Wir alle waren Verlierer


Wir trafen uns immer zwischen U-Bahn Station und Bushaltestelle. Trotz meiner Kurzsichtigkeit erkannte ich ihn schon, als er die Treppen des U-Bahnschachts heraufkam. Ich ging ihm nicht entgegen.

OMA’S KAFFEEKLATSCH

Er kam auf mich zu, lächelte und umarmte mich. Seine Haare waren frisch gekämmt und seine Küsse schmeckten nach Zahnpasta. Er gab sich Mühe, einen guten Eindruck zu machen, so wie er es immer tat. „Was wollen wir heute unternehmen?“, fragte er, und ohne meine Antwort abzuwarten, erzählte er mir, dass seine Oma Geburtstag hätte und er sich dort zum Gratulieren sehen lassen müsste.

Er schwärmte von dem guten Kuchen, den es bei seiner Oma stets gab und zählte weitere gute Eigenschaften der alten Dame auf, so dass ich schließlich nicht mehr den Mut hatte, zu sagen, dass er sich seine Oma an den Hut stecken könnte. Ich habe nichts gegen Omas und auch nichts gegen Geburtstagsfeiern – aber ich kannte einen Teil von Peter’s Verwandschaft und konnte mir demnach lebhaft vorstellen, dass Peters Oma genauso langweilig war. Die Oma gab ein Geräusch von sich, das sich wie ein Lachen anhörte, aber sie zog den Mund nicht dabei. Dann schüttelte sie mir die Hand von rechts nach links und von links nach rechts, hin und her, anstatt mir die Hand in einer rauf-und-runter-Bewegung zu schütteln, wie man es normalerweise tut.

Alte Leute haben nun mal ihre Eigenarten. Auf meine Glückwünsche, die ich ziemlich eingeschüchtert vortrug, sagte sie kopfnickend: „Soso, Sie sind also Peter’s kleine Freundin. Na, das ist ja nett, dass ich Sie mal zu sehen bekomme.“ Sehr nett, das fand ich auch. Während des Kaffeetrinkens fragte man mich von allen Seiten der Verwandtschaft, wie ich hieße, wie alt ich sei, welche Schule ich besucht hätte und wo ich Peter kennengelernt hätte. Ich beantwortete alle Fragen gewissenhaft und fühlte mich von Minute zu Minute unbehaglicher. Peter half mir nicht. Er hätte schliesslich das Thema in andere Bahnen lenken können! Aber Peter war damit beschäftigt, Großmuttern’s vielgepriesene Apfeltorte zu verschlingen und achtete nicht auf die Gespräche, die geführt wurden, die im Grunde genommen auch gar keine Gespräche waren.

In diesem Moment, als Peter Berge von Schlagsahne auf seine Torte häufte und seine Großtante zweiten Grades mich lächelnd und wohlwollend beäugte, wurde mir klar, dass Peter und ich nichts Gemeinsames hatten, dass ich ihn nicht verstand und er mich nicht und dass unsere Freundschaft nie über Kaffeeklatsch und Kinoniveau hinausgegangen war. Er passte hierher. Als man dann nicht mehr über mich sprach, sondern allgemeine Jugenderinnerungen austauschte, wie: „Stellt Euch vor, damals als Kinder sind wir einmal in den Kirschbaum gestiegen und haben Kirschen gestohlen“ — da warf ich einen Blick zu Peter hinüber, aber ich hätte mir diesen Blick sparen können. Er hatte sich in seinen Sessel zurückgelehnt und hörte satt und zufrieden den Gesprächen zu, die, wie ich schon sagte, keine waren.

Niemand rauchte, weder Peter noch sonstwer. Es gab auch keinen Aschenbecher im Zimmer, wie ich nach kurzer Zeit feststellte. Wie ich mir die Sache so überlegte, würden wir noch den ganzen Abend so sitzen und ich würde den ganzen Abend von Tanten betrachtet werden und würde nicht rauchen können. Das war zuviel des Guten. Innerhalb weniger Minuten entschloss ich mich, mir einen neuen Freund anzulachen. Als wir, wie ich vermutet hatte, spät abends gingen, teilte ich ihm meinen frisch gefassten Entschluss mit. „Überleg’s Dir noch mal“, sagte er. Er fragte nicht, warum. Er fragte nicht einmal, warum!!

EIN KNABE MIT BLONDEN LOCKEN

Er hieß Klaus, hatte lange blonde Locken und ein schmales Gesicht. Ich fand ihn unheimlich attraktiv. Wir lernten uns in der Mittagspause in meinen Stamm-Restaurant beim Essen kennen. Das war am Tag nach Peter’s Familienfeier. Wir saßen uns also gegenüber und schnitten beiden den Fettrand von unseren Koteletts. Darüber lachten wir uns halbtot, obwohl an der Situation überhaupt nichts Lächerliches was. Wir rauchten dieselbe Zigarettenmarke und besaßen beide eine Langspielplatte von den Vanilla Fudge.

Es war verrückt. Ich war verknallt in diesen Knaben, bevor ich ihn überhaupt richtig kannte. Wir trafen uns am selben Abend und am nächsten auch. Ich erzählte Klaus nichts von Peter. Warum sollte ich auch? Peter existierte für mich nicht mehr. Das glaubte ich jedenfalls. In einer kalten und völlig verschneiten Nacht stapften Klaus und ich durch den Schnee, um eine Kneipe zu suchen, in der es warm war. Es waren nicht so viele Leute unterwegs. Der Wind wehte mir voll ins Gesicht, ich kniff die Augen zusammen. Trotz meiner Kurzsichtigkeit und obwohl ich die Augen kaum offen hatte, erkannte ich plötzlich Peter, der wenige Schritte vor uns ging. Ich erkannte ihn am Gang. Er hatte ein Mädchen an der Hand. Soweit ich sie von hinten erkennen und einschätzen konnte, sah sie gut aus. Jedenfalls hatte sie gute Beine und im Profil ein hübsches Gesicht.

Von einer Sekunde zur anderen bekam ich ein recht flaues Gefühl im Magen und eine eigenartige Unruhe ergriff mich. Ob das Peter’s neue Freundin war? So schnell — und ein so gutes Mädchen? Er hatte die Tatsache, dass ich mich von ihm trennte, mit einem Achselzucken hingenommen — er hatte kein Bedauern gezeigt, er hatte keine Erklärung gewollt … und jetzt ging er da mit diesem Mädchen, das besitzergreifend seine Hand hielt, und, ihrem Gang nach zu urteilen, viel Selbstbewusstsein hatte… Ich wurde wütend auf das Mädchen, obwohl ich mir das in dem Moment noch nicht eingestand. Jedenfalls beschleunigte ich meine Schritte und zog Klaus mit mir, sodass er fragte: „Bist Du schon am Erfrieren? Wir finden sicher bald eine geheizte Gastlichkeit…“ Ich sah ihn flüchtig von der Seite an, er war unwichtig, jetzt Peter und das Mädchen blieben stehen, stiegen dann plötzlich ein paar Stufen hinunter und waren dann wie von der Häuserwand verschluckt.

„Da muss irgendwo ein Nest sein“, sagte Klaus, der die beiden Gestalten beobachtet hatte, ohne zu wissen, wer sie waren. Das „Nest“ war ein Tanzlokal. Wir setzten uns -an einen Ecktisch, schräg gegenüber von Peter und dem Mädchen. Er hatte mich noch nicht gesehen. „Was willst Du trinken“, fragte Klaus. Ich spähte zu dem anderen Tisch hinüber. Peter und das Mädchen warfen nicht einen einzigen Blick in die Getränkekarte. Wahrscheinlich waren sie sich von vornherein einig, was sie trinken wollten. Wahrscheinlich war es sogar Bier. Peter trank immer Bier. Das Mädchen war tatsächlich gar nicht übel, stellte ich fest.

„Ich fragte, was Du trinken willst“, fragte Klaus erneut „Ach ja“, antwortete ich. In diesem Moment hob Peter den Kopf. Wir sahen uns länger als eine Sekunde lang an — zu lange, um vorzutäuschen, man sei sich völlig fremd. Eigentlich wunderte ich mich, dass er nicht aufstand und unverbindlich „guten Tag“ sagte. Damit wäre für ihn die Sache am schnellsten beendet gewesen. Als ich dann aber die kühlen und prüfenden Blicke des Mädchens gewahr wurde, die abwechselnd von Peter zu mir schweiften, wunderte ich mich nicht mehr so sehr darüber, dass er mich nicht kannte. Das Mädchen guckte aus grauen, schrägen Augen. Sie schien ein eifersüchtiger Typ zu sein. Sie kannte Peter doch noch gar nicht lange — ich fragte mich, woher sie die Unverfrorenheit nahm, eifersüchtig zu sein. Ich fand ihre schrägen Augen und ihre zusammengepressten Lippen widerlich. Nun gut, ich würde ihr einen GRUND zur Eifersucht geben.

EIN SPIEL UM NICHTS

„Du hast immer noch nicht gesagt, was Du trinken willst“ sagte Klaus. Der Kellner stand bereits vor unserem Tisch. „Das gleiche wie Du“, sagte ich abwesend. Wir tranken also Wodka. Klaus trank den Wodka zum Aufwärmen. Ich nicht. Peter und seine Freundin tanzten. Ich beobachtete sie. Sie tanzten eng, aber nicht zu eng. Ich meine, sie tanzten nicht verliebt. Gut für mich. Ich hatte noch alle Chancen, diesem Mädchen ihren Peter wieder wegzunehmen.

Der Wodka schmeckte gut. Klaus bestellte zwei neue. Wodka. Das Gesöff hatte es in sich. Wenn ich nicht soviel davon getrunken hätte, dann hätte ich die ganze Szene nicht aufgezogen. Aber das Spiel hatte seinen Anfang genommen, als Peter und ich diesen einen, langen Blick wechselten und es schien nun nicht mehr aufzuhalten zu sein .. Nach einigen Tänzen brachte Peter das Mädchen zum Tisch zurück und baute sich dann vor der Musikbox auf, um einige Platten zu drücken. Ich nahm Klaus seine Zigarette aus der Hand, nahm davon einen tiefen Zug und gab sie ihm zurück. Dann stand ich auf und lächelte ihm so süß ich nur konnte zu. „Ich werde mal etwas flotte Musik in der Musikbox drücken, ja, Kläuschen?“

Die Musikbox stand so, dass Klaus mit dem Rücken zu ihr saß, das Mädchen mit den schrägen grauen Augen uns aber genau sehen konnte. Ich schob mich durch die tanzende Menge hindurch und blieb dicht neben Peter an der Musikbox stehen. Er studierte immer noch die Titel der Songs. Ich war schneller als er. Ich drückte „Geh nicht vorbei“, bevor er es tun konnte. Dieses Lied ging ihm an Herz und Nieren, das wusste ich. Wir hatten es oft zusammen gehört — er war immer sanft und nachdenklich dabei geworden, nur hatte er mir seine Gedanken nie mitgeteilt! Auf jeden Fall würde ihn dieses Lied an mich erinnern…

Er wusste genau, dass ich neben ihm stand, obwohl er nicht aufsah. Er war unsicher geworden, das merkte ich sehr gut. Nervös trommelte er mit den Fingern gegen den Rand der Musikbox, ließ dabei seinen Blick die Listen hinaus und hinunterschweifen, ohne wahrscheinlich zu wissen, was er da sah. „Warum drückst Du nicht die Archies“, sagte ich. Er hob ruckartig den Kopf, sah mich an. Ich hielt seinem Blick stand, ohne zu lächeln. Ja, warum nicht die Archies“, wiederholte er, und eine merkwürdige Befangenheit lag in seinem Blick. „D 5“ half ich ihm nach. Er drückte zuerst die D-Taste, dann die 5-Taste. „Du …“ sagte er mit fragender Stimme. „Hm?“ In diesem Moment begann der Text unserer Erinnerungsplatte.

„…als ich dich fand, ging eine Sonne auf — und der Himmel war so nah …“

Das tat den Trick. Seine Augen hefteten sich auf mich, aber sein Blick war starr, er schien durch mich hindurchzusehen. „Susanne“, sagte er leise, „warum hast Du … ich meine, warum bist Du …“ Jetzt fragte er nach dem Warum. Jetzt. Und ich hatte keine Lust mehr, ihm darauf zu antworten. „Deine Freundin beobachtet Dich“, sagte ich. „Sie ist nicht meine Freundin“, erwiderte er heftig, „ich gehe nur manchmal mit ihr aus …“

„Ich mag sie nicht“, sagte ich. Er sah so aus, als ob er sagen wollte, „ich auch nicht“, Aber er sagte es nicht. Stattdessen trat er dicht an mich heran und raunte mir zu: „Ich gehe ein bisschen vor die Tür, frische Luft schnappen. Kommst Du in zwei Minuten unauffällig nach?“ Ich nickte. Peter ging nach draußen. Vorher zog er sich übrigens seinen Mantel an. „…es ist zu spät, um zu lügen…“ tönte es mir ins Ohr. Ich stand nach zwei Minuten immer noch da und nach zehn Minuten immer noch — unfähig, zu denken und unfähig, den Erfolg dieser Szene zu glauben. Nach einer endlosen Zeit kam Klaus und holte mich von der Musikbox fort, mit dem Kommentar, wir seien nicht auf einer Stehparty. Ich trank einen weiteren Wodka. Klaus steckte mir eine angerauchte Zigarette in den Mund. Ich schielte zu dem Mädchen am anderen Tisch hinüber. Sie saß zusammengesunken da, den Kopf in die Hände gestützt, Peter kam nicht zurück. Hurra, hurra, ich hatte mein Spiel gewonnen. Aber es gab keinen Sieger dabei. Wir alle waren Verlierer. Ich hatte zwar entschieden zuviel getrunken, aber ich kam mir plötzlich wieder sehr nüchtern vor.