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Exklusiv-Interview mit Pussy Riot in voller Länge!

Das Urteil im Prozess gegen Pussy Riot steht fest. Zwei der drei Musikerinnen bleiben in Haft, darunter Nadeschda Tolokonnikowa.

Zwei der drei inhaftierten Pussy-Riot-Sängerinnen bleiben in Haft und müssen ins Straflager. Das hat das Moskauer Gericht am Mittwoch entschieden. Nadeschda Tolokonnikowa (22), und Maria Alechina (24), sind damit zu zwei Jahren Haft im Straflager verurteilt. Jekatarina Samuzewitsch (30), wurde frei gelassen. Ihre Haftstrafe wird in eine Bewährungsstrafe umgewandelt. Am 17. August wurden die drei Pussy-Riot-Mitglieder wegen "Anstiftung zum religiösen Hass" schuldig gesprochen.

Für die November-Ausgabe des Musikexpress, ab dem 11. Oktober im Handel, hatten wir ein Interview mit Nadeschda Tolokonnikowa geführt. Über ihre Anwälte gelang es dem Musikexpress, Tolokonnikowa, dem politischen Kopf der Truppe, Fragen zukommen zu lassen. Am 14. September konnten die mit Kugelschreiber auf Karopapier geschriebenen Antworten aus dem Knast geschmuggelt und uns übersendet werden.

Von Arno Frank und Severin Mevissen.

Lieber Musikexpress! Leider versucht die SIZO (Abkürzung für die Untersuchungshaftanstalt – Anm. d. Ü.) zu verhindern, dass wir unseren Anwälten Texte übergeben und sie diese aus der Gefängniszelle herausbringen. Die von mir schon einmal geschriebenen Antworten wurden mir weggenommen. Deshalb nun ein zweiter Versuch – schnell und notgedrungen kurz.

Könnten Sie die Situation und Umgebung beschreiben, in der Sie sich befinden? Ihre Gefängniszelle, die Einrichtung, den Tages­ablauf … Inwieweit wird sich alles ändern nach Ihrer Verlegung in die Strafkolonie?

Alltagsgegenstände haben mich nie besonders beschäftigt. Deshalb kann ich nichts Besonderes anmerken: eiserne Doppelstockbetten, eiserne Nachttische, ein Tisch. Äpfel und Orangen, die uns Unterstützende geschickt haben (dafür sind wir ihnen unendlich dankbar, da das Gefängnisessen „auf Hundefett basiert“ wie man bei uns sagt, also ungenießbar ist). Aufstehen: 6.00 Uhr. Nachtruhe: 22.00 Uhr. Die ganze Zeit über schreibe ich, lese oder nehme an Seminaren teil zu politischen und sozialen Themen, die wir unter Mitinsassen veranstalten. Wie es weitergeht in der Strafkolonie, wird die Zeit zeigen.

Haben Sie Kontakt mit Maria und Jekaterina?

Nein. Isolation.

Haben Sie alltägliche Kontakte mit Ihren Mitinsassen? Und wenn ja, welche Reaktionen zeigen sie auf Ihre Tat und Ihre Berühmtheit?

Meine Mitinsassen schätzen Pussy Riot für die ehrliche und offene Äußerung ihrer eigenen Position. Als Berühmtheit fühle ich mich im Gefängnis überhaupt nicht. TV schauen wir nicht, Zeitungen haben wir nicht. Wir unterhalten uns über ewige Werte, über Literatur, Kino, Gott und Homosexualität.

Wie werden Sie Ihre Lage Ihrer Tochter erklären, wenn Sie sie sehen?

Wir haben schon früher mit ihr über Politik gesprochen. Ich denke, dass sie alles versteht. Gera ist klug und scharfsinnig. Die Findigkeit von Kindern ist nicht zu unterschätzen.

Kommen Sie aus einer politisch aktiven Familie? Unterstützt sie Sie?

Politische Aktivitäten gab es in meiner Familie nicht. Allein mein Vater wusste immer über politische Ereignisse Bescheid, aber auf Meetings geht er erst seit Dezember 2011, so wie die meisten anderen Bürger Russlands. Was Kreativität betrifft, arbeite ich mit meinem Vater zusammen, er ist Musiker und Literat.

Was oder wen vermissen Sie am meisten?

Die Kunst des Gefangenen besteht darin, das Defizit zu kompensieren und sich nicht darauf zu konzentrieren, dass man etwas oder jemanden vermisst, sondern weiter zu arbeiten und sich zu entwickeln.

Sie haben gesagt, dass Sie niemals die Gefühle von Gläubigen verletzen wollten. Aber Sie haben zugelassen, dass es passieren könnte. War das ein Fehler?

Wir hatten nicht die Absicht, die Gefühle der Gläubigen zu verletzen. Wenn jemand sich gekränkt gefühlt hat, so war das ein Missverständnis. Leider stellen die unter der Kontrolle des Staates stehenden Medien unseren Auftritt als Gotteslästerung dar, was überhaupt nicht der Wirklichkeit entspricht. Größtenteils haben sich die Menschen nicht verletzt gefühlt durch unseren Auftritt, sondern durch das, was die Putin’schen Massenmedien daraus gemacht haben. Selbstverständlich wurde kein Wort verloren über die Kritik am Zusammenwachsen des Staatsapparates mit der russisch-orthodoxen Kirche (Sie benutzt hier die Abkürzung RPC für Russkaja Pravoslavnaja Cerkov – Anm. d. Ü.).

Bei Ihnen wurde eine multiple Persönlichkeitsstörung diagnostiziert. Haben Sie Angst, in eine psychiatrische Anstalt gesperrt zu werden?

Nein. Nachdem man im Gefängnis war, ist die Angst vor dem Irrenhaus ein Witz!

Welche Rolle spielt Musik, insbesondere Punk, im Kontext Ihrer Tätigkeit?

Eine bestimmende Rolle. Kraft, Glühen, Emotionalität, Prägnanz und Radikalität des Punk inspirieren uns, sein Anti-Elitarismus und Egalitarismus. Jeder kann sich mit Punk beschäftigen, und das freut uns.

Haben Sie Vorbilder in Kultur, Musik oder Politik?

Vorbilder im eigentlichen Sinne nicht. Aber uns regen Dutzende Politiker, Philosophen, Musiker und Künstler an. Ich werde Sie nicht mit einer langweiligen Aufzählung ermüden.

Wissen Sie Bescheid über die Unterstützung und Solidarität durch die westliche Popkultur? Hat Sie das beeinflusst?

Ich denke, diese Unterstützung war nicht nur für uns gedacht, sondern für alle Bürger Russlands, die unter den schwierigen Bedingungen eines autoritären Staates leben müssen. Ich hoffe, die Einmischung durch westliche Kunst- und Kulturschaffende hat Einfluss auf die politische Situation in Russland. Das ist das Grundlegende, was mich bewegt.

Sie waren bekleidet mit einem T-Shirt, auf dem stand der revolutionäre Schlachtruf „No Pasarán!“ – „Kein Durchkommen!“ Sie haben die Faust erhoben. Wie wichtig sind Ihnen solche Symbole für Ihre Sache?

In diesem T-Shirt bin ich immer zu Hause herumgelaufen. Wir spielen ein Spiel mit unserer Tochter. Wir fragen: „Wie sagt der Igel ,No Pasarán!‘?“ – „,No Pasarán!‘ Piek-piek-piek!“, antwortet Gera und wirft ihre Faust in die Luft. – „Und wie sagt das Eichhörnchen ,No Pasarán!‘?“ - „,No Pasarán!‘ Es wedelt mit dem Schwänzchen!“, ruft Gera, während sie die Faust reckt. Und so weiter.

Blicken Sie in die Zukunft: Sie könnten ein relativ unbeschwertes Leben im Westen führen, während es in Russland zur gleichen Zeit wahrscheinlich ein Kampf wäre. Ziehen Sie in Erwägung, Ihr Land zu verlassen?

Ich habe nicht vor, das Land für immer zu verlassen. Ein Studium im Westen, der Politologie beispielsweise, würde ich mit Vergnügen beginnen. Aber ständig dort zu wohnen, kann ich mir nicht vorstellen, meine  Verbundenheit mit der russischen Kultur ist zu groß.

Was hat Ihre politischen Aktivitäten provoziert? Vereinzelte Vorfälle oder der Zustand der russischen Gesellschaft insgesamt?

Ich wurde von einer Reihe von Ereignissen provoziert. Einen Einzelfall auszuwählen, ist nicht möglich. Es ist die allgemein monströse politische Lage.

Wie erklären Sie die enorme Popularität Putins bei der Mehrheit der russischen Wählerschaft?

Ich erkläre das damit, dass er alle mehr oder weniger großen Massenmedien besetzt hat und mit ihrer Hilfe die Menschen belügt.

Es scheint, als habe Putin Ihre Kriegserklärung persönlich genommen, als gegen ihn und das System gerichtet. Glauben Sie wirklich, dass er verwundbar ist und Sie den Krieg gewinnen können?

Ja, so denken wir. Er ist eine Niete, weit winziger als das, was er nach außen hin vorgibt zu sein.

Die Position der Kirche in Russland scheint heute stärker zu sein denn je. Sehen Sie das genauso? Und wenn ja, was meinen Sie, warum das so ist?

Der Zusammenschluss des Staatsapparates und der Kirche dient dazu, den Mangel an Ideologie in der russischen Unterpolitik (Wortbildung wie Untermensch – Anm. d. Ü.) auszufüllen. Durch solche Maßnahmen der angesehenen Institution der russischen Kirche versucht die Obrigkeit, ihre blutarme offizielle Systempolitik zu retten. Aber diese Politik ist nicht lebensfähig. Und die RPC wird hier nicht helfen.

Einige ehemalige Mitglieder der Künstlergruppe Woina, die sie mitbegründet hatten, sagen jetzt, dass nur Publicity im Vordergrund stand. Was sagen Sie dazu?

Hierauf werde ich nicht antworten. Persönliche Abrechnungen interessieren mich nicht.

Was können wir von Pussy Riot und Ihnen persönlich in der Zukunft erwarten?

Unsere Pläne geben wir nicht bekannt, damit wir es dem russischen Spitzeldienst nicht zu leicht machen.

Haben Sie darüber nachgedacht, entweder eine eigene Partei zu gründen oder einer existierenden beizutreten?

Erst nach einer entsprechenden Ausbildung. Dilettanten gibt es auch so schon ausreichend in der russischen Politik. Ich möchte ihre Reihen nicht noch verstärken.

Es ist Ihnen erlaubt, neben anderen Büchern auch in der Bibel zu lesen: Finden Sie dort etwas, das Sie trösten kann?

Ja. Mich inspirieren fast alle Worte und Handlungen von Christus. Das Alte und Neue Testament lesen wir öfter und besprechen es unter den Insassen.

Ist es Ihnen erlaubt, Musik zu hören? Wenn ja welche?

Nur die Miliz-Welle („Milizejskaja Wolna“) mit russischer Popmusik. Das Hören ist Pflicht.

Können Sie sich eine Zukunft vorstellen, in der Russland ein Teil der westlichen Welt sein könnte?

Ja, natürlich können wir uns das vorstellen. Wir hoffen, dass die Zeit der dunklen Asiattschina bald vorbei ist. (Das Asiatische im abwertendem Sinn entspricht in etwa der dt. Wendung: die Zeit des finsteren Mittelalters – Anm. d. Ü.)

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Das Interview ist in der aktuellen Ausgabe des Musikexpress erschienen – der Interview-Ausgabe. Neben dem Interview mit Pussy Riot gibt es darin ausführliche Gespräche mit Lykke Li, Muse, Ben Folds, Diplo und Boys Noize.

Dem Heft beigelegt: die ME-Bibliothek/Band 4 – Die besten Interviews seit 1969. Unvergessliche Interview-Momente zwischen Radiohead, Dave Grohl, Iggy Pop, Beastie Boys, Oasis, Mick Jagger uvm und der Musikexpress Redaktion. Auf 196 Seiten die 40 besten Interviews aus über 40 Jahren Musikexpress.

Das Interviewband ist ausschließlich mit der Musikexpress-Ausgabe 11/2012 und nicht im Handel erhältlich.

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