Überflieger aus „down under“: Johnny Diesel

LONDON. Anderswo — vor allem in seiner Heimat Australien — hat der Mann Platin-Status — in London können sie noch nicht mal seinen Namen buchstabieren: Steht doch mit dicker Tinte auf dem Ticket der Aufdruck „Diesal“.

Mark Lizotte alias Diesel ist ein vielseitiger Junge, und zwar nicht nur auf der Gitarre. Aufgewachsen in Massachusetts und Arizona, später im australischen Perth. kennt er die diversesten Musikkulturen in- und auswendig. Ein erstes Album, ’89 unter dem Titel „Johnny Diesel And The Injectors“ veröffentlicht, präsentierte muskulösen Blues-Rock und machte den Mann mit der Strat und der Stimme von John Mellencamp zum Star. Wie gesagt: anderswo. Das europäische Publikum ist Diesels Reizen bisher noch nicht erlegen.

Auch wenn der „Borderline“-Club, in dem sein neues Opus „Hepfidelity“‚ vorstellt, randvoll ist.

Zum Auftritt hat Diesel zwar nicht mehr die alten Injectors mitgebracht — er sei der Band entwachsen, meint er — dafür seine gute Stube: An den Wänden um die Bühne hängen weinrote Tapeten mit Brokaträndern und kolorierte Landschaftsbilder.

Als Dekor für Diesel wäre eher ein Fitness-Raum mit Kraftmaschinen angemessener gewesen. „Kraftvoll“ und „muskulös“ sind die Adjektive, die am besten zu ihm passen. Der Sound — Keyboard, Baß, Drums, Backing Vocals, Rhythm Gitarre — ist satt und rund, seine Adern angeschwollen wie die von Johnny auf dem neuen Albumcover. Die Songs stecken ein extremes Stilspektrum ab. „Tip Of The Tongue“ ist ein poppiger Rocksong, „Get Lucky“ verrät Spurenelemente von Free, „Come To Me“ fängt an wie Curtis Mayfield und endet in einem Ry Cooder-Groove. „Love Junk“ tönt wie Adriano Celentano, „Family Affair“ wiederum ist seelenvoller Funk. Den roten Faden bildet Diesels Stiltrick, altvertraute Songstrukturen immer wieder mit einem knackigen Groove in andere Gefilde zu versetzen. So weit so gut — aber echte Begeisterung tauchte bei diesem Schreiber trotzdem nie auf. Denn noch immer erinnert die Musik zu sehr an Meilencamp und Konsorten. Und damit an eine Vielzahl wohlmeinender Londoner Pub-Rockbands.

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