Brother Wallace – „ELECTRIC LOVE“: Sünde und Gotteslob vereint

Aus der Zeit gefallener Soul, der vom Gospel inspiriert und gleichzeitig sehr sexy ist.

Die Zeiten ändern sich, die Welt ist aus den Fugen, aber manche Gewissheiten ändern sich wohl nie: Eine zünftige Soul-Karriere beginnt immer noch am besten in einer Kirche. Dort jedenfalls, in einem Gotteshaus in Georgia, ist Brother Wallace erstmals öffentlich aufgetreten, elf Jahre war er damals alt, mit 14 übernahm er die Leitung des Chors, später hat er als Musiklehrer gearbeitet und nun mit der Hilfe von Dan Taylor, dem Gitarristen von The Heavy, sein erstes Album aufgenommen. Deren Idee von Retro-Soul ist durchaus zu hören auf ELECTRIC LOVE, aber noch viel deutlicher klingt der Gospel nach – und das nicht nur in Songs wie „Ain’t No God In This Town“.

Tatsächlich reaktiviert der Soulsänger auf seinem späten Debüt die Quadratur des Kreises, die der klassische Soul immer war: Mit kräftiger Stimme feiert er die Liebe in all ihren Erscheinungsformen zwischen Sünde und Gotteslob. Der Rhythmus ist sexy und die Harmonien steigen hoch in den Himmel, die Bläser jubilieren wie ein Chor voller Engel, und das Piano imitiert mal eine Kirchenorgel und pulsiert dann wie ein lüsternes Herz. „Who Do You Love?“ fragt Brother Wallace, erklärt sich selbst zu einem „man on a mission“, aber so ganz wird nie klar, ob es eine Geliebte ist, die er überzeugen will, oder einen zweifelnden Gläubigen. Sicher ist nur: „The path to choose is always love.“

Aber zum Abschluss, in „Me And My Running Shoes“, lässt der Bruder die Slide-Gitarre scheppern, als würde Robert Johnson ein zweites Mal seine Seele an den Teufel verkaufen. Ganz nebenbei wiederbelebt Brother Wallace sogar die politische Dimension des Soul aus der Civil-Rights-Zeit, und verteidigt in „Hope Of Fools“ die Demokratie: „Somehow I keep on smiling / Cuz my vote counts.“ Die Welt mag aus den Fugen sein, ELECTRIC LOVE schweißt zumindest für ein paar Momente Seele und Körper wieder zusammen.

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