Mike Oldfield: Musik aus der Einöde


Seine zahllosen Instrumente sowie hin und wieder ein paar Freunde, das ist alles, was Mike Oldfield in seiner ländlichen Abgeschiedenheit duldet. Das Anwesen in der englischen Grafschaft Herefordshire ist genau das Richtige für so ein eigenbrötlerisches Genie. Hier macht Mike lange Spaziergänge und spinnt monatelang seine Ideen. Hinter den unzugänglichen Mauern fühlt er sich sicher vor den neugierigen Augen der Umwelt. In die Einöde war er sofort nach seinem immensen Erfolg seiner "Tubular Bells" geflüchtet. Dort richtete er sich sich später im Keller des Hauses ein Studio ein.

So unabhängig und aufwendig wie heute konnte er allerdings nicht immer arbeiten. Für seine ersten produktionstechnischen Gehversuche mußte er sich das Aufnahmegerät sogar leihen.

Kevin Ayers stellte es damals seinem gerade 17-jährigen Leadgitarristen Mike Oldfield zur Verfügung. Mike hatte als Mitglied von Kevin Ayers And The Whole World zwar kein Geld, dafür aber eine Menge abstrakter Ideen, die sich später in klingende Münze verwandeln sollten. Was Mike nämlich auf dem Band festhielt, waren erste Fragmente, aus denen sich später sein aufsehenerregendes Erstlingswerk „Tubular Bells“ entwickelte. Das war 1971. Ein Jahr lang lief Mike mit diesem Demo im Kreis: von den im Aufbau begriffenen Virgin Records, die noch um etwas Geduld baten, über zahlreiche desinteressierte etablierte Schallplattenfirmen zurück zu Virgin, die ihn 1972 endlich unter Vertrag nahmen.

16 Monate lang hielt sich „Tubular Bells“ auf Platz 1 der englischen LP-Charts und wurde abgelöst von Oldfields nächstem Opus „Hergest Ridge“. Als die „Bells“ in Quadrophonie umgemischt werden sollten, mußte Phil Nevell erst einmal auf die Suche nach dem Mastertape gehen, ehe er mit der Arbeit beginnen konnte. Nach einer Party war das Band nämlich verschwunden. Welche Eingebung ihn auf die Spur brachte, ist nicht bekannt. Er fand das Band unter einem Bett zwischen Ming-Vasen und zahlreichen kleinen Kunstgegenständen.

„Hergest Ridge“, Oldfields zweite LP, verbuchte trotz zwiespältiger Kritiken, ebenfalls einen kommerziellen Erfolg ohnegleichen. Bei den Vorbereitungen fühlte Mike sich „beobachtet“, da er wußte, was man „draußen“ vom ihm erwartete. Mittlerweile hatte er sich schon auf seinem Anwesen in Herefordshire niedergelassen. War „Tubular Bells“ noch das freie Resultat spontaner Experimentierfreude eines Newcomers, so arbeitete Mike jetzt bewußter.

„Ich will Musik machen, die ich selbst gern höre,“ erklärte er. „Wenn ich Musik anderer höre, finde ich immer Passagen, die mir sehr gefallen. Dann möchte ich am liebsten eine ganze LP daraus machen. Ich gehe dann hinunter und spiele ein oder zwei Stunden Klavier. Dann passiert für Wochen wieder gar nichts. Auf einem Spaziergang fiel mir dann plötzlich auf, daß ich eine Melodie erfunden hatte, die ich beim Gehen immer vor mich hin summte.“ In seiner ländlichen Abgeschiedenheit hat Mike Zeit, seine Ideen in aller Ruhe auszubrüten. Früher, als er noch in der Stadt wohnte, ist er erst einmal um den Häuserblock gelaufen, wenn ihn eine Idee gepackt hatte – dann erst hat er sie verarbeitet.

Nachdem „Hergest Ridge“ auf dem Markt war, vergrub Oldfield sich zwei Jahre lang auf seinem Gehöft, dann entschloß er sich, die LP nach seinen „gereiften“ Vorstellungen neu zu mischen.

Wie gesagt, Mike läßt sich Zeit. Im vorigen Jahr beschäftige er sich acht Monate lang mit „Ommmadawn“. Eine Woche bevor sein Band fix und fertig sein mußte, kam Phil Nevell ihm zu Hilfe. Schließlich fehlten bei einem Track noch Gitarre und Pfeife. Zusammen mit Paddy Malony tüftelten sie bis spät in die Morgenstunden, kamen aber nicht weiter. Phil war nervös, der Termin drängte. Trotzdem ging er morgens um halb drei erst einmal erschöpft schlafen. Zwei Stunden später weckten ihn Mike und Paddy mit dezenter Alkoholfahne. Nachdem sie sich so festgefahren und darum zur Flasche gegriffen hatten, war ihnen doch gekommen. „Es gab keinen Timing Track für das Stück, bei dem wir die Gitarre und die Pfeifen überspielen wollten,“ erinnert sich Phil. „Das Stück war dreineinhalb Minuten lang, und nach einigen Fehlstarts, schafften die beiden tatsächlich einen kompletten Take, der exakt mit dem Takt endet, dem der nächste Teil folgt. Die beiden haben sich voller Bewunderung angesehen. Wie ist es möglich, etwas von dieser Länge mit diesem perfekten Timing ohne jeden Anhaltspunkt zu spielen?“

Soweit Phil Nevell.

Für Sammler gibt es jetzt übrigens eine Quadrophonie-Kassette mit den gesammelten Werken des musikalischen Magiers. „Mike Oldfield Boxed“ enthält neben „Tubular Bells“, „Hergest Ridge“ und „Ommadawn“ noch eine LP mit bisher unveröffentlichtem Material: „Collaborations“. Wann diese LP in der bestehenden Mischung als reguläres Album erscheint, steht noch nicht fest.

Vielleicht fallen Mike Oldfield beim Spazierengehen wieder jede Menge neuer Möglichkeiten ein, wie er „Collaborations“ am Mischpult noch perfekter gestalten kann.