Der herzliche Querulant

Der Schreck war denkbar groß, obwohl man wusste, dass Christoph Schlingensief an Krebs erkrankt war. Die Nachricht seines Todes lähmte für ein paar Tage den gesamten Kulturbetrieb, ja, fast das ganze Land.

21. August

Der Schreck war denkbar groß, obwohl man wusste, dass Christoph Schlingensief an Krebs erkrankt war. Die Nachricht seines Todes lähmte für ein paar Tage den gesamten Kulturbetrieb, ja, fast das ganze Land. Es gibt Menschen, die kommen erst posthum zu verdienten Ehren. Und obwohl Schlingensiefs Wirken ständig medial begleitet wurde, trifft das auch auf ihn zu. Zu Lebzeiten wurde der herzliche Querulant geliebt, gehasst, gefürchtet – nach seinem Tod jedoch verneigten sich alle. Christoph Schlingensief war ein Universalkünstler, der den Muff der Bundesrepublik mit Scherenhänden zerschnitt. Kaum jemand verstand es besser, den Zeitgeist in Streichen zu kommentieren: Zum Beispiel als er 2000 vor der Wiener Staatsoper Container aufbaute, in denen Asylbewerber nach dem Big-Brother-Prinzip darauf warteten, herausgewählt zu werden. Und als Schlingensief 1998 die vier Millionen Arbeitslosen der Bundesrepublik dazu aufforderte, Bundeskanzler Kohl im Urlaub am Wolfgangsee zu besuchen, kamen immerhin ein paar hundert Menschen. Am lautesten gelacht haben wir jedoch, als ihm nach seinem Tod ein Bambi verliehen wurde. Welch ein schöner Streich zum Schluss. lew

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