprache aber verstehe ich. Also stattet Sorkin diese Männer mit dieser gewaltigen Eloquenz aus, in der sich die Brillanz ihres Verstands spiegelt. Das Drehbuch war für mich der Klang von Steve Jobs’ Verstand. Das ist es, was Sorkin uns gibt: eine Landkarte des Verstands durch Worte.“

„Für Steve Jobs war man entweder ein Gott oder ein nichtsnutziger Verlierer.“

Ein Hauptthema des Films ist der Disput, ob es sich grundsätzlich ausschließt, genial und gut zu anderen Menschen zu sein. Glauben Sie, dass es vereinbar ist?

„Ich glaube fest daran. Steve Jobs hatte das Problem, dass er es nicht konnte. Für ihn war man entweder ein Gott oder ein nichtsnutziger Verlierer. Dazwischen gab es nichts. Es war aber auch eine Masche, Leute zum Äußersten und Besten zu treiben. Wer das nicht aushielt und von den Klippen stürzte, war weg. Wer dem standhielt, war Teil des Teams. Er hatte selbst kein ausgeprägtes Talent. Richtig gut war er darin, Teams anzuführen und zu Bestleistungen anzustacheln. Darin ähnelt Jobs den meisten Filmregisseuren. Sehen Sie mich an: Ich bin kein Schauspieler, ich bin kein Designer. Und doch sitzen wir jetzt hier und reden darüber, dass ich den Film gemacht habe. Dabei habe ich einfach nur Leute geführt, die tatsächlich gut in dem sind, was sie tun – die Besten.“

Sehen Sie sich also Katalysator?

„Es wäre natürlich schön, von sich als jemand zu denken, der Funken fliegen lässt. Meistens muss man aber einfach nur clever sein, man muss Talente bündeln und ihnen eine Richtung vorgeben. Wenn ich ganz ehrlich sein soll: Das Casting ist das A und O. Jeder Regisseur, der etwas anderes behauptet, macht Ihnen etwas vor. Die Schauspieler machen die Musik.“

Die Besetzung von Michael Fassbender als Steve Jobs war nicht unumstritten.

„Ich wollte Michael haben. Besetzung ist eine höllisch schwierige Arbeit. Es ist immer ein Glaubenssprung. Man sieht etwas in einem Schauspieler und ist dann überzeugt: Das ist er. Ich wusste einfach, dass es keinen Besseren für die Rolle gab als Michael Fassbender. Er ist als Schauspieler auf eine Weise kompromisslos, die Steve Jobs gefallen hätte. Er ist besessen und einschüchternd, aber er hat auch eine charmante Seite, die mich an Cary Grant erinnert und von der man, so glaube ich, in den nächsten Jahren mehr sehen wird.“

 


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