Shatten
GEGENWART
Misitunes/Broken Silence (VÖ: 6.3.)
Die Oberstufen-Postpunks regen „zum Nachdenken“ an, lassen dabei aber leider kein Klischee aus.
Das Gehirn will bestimmte Musiken unbedingt einem Genre zuordnen. Man kann kaum etwas dagegen tun. Der erste Höreindruck ist oft eindeutig, dann verknotet sich alles, man gerät offenen Ohres in Verwirrungen hinein, meint, das Ganze schon mal so oder so ähnlich gehört zu haben, sucht nach Bands und Platten, an die sich die Stücke irgendwie anzulehnen scheinen.
Bei der Hamburger Band Shatten vermeine ich eine Mischung aus Tocotronic, Kraftklub und den Editors herauszuhören. Denn ihr Album GEGENWART versucht nicht nur musikalisch deren Styles abzubilden, sondern wandert auch wie die Genannten textlich in den Grusel-Mooren unserer klimatischen und politischen Situation herum.
Lose Enden, Humor: Fehlanzeige
Man will sich nicht verlaufen, versucht, die Dinge so zu beschreiben, dass Eindeutigkeiten dabei zu Tage treten, gleichzeitig schimmert aber eine Form von lyrischem Ehrgeiz durch, der in seiner Unlockerheit mitunter (natürlich nicht immer) schiefe Bilder erzeugt. Letztlich ist das alles Geschmacks- und Wahrnehmungssache, aber meine Tasse Tee ist es nicht. Den Messages, die stets von hymnischen Refrains in der Manier eines Thees Uhlmann abgeseilt werden, kann man fast immer zustimmen. Zeilen wie: „ Ideale aufgebraucht, Träume konserviert. Gewalt ist eine Sprache, ja, wir haben sie optimiert“ („Wuppertal“) hinterlassen aber doch ein schales Gefühl.
Lose Enden, Humor: Fehlanzeige. Doch gerade diese beiden sind ja die wirkmächtigsten Tools, wenn es darum geht, die Metaebene zu bespielen. Shatten bieten soliden deutschen Postpunk mit New-Wave-Einsprengseln und Weltschmerztexten. Why not, live kann ich mir das sehr gut vorstellen, aber auf Albumlänge kickt es irgendwie nicht so richtig.
Diese Review erscheint im Musikexpress 4/2026.



