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… Interview mit Lana Del Rey: Das Mädchen mit den zwei Namen
27. Januar 2012
von Jochen Overbeck
Features
Interview mit Lana Del Rey: Das Mädchen mit den zwei Namen
Ihr „Video Games“ war einer der Hits des vergangenen Jahres, jetzt erscheint mit Born To Die" das Debütalbum von Lana Del Rey. Aber wer genau ist die 25-Jährige? Ein kühl kalkuliertes Kunstprodukt? Ein Mädchen, das den Nerv der Zeit trifft? Ein Treffen bringt nur bedingt Klarheit.
Zunächst ein Geständnis: Wir haben uns geirrt. Als Lana Del Rey vor gut
eineinhalb Jahren an einem verregneten Spätsommertag auf der Bühne
eines Fernsehstudios in Berlin-Tempelhof die schwedische Rockband Mando Diao bei deren
Unplugged-Konzert unterstützte, sahen wir keinen Star. Wir sahen
nicht mal die erstaunlich vollen Lippen, über die zuletzt so viel
spekuliert wurde. Wir sahen lediglich ein recht hübsches Mädchen,
das sich in ihren Stöckelschuhen nicht sehr wohl zu fühlen schien
und eine ordentliche Stimme hatte. Wir wunderten uns ein bisschen,
was das jetzt sollte, und vergaßen den Gastauftritt noch in der
U-Bahn, die uns zurück in die zivilisierten Gebiete Berlins
brachte.
Ein knappes Jahr später: Lana Del Rey veröffentlicht ihren Clip
zu „Video Games“. Der Mix aus Vintage-Bildern und DIY-Ästhetik, den
Del Rey angeblich selbst und nur mit einem iPhone schnitt, ergänzt
den leicht modernisierten Pop-noir-Sound mit deutlichen
Cat-Power-Querverweisen gut und erzeugt ein mediales Grundrauschen,
das von Woche zu Woche stärker wird. Beschleuniger sind dabei
keineswegs nur soziale Netzwerke oder Nerd-Blogs. Etablierte
Online-Medien befeuern den Hype. MTV, Pitchforkmedia, die Website
des „Guardian“. Alle nehmen die von der Künstlerin selbst geprägten
Begriffe wie „Gangster Nancy Sinatra“ oder „Hollywood Pop“ gerne
auf. Ein Showcase in New York wird breit diskutiert, erste
Interviews veröffentlicht. Die Message der meisten Geschichten:
Begeisterung, gepaart mit Ratlosigkeit.
Denn klar erscheint, dass Lana Del Rey, zumindest was ihre
Außendarstellung angeht, ein Kunstprojekt ist, eine Inszenierung.
Eigentlich heißt sie Lizzy Grant und hat als solche schon eine
Karriere hinter sich. Keine große, aber im merhin eine, die fünf,
sechs Jahre andauerte und zu vielen Konzerten in und um New York
führte. Del Rey nahm sogar ein Album auf, das allerdings kurz nach
seiner Veröffentlichung von ihrem Management zurückgezogen wurde.
Der „Huffington Post“ sagte sie damals: „Sollte jemand mit einer
besseren Vorstellung kommen, wie ich die ganzen Dinge anpacken
könnte, würde ich das machen.“
Schnitt. Irgendwann im vergangenen November, später Nachmittag,
Dunkelheit liegt über der Stadt. Am Abend zuvor spielte Lana Del
Rey ein Konzert in einem kleinen Seitenraum der Volksbühne. Jetzt
sitzt sie in einer Suite im Soho House, einem Members-Only-Club in
Berlin-Mitte. Sie thront auf einem recht großen Kanapee. Im
Hintergrund lagern drei bis vier Angestellte des Managements. Sie
kommunizieren intensiv und verbissen mit ihrem Gerätepark, da geht
es um große Dinge, möglicherweise die Weltherrschaft. Lana Del Rey
blendet all diesen Trubel aus. Sie hört aufmerksam zu. Fast zu
aufmerksam. Ihr Blick verrät: Die Frage nach ihrem wundersamen
Namenswechsel hat sie schon öfter gehört. Sie lächelt. Und
erzählt:
Ich bin einfach der Meinung, dass dieser Name so schön ist wie
die Songs, die ich schreibe und die Videos, die ich drehe. Er
passt. Haben Sie mal den Schriftzug vom Ford Del Rey angeschaut?
Diese goldenen Buchstaben? Wunderbar.
Also kein Alter Ego? Keine Sasha Fierce, kein Ziggy
Stardust? Nein. Ich bin glücklich in meinem eigenen Kopf. Ich habe
beide Füße auf dem Boden. Das, um was es zum Beispiel Beyoncé geht,
nämlich die Schaffung einer Fantasieperson in einer Fantasiewelt,
das interessiert mich nicht. Meine Musik handelt von meinem Leben.
Trotzdem hat man oft den Eindruck, Ihre Songs seien auf
einen gewissen Gesamteindruck hin entworfen. Die Themen ähneln
sich. Die große, verzweifelte Liebe als Story, die Ikonografie und
die Farben Amerikas als begleitendes Motiv, das immer wiederkehrt.
Wie passt das zusammen?Liebe und Patriotismus sind beides
sehr starke Themenkomplexe. Beides hat mit Hingabe zu tun und ist
nicht unbedingt rational erklärbar. Das reizt mich.
Was bedeutet Ihnen Amerika? Sind Sie Patriotin?
Keine übermäßige. Das wirkt nur so. Aber im Clip zu
„Blue Jeans“ sehen Sie die französische Flagge, einige der Bilder
aus „Video Games“ stammen aus Holland.
Bei Ihrer Kombination aus Wort und Bild muss man oft an
Filme denken. An David Lynch, aber auch an das Hollywood der
50er-Jahre. Ist das etwa Ihre Realität?
Natürlich nicht. Aber mein Leben verlief durchaus
turbulent. Insofern gibt es genug, über das ich singen kann. Und
ich betrachte es als mein ganz persönliches Vergnügen, das
nachträglich noch etwas zu kolorieren.
Sie singen gerne über Zigaretten und Alkohol. Und Männer,
die sich dafür interessieren. In New York kann man kaum rauchen,
ohne dass man Ärger bekommt …
Jetzt muss Lana Del Rey lachen. Nach einer Pause
fügt sie an, dass sie selbst nicht trinke. Und nichts dafür könne,
dass die Protagonisten ihrer Songs – und offenbar auch ihres Lebens
– oft eine Zigarette im Mund hätten. „Manchmal hat man eben
schlechte Angewohnheiten. Und versäumt es, die zu verlieren.“
Im Falle von Lana Del Rey kann man vermuten, dass die
schlechten Angewohnheiten früh anklopften. Mit 15 zieht sie in ein
Internat nach Connecticut. Eine schöne Zeit, die von den
Highschool-üblichen Aktivitäten flankiert wird. Sie läuft im
Leichtathletik-Team der Schule und schreibt. Sie lernt Spanisch,
beschäftigt sich mit Philosophie. An den Wochenenden steigt sie
aber mit ihren Freundinnen in deren schnelle Wagen. Vierzehn Jahre
alt ist sie, als sie anfängt, viel auszugehen. Keinesfalls in
Underage-Clubs, sondern in die Techno-Läden der örtlichen Jeunesse
dorée. Wie das im so strikten Amerika ging? „Wir haben Mittel und
Wege gefunden, um angemessen zu feiern“, sagt sie – und ergänzt,
dass sie diese Geschichten eigentlich nie erzählen würde. „Es hat
einfach nichts mit meiner Musik zu tun. Ich halte es nicht für
relevant.“
Man läuft bei Lana Del Rey öfter gegen solche Mauern, hat den
Eindruck, dass sie sich immer nur bis zu einem gewissen Punkt
öffnet. Die Faustregel scheint zu sein: Alles, was mit Lizzy Grant
zu tun hat, vor allem mit jener Lizzy Grant, die noch nicht
musizierte, bleibt im Dunkeln. Was ist mit der Kindheit in Lake
Placid, jenem Wintersportort im Norden des Bundesstaates New York,
in dem 1980 die Olympischen Winterspiele abgehalten wurden? „Ein
Kaff“, wie Lana Del Rey sagt, „kleiner als sein Name. Die nächste
Stadt war sechs Stunden weg. Ich habe recht wenig Erinnerungen
daran.“ Sie leitete einen Kinderchor, das ist überliefert. Welche
Musik, welche Filme mochten die Eltern? Sie zuckt mit den
Schultern. „Meine Mutter hörte Carly Simon, mein Vater James Taylor
und die Beach Boys. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass sie mir
das jemals vorspielten. Es spielte keine Rolle“, sagt sie. „Und
Filme sah ich auch keine. Wir hatten nicht einmal einen Fernseher.
Ich lernte all das erst kennen, als ich nach der Schule nach New
York zog.“
Warum New York? Warum nicht Los Angeles? Los Angeles würde
so gut zu Ihnen passen.
Ich bin dort geboren. Außerdem gingen alle nach New
York. Wenn man in Lake Placid aufgewachsen ist und die Schule in
Connecticut besuchte, ist es einfach ein logischer Schritt. Käme
ich aus San Francisco, wäre ich wahrscheinlich nach Los Angeles
gegangen.
Was ist Ihre erste Erinnerung an die Stadt?
Ich ging viel zu Fuß. Lange Strecken. Zehn, zwölf
Kilometer waren keine Seltenheit.
Warum?
Es macht mich glücklich. Ich mag es, wenn mein
Körper in Bewegung gerät. Das Gleiche passiert dann mit dem Gehirn.
I’m a walking person.
Wo lebten Sie?
Verschieden. Ich habe bei Freunden und Bekannten
gewohnt. Erst als ich meinen ersten Plattenvertrag unterschrieb,
hatte ich genug Geld, um mir etwas Eigenes zu leisten. Einen
Trailer, eine Viertelstunde von Manhattan entfernt.
New York mit wenig Geld, funktioniert das?
Ich finde schon. Aber das hatte natürlich auch
damit zu tun, dass meine Ansprüche damals recht niedrig waren. Ich
machte nichts, was Geld kostete. Ich las Gedichte. Und ich schrieb
meine ersten Songs. Ein guter Tag bestand darin, dass mich alle
anderen in Ruhe ließen und ich einen Liter Kaffee trank. Kaffee
kostet nicht viel.
Die Songs waren gut. Das sagten zumindest Freunde und Bekannte.
Sie ging also an den Computer und warf Google an. Suchwort: „Open
Mic Nights“. Das erste Ergebnis notierte sie sich. Ein paar Tage
später nahm sie ihre Gitarre und ruckelte mit der U-Bahn nach
Williamsburg. „Dort ging ich in eine Bar, spielte diesen Song ‚
Pawnshop Blues‘. Ein paar Typen gefiel das. Sie umringten mich,
sagten, dass das großartig gewesen sei. Und fragten, ob ich Lust
auf einen gemeinsamen Auftritt habe.“
Der Rest ist mehr oder weniger Geschichte. Lizzy Grant bekam
einen Plattenvertrag. Aus Lizzy Grant wurde Lana Del Rey. Die mit „
Video Games“ und seinen zehn Millionen You-tube-Views. Die mit der
Nummer-eins-Single in Deutschland. Und die, auf deren Debüt Born To
Die viele Menschen warten. Die Presse bekam zum Zeitpunkt des
Interviews nur ein halbes Dutzend Songs zu hören. Einen möglichen
Rest suchte man sich im Internet zusammen. Am schönsten: das
tatsächlich hymnische „National Anthem“ und der Titelsong, eine
schwelgerische Ballade über die Endlichkeit an sich. Beim
Videodreh ließ sich die Plattenfirma nicht lumpen und spendierte
einen Tiger.
Bisher haben Sie Ihre Videos selbst gedreht. Der Clip zu „
Born To Die“ wurde erstmals von einem Regisseur in Szene gesetzt.
War es schwer für Sie, Kontrolle abzugeben?
Nein, weil das nicht der Fall war. Bei einem Video
ist es doch das Schönste der Welt, wenn einem Leute helfen, die
sich damit auskennen. Ich habe meine Videos bisher nicht aus Freude
selbst gestaltet, sondern vor allem, weil es gar keine andere
Möglichkeit gab.
Und sonst? Angst, dass Ihnen die Dinge entgleiten?
Es ist doch nur so, dass mir die Plattenfirma
gerade eine Menge abnimmt. Sie kümmert sich um die Promo,
entscheidet, wer Interviews bekommt. Solche Sachen. Aber wenn sie
dabei irgendwelchen Unsinn anstellen würden, würde ich ihre Häuser
niederbrennen. Sie wissen, was der Deal ist.
Was glauben Sie: Würde dieser Deal bestehen bleiben können,
wenn Sie ein Star würden?
Es ist sehr schwierig für mich, die Frage
angemessen zu beantworten, weil ich nicht weiß, was in nächster
Zeit passieren wird. Aber ich bin eigentlich keine Person, die die
Öffentlichkeit sucht. Vor allem kann ich mir nicht vorstellen, dass
ich eine Größe erreiche, die dieses Wort „Star“ evoziert. Ich habe
diese Vision nicht, verstehen Sie? Ich strukturiere mein Leben
nicht nach solchen Möglichkeiten. Ich mache sehr gerne Musik. Aber
ich mache vieles gerne. Ich wäre auch mit einem bürgerlichen Beruf
glücklich.
Lana Del Rey veröffentlicht ihr Debütalbum "Born To Die" hierzulande am 27. Januar. Nachdem man neben "Video Games" bereits die Songs "Blue Jeans" und "Born To Die" hören konnte, sind nun 45-sekündige Snippets aus den Albumtracks "This Is What Makes Us Girls" und "National Anthem" veröffentlicht worden.
Eigentlich sind Live-Auftritte nicht so ihr Ding. Dennoch: Lana Del Rey trat erstmals live in einer amerikanischen Late Night Show "Saturday Night Live" auf. Seht hier die Single "Video Games" live.
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