Blondie im Interview: Debbie Harry und Chris Stein über Comebacks
Debbie Harry und Chris Stein über ihr Comeback 1999: Wie NO EXIT entstand, warum „Maria“ funktionierte und was es bedeutete.
Mit dem riesigen Erfolg ihres späten Hits „Maria“ ebnete die New-Wave-Ikone Blondie den Weg für die Revivalkultur des 21. Jahrhunderts. Wir sprachen mit Sängerin Debbie Harry und Gitarrist Chris Stein, den nach dem Tod von Drummer Clem Burke im vergangenen April letzten beiden Mitgliedern des klassischen Line-ups.
Debbie, du sitzt in deinem Wohnzimmer, Chris, du fläzt im Bett. Ihr wirkt entspannt, wie geht’s euch?
DEBBIE HARRY: Ganz gut, danke. Die Woche war ziemlich voll – wir haben jede Menge Autogramme unter sehr viele Fotos von Chris gesetzt, er arbeitet ja auch als Fotograf.
CHRIS STEIN: Und bei mir spinnt der Warmwasserboiler.
DH: Ganz normale Alltagssachen halt.
Ich bin im Internet auf die Doku „Deborah Harry Does Not Like Interviews“ gestoßen, eine Collage aus Archivmaterial, erzählt durch Presseinterviews, in denen Debbie oberflächliche und erniedrigende Fragen von Journalist:innen erträgt. Da fragt man sich doch: Diese Pop-Ikone ist im Juli achtzig geworden, warum tut sie sich das heute noch an?
DH: Ich kenne das gar nicht.
CS: Das ist von einem Fan gemacht, nichts Offizielles. Aber es ist absolut sehenswert: Mit was für Scheißfragen man damals noch durchgekommen ist; darüber kann man aus heutiger Sicht nur den Kopf schütteln.
Wir wollen über euer Comeback 1999 sprechen. Könnt ihr euch noch an die Stimmung damals erinnern? Nach 17 Jahren Pause wiederzukommen war ja fast undenkbar.
CS: Ja, wir waren wohl eine der ersten sogenannten „Legacy Bands“, die sich wieder zusammengetan haben.
DH: Ich finde, NO EXIT war eines unserer stärksten Alben überhaupt. Es war wie eine Feier – wir hatten die Band wieder zusammen, die Chemie stimmte.
Hattet ihr Bedenken, wie die Welt reagieren würde?
CS: Ich bin ein ziemlich optimistischer Mensch – manchmal vielleicht zu sehr. Ich gehe meist davon aus, dass alles, was wir machen, funktioniert. Natürlich tat es das nicht immer, aber bei NO EXIT fühlte es sich richtig an.
DH: Wir hatten auch das Gefühl, dass das Label und die Leute um uns herum wirklich an die Platte glaubten.
CS: Außerdem war „Maria“ ein großartiger Song. Schon beim Aufnehmen dachte ich: Das könnte ein Hit werden. Und das wurde er ja auch.
Chris, in deiner Autobiografie „Under A Rock“ schreibst du, dass die Zeit um NO EXIT herum persönlich auch schwer für dich war – du warst damals noch auf Methadon, um deine Heroinsucht zu überwinden. Wie hast du das erlebt?
CS: Methadon ist natürlich kein Heroin, man funktioniert damit besser. Aber klar, das ganze Zeug ist Mist. Ich würde es niemandem empfehlen. Es hat Jahre gedauert, davon wegzukommen.
Aufgrund einer Herzrhythmusstörung tourst du nicht mehr.
CS: Genau. Ich war bei den letzten zwei Touren nicht dabei. Ich bin ehrlich gesagt glücklicher so – keine Flughäfen, keine Hotels mehr. Ich hasse Flughäfen. [lacht]
DH: Aber weißt du, Touren ist wie Fahrradfahren – man kommt schnell wieder rein. Heute ist alles viel besser organisiert als früher. In den 70ern und 80ern war vieles chaotisch. Jetzt läuft das alles professioneller, die ganze Infrastruktur ist gereift.
Debbie, du hast nun ohne Chris 2023 bei Coachella und Glastonbury gespielt, den wohl wichtigsten Festivals der westlichen Welt. Wie war es vor dieser neuen Generation, die eure Songs feiert?
CS: Meine Tochter war da, sie hat sich gut amüsiert.
DH: Es war großartig. Ich bin einfach dankbar, dass wir das noch erleben dürfen. Wir haben durchgehalten, auch in schwierigen Zeiten.
CS: Wir waren ja nie die klassische A-List-Band. Vielleicht mal kurz, Ende der 70er. Wir haben uns immer eher als Kultband verstanden.
DH: Wichtig ist, dass wir einen eigenen Sound haben, aber viele verschiedene Stile spielen. Manche Leute wollen sich in einem musikalischen Groove einrichten – wir nie. Wir entwickeln uns immer weiter, und ich glaube, je älter wir werden, desto klarer wird, was Blondie eigentlich ist. Es lässt sich vieles aushalten, wenn man liebt, was man tut. Das gilt auch für euch Journalist:innen, oder?
Voll – ich meine, ich werde dafür bezahlt, mit euch quatschen zu dürfen.
Im Frühling soll euer erstes Album nach neun Jahren erscheinen. HIGH NOON verspricht, wieder ein Stilmix zu werden. Gibt es Grenzen für das, was unter dem Namen Blondie passieren kann?
CS: Eigentlich nicht. Ich bin seit vielen Jahren total begeistert von moderner lateinamerikanischer Musik – Reggaeton und so.
DH: Wir sind Kinder New Yorks – einer Stadt, die voller Kulturen und Musikstile steckt. Diese Vielfalt hat uns geprägt. Heute, im Zeitalter des Internets, ist diese Durchmischung normal geworden. Wir hatten das Glück, das alles schon früh zu erleben. Es war selbstverständlich für uns, Einflüsse aufzunehmen, zu mischen, Neues auszuprobieren.
Wäre eine Band wie Blondie im turbokapitalistischen New York von heute noch möglich?
CS: Vielleicht. Es gibt immer noch viele junge Leute, die Punk spielen. Ich glaube, das war nie ganz weg. Früher war alles aber klarer: Du machtest eine Platte, kamst ins Radio – das war’s. Heute gibt es unzählige Festivals, Plattformen, Playlists. Es ist schwerer, Fokus zu halten.
DH: Es ist einfach nicht mehr die Ära der Bands, sondern der Solo-Acts.
Die Aufnahmen an HIGH NOON waren beendet, bevor Clem Burke starb. Nach der ersten Trauer müsst ihr jetzt wohl nur noch letzte Hand anlegen, oder?
DH: Genau. Alle Mixe sind abgeschlossen, das Artwork fehlt noch.
CS: Es gibt Beiträge von anderen, zum Beispiel einen Song mit Johnny Marr und einen von Glen Matlock. Und eine Coverversion, die ich schon ewig machen wollte – aber mehr verrate ich nicht.
Wie ist das zu beobachten, wenn alte Songs neue Wege einschlagen? „One Way Or Another“ stand bei seiner Single-Veröffentlichung 1979 im Schatten des übermächtigen Vorgängers „Heart Of Glass“, ist über die Jahrzehnte aber zu einem eurer allerbeliebtesten Stücke avanciert.
CS: Es ist toll. Ich liebe es auch, wenn unsere Songs in Serien auftauchen – „Rapture“ kam in „The Boys“ vor, „The Tide Is High“ in „Better Call Saul“. Einen Song im „Breaking Bad“-Universum zu haben, ist schon fantastisch. Es gibt auch ein Online-Video, in dem ein Hund Earbuds verschluckt und dann kommt aus seinem Bauch eine gedämpfte Version von „Heart Of Glass“.
DH: Wir mussten uns Veränderungen anpassen. Vom Vinyl zur Kassette, von der Kassette zur CD, jetzt Streaming – jedes Mal dachten die Plattenfirmen, es sei das Ende. Aber am Ende ist Technologie doch etwas Großartiges. Sie öffnet neue Horizonte.
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