Kolumne

Aidas Popkolumne: Woher kommt die 2016-Euphorie?

Alle posten ihre hottesten Fotos aus dem Jahr 2016 – aber eigentlich gab es da gar nichts zu feiern. Flüchten wir uns vor lauter Verzweiflung über die Gegenwart in eine eigentlich beschissene Vergangenheit?

Na, habt ihr auch schon euren 2016-Throwback auf Instagram gepostet? Ich muss zugeben: Ich wurde auch schwach. Dabei versuche ich eigentlich, nicht allzu sehr der Nostalgie zu verfallen und auch bei Social-Media-Trends nicht mitzumachen. Aber diesmal konnte ich mich nicht zurückhalten und postete lustige Fotos aus meinem Jahr 2016.

Trotzdem frage ich mich: Warum sind wir ausgerechnet dieses Jahr kollektiv dem Flashback verfallen? Vielleicht, weil die Millennials, die Instagram vor allem bevölkern, sich kollektiv dem Middle-Age annähern und man sich gerne an seine Zwanziger und frühen Dreißiger erinnert? Oder weil die Realität da draußen gerade außerordentlich unübersichtlich und unerträglich ist? Inflation, KI scheint alle Lebensbereiche – und Jobs! – zu übernehmen, Trump vs. Venezuela, vs. Grönland, das iranische Regime vs. seine eigene Bevölkerung, ein Kanzler, der uns kollektiv alle beschimpft, weil wir angeblich zu oft krank sind. Nachvollziehbar, dass wir uns da in die Vergangenheit flüchten wollen. 2016, da war ich noch Mitte 20, da hatte ich noch keine Denkfalte auf der Stirn und alles sieht im goldenen Schein der Vergangenheit und den Filtern von VSCO-Cam besser aus. Aber tut es das wirklich?

2016 ging alles den Bach herunter

2016 war das Jahr, in dem alles so richtig den Bach herunterging: Ich lebte damals in Großbritannien und war hautnah dabei, als es zur Brexit-Abstimmung kam. Die Wochen und Monate vorher waren absurd, der Höhepunkt war, als sich ein paar Hundert Meter von unserem Büro Bob Geldof und der rechte Politiker Nigel Farage auf Fischerbooten in der Themse kloppten, um für den Brexit (Farage) oder dagegen (Geldof) Stimmung zu machen.

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Am Abend der Abstimmung feierten wir eine Blockparty bei uns in Südlondon, keiner konnte sich vorstellen, dass sich Großbritannien gegen seine Mitgliedschaft in der EU entscheiden würde. Der nächste Morgen sollte umso bitterer werden. Im Herbst folgte die erste Wahl von Trump, ähnlich unerwartet für viele, ein ähnlicher Schock. Ein paar Tage nach der Wahl flog ich in die USA, um Freunde und Familie zu besuchen. In New York waren U-Bahnstationen vollgeklebt mit bunten Post-its, auf denen Leute ihren Ängsten Raum machten. In Boston besuchte ich einen guten Freund und es wirkte, als würde die ganze Stadt kollektiv am Tresen sitzen und sich aus Trauer besaufen.

Politik trifft Pop- und Meme-Culture

Zudem war es der Beginn einer Zeit, in der die Vermischung von Popkultur, Meme-Culture und Politik zum absoluten Mainstream wurde. Nicht nur wegen Bob „I don’t like Mondays“ Geldof, der sich auf der Themse eine Seeschlacht mit einem rechten Politiker lieferte – ich denke eher an absurde Entwicklungen wie das Meme-Universum um den Gorilla Harambe. Remember Harambe? Der 17-jährige Gorilla wurde im Zoo im US-amerikanischen Cincinnati erschossen, nachdem ein Kind in sein Gehege gefallen war und er es nicht loslassen wollte. Traurig, aber laut Primatenforscher:innen wie Jane Goodall und vielen anderen wahrscheinlich die beste Handlungsoption für den Zoo.

Das Internet sah das anders: Harambe wurde ironisch zur Heldenfigur. In Australien und in den USA schrieben Leute in dem Jahr lieber seinen Namen auf Wahlzettel, als eine der realistischen Optionen zu wählen. Zahlreiche Musiker:innen und solche, die es gerne wären, machten Tribute-Songs, darunter Young Thug – und ein damals noch als vermeintlich unproblematisch wahrgenommener Elon Musk, der seinen Track gemeinsam mit Caroline Polachek (!) geschrieben hatte. Er hatte damals wohl eine Schwäche für Alt-Pop-Girls.

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Das Jahr war Horror, ein annus horribilis, ein Schreckensjahr: Terroranschläge in Berlin auf dem Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche, in Istanbul, in Nizza, in Ouagadougou, in der Brüsseler U-Bahn und am Flughafen, im Club „Pulse“ in Orlando, Florida, um nur einige zu nennen. Ein versuchter, vereitelter Militärcoup in der Türkei und seine Konsequenzen, Naturkatastrophen noch und nöcher, abgeschossene zivile Flugzeuge, Tod und Verderben überall. Das Jahr war so mies, die „New York Times“ veröffentlichte einen Kommentar mit dem Titel „2016: Worst. Year. Ever?“ und der Late-Night-Host John Oliver sprengte das Jahr symbolisch.

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Musik über die Beschissenheit der Dinge

Dieses Gefühl der allgemeinen Beschissenheit machte auch vor der Musik nicht halt: Leonard Cohen, George Martin, Prince und David Bowie starben. Es war das Jahr von Alben wie Bowies „Blackstar“ (das nur wenige Tage vor seinem Tod erschien), Beyoncés „Lemonade“, Kanye Wests „Life of Pablo“, je nach Sichtweise das letzte Album bevor er endgültig zum Arschloch wurde, oder das erste Album seit er endgültig zum Arschloch wurde, Solanges „A Seat at the Table“ und Frank Oceans „Blonde“, die Hymne für alle sad girls, boys, and theys.

Und auch wenn es eines der großen Jahre für EDM-Pop war, zogen sich Anxiety und Melancholie auch durch den absoluten Mainstream-Chartmist: In Deutschland wurde „Die immer lacht“ von Kerstin Ott und Stereoact zum Hit, ein Song über eine Person mit Depressionen, Justin Bieber sagte „Sorry“, Twenty One Pilots gingen steil mit einem Song übers Gestresstssein („Stressed Out“), Mike Posner mit einem über den Absturz nach der großen Karriere („I Took a Pill in Ibiza“, Ironie, dass es sein größter Hit werden sollte).

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Dass Unsicherheit, Ängste und diffuse Trauer auch im Pop thematisiert wurden, ist sicherlich kein Zufall. Pop ist immer ein Spiegel der Stimmungen, die in der Gesellschaft eben herrschen. Wenn wir heute unsere Throwbacks posten, glorifizieren viele 2016 als ein Jahr, in dem alles noch in Ordnung schien, zumindest auf der persönlichen Ebene. Andere sehen es als das Jahr, das daran schuld ist, warum die Gegenwart so beschissen ist. Ich glaube eher, dass 2016 das Jahr war, in dem die Risse sichtbar wurden, mit denen wir bis heute kämpfen. Es ist das Jahr, in dem der britische Filmemacher Adam Curtis seine fast dreistündige Doku „HyperNormalisation“ über politische und technologische Umwälzungen seit den 1970ern veröffentlichte. Vielleicht ist dieser Film wirklich der Schlüssel, um das Jahr und die zehn, die folgten, zu verstehen: Es war das Jahr, in dem Hypernormalisierung, das diffuse Gefühl, dass irgendetwas echt nicht in Ordnung ist, aber gleichzeitig alles normal weiterzulaufen scheint, zum bestimmenden Gefühl wurde.

Aber was folgern wir daraus für die Gegenwart? Vielleicht, dass gestern genauso scheiße wie heute war – und es vielleicht sinnvoller ist darüber nachzudenken, wie morgen nicht ganz scheiße wird. Lasst mich nur kurz erst noch ein paar Fotos posten und zu Frank Ocean heulen, okay?