Aidas Popkolumne: Der Elefant auf der Straße

Aida hat in Berlin und New York Demos beobachtet und überlegt, warum gerade so viele Menschen auf die Straße gehen – und was das über eine Welt verrät, die sich längst nicht mehr stimmig anfühlt.

Es mangelt ja sowieso nie an guten Gründen, auf die Straße zu gehen – jedenfalls für Fans von Straßenprotesten wie mich. Aber aktuell will es einfach nicht abreißen: An einem Sonntag habe ich mir die Demo am Brandenburger Tor angesehen, die kurzfristig nach der Recherche des Spiegels über sexualisierte Gewalt gegen Collien Fernandes organisiert wurde. Rund eine Woche später stand ich mit einem lieben Kollegen in New York, um mir die dritte Runde der „No Kings“-Demos anzuschauen. Zigtausende zogen an uns vorbei: alte Radikalinskis, junge Demoanfänger:innen, Familien, politische Organisator:innen – und ein Plakat war besser als das nächste.

Die Anlässe, der kulturelle Kontext, in dem diese Demos jeweils stattfanden, mögen ganz schön unterschiedlich gewesen sein. Aber ich glaube, alles weist auf denselben Elefanten im Raum hin: Irgendwie passt hier gerade gar nichts mehr zusammen. Und mit „hier“ meine ich: überall. Kriege da draußen in der Welt, Konflikte innerhalb der Gesellschaft, zwischen oben und unten, zwischen Geschlechtern – irgendwie überall.

Die Illusion von der heilen Welt

Natürlich denke ich da sofort an dieses Interviewzitat von Adorno, als ein Journalist des Spiegels ihm 1969 sagte: „Vor zwei Wochen war die Welt noch in Ordnung“, und Adorno trocken entgegnete: „Mir nicht.“ Denn die Sache ist ja die: Die Welt war nie in Ordnung. Mit viel Glück kam der Horror der Gegenwart vielen von uns im globalen Norden nur nicht so nah. Oder wir wussten es nicht besser. Ignorance is bliss, sagt man ja. Aber ist sie das wirklich?

Dinge nicht zu wissen, mag das Leben im ersten Augenblick einfacher erscheinen lassen. Ich glaube, das ist einer der Gründe, warum man in Kommentarspalten zum Fall Collien Fernandes aktuell – neben Solidarität mit der Schauspielerin und Moderatorin und dem üblichen Manosphere-Hass – immer wieder Kommentare von Menschen liest, die schreiben, „so etwas sollte privat geklärt werden“, oder dass es sich um einen Rosenkrieg handele. Und es sind nicht nur sich als männlich darstellende Profile, die so etwas posten. Ein nicht kleiner Teil wirkt auch, als sei er von weiblich gelesenen Personen geschrieben worden.

Wegsehen als Selbstschutz

Natürlich weiß man nie, wer hinter einem Profilbild steckt, und das Internet ist voll mit Fake-Accounts. Aber ich glaube trotzdem, dass einige davon echt sind. Ich könnte sie sogar verstehen: Wenn es wirklich stimmt, dass Collien Fernandes derart von ihrem Ehemann hintergangen wurde und ihr mutmaßlich digitale wie auch psychische und physische Gewalt angetan wurde, wie die Berichterstattung nahelegt – was sagt das dann über all die Männer da draußen aus? Die Männer, mit denen man als heterosexuelle Frau vielleicht zusammen ist? Die einem nahestehen? Partner, Familienmitglieder, Freunde, Nachbarn?

Gisèle Pelicots Vergewaltiger kamen alle aus einem Umkreis von 50 Kilometern um ihren Wohnort. Wer weiß also, wozu der Mensch vor uns in der Supermarktschlange fähig ist. Oder eben der Ex-Mann von Collien Fernandes – langjähriger Posterboy deutscher, irgendwie Mainstream-, aber irgendwie doch undergroundiger Popkultur, dessen Humor meine Teenagerjahre und auch einen Teil meiner Zwanziger begleitet hat.

Ein ähnliches Prinzip greift vermutlich auch bei einigen Fans autoritärer Politiker wie Donald Trump. Klar, es gibt viele, die Rassismus, Ausgrenzung, Krieg und Gewalt aus Prinzip gut finden. Aber ich bin überzeugt, dass es ebenso viele gibt, die sich bewusst in Unwissen flüchten. Die Bilder von Gewalt in Minneapolis, von Bomben auf Mädchenschulen im Iran oder Enthüllungen aus den Epstein-Files werden angestrengt weggedrückt, weil sie sonst das eigene Selbstbild erschüttern würden.

Und trotzdem: Hoffnung

Aber: Ich halte auch an etwas fest – an Hoffnung. Zumindest ein bisschen. Innerhalb von 48 Stunden sind 13.000 Menschen in Berlin dem Aufruf zur Demo gegen digitale Gewalt gefolgt. In den USA wurde im Vorfeld der dritten Runde der „No Kings“-Demos gemutmaßt, es würde schwerer werden, Menschen zu mobilisieren. Doch das Gegenteil scheint der Fall: Diesmal gingen offenbar sogar noch mehr auf die Straße.

Um mich herum tanzten Menschen zu Rage Against the Machine und Edwin Starr, zu Ice Cube und Demo-Chants. Eine Demo macht noch keinen Wandel, aber sie kann ein Startpunkt sein. Der Beginn eines gesellschaftlichen Diskurses, der uns aus diesem Gefühl der Brüche herausholt. Und das ist doch zumindest keine schlechte Nachricht.

Aida Baghernejad schreibt freiberuflich unter anderem für MUSIKEXPRESS. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.