Mariybu – „FRECH“: Feminismus als Dancefloor-Falle
Feministischer Hyperpop, der als U-Boot im Bierkönig einschlägt.
Man kann lange streiten, ob Pop mit Botschaft denn überhaupt funktioniert. Mariybu hat allerdings einen im wahrsten Sinne schlagenden Beweis dafür: 2022 griff ein Mann auf der Bühne die Musikerin an, und erklärte anschließend gegenüber der Polizei, ihre feministischen Texte hätten ihn „getriggert“. Reichlich Triggermaterial liefert Mariybu, die bürgerlichen Namen und Privatleben geheim hält, auch auf ihrem neuen Album FRECH. Das steht in der Tradition von TicTacToe oder SXTN und in Komplizenschaft mit Ikkimel oder 6euroneunzig. Auch die Hamburgerin, die mittlerweile in Berlin lebt, hat ihre Wurzeln im HipHop, ist aber längst im Hyperpop angekommen.
Soll heißen: Wenn sie sich im Albumopener „Ein Ideal“ gegen „Redeverbot“ wehrt und sich selbst als „eine Bitch, eine Schlampe, eine Fotze“ bezeichnet, bollert der Beat derart auf die Zwölf, als wollte sie den Bierkönig erobern. Tatsächlich kann man sich gut vorstellen, wie Mariybu in einer Großraumdisco auf Mallorca abräumt, weil das Publikum die aggressive Sexualität und die Texte nicht als weibliche Selbstermächtigung versteht, sondern als Selbstobjektivierung.
Aber so billig und prollig die Beats auch daherkommen, der Diskurs ist komplex – nicht nur im Track „Nicht alle Männer“, in dem sie zusammen mit der Rapperin Ebow die Alltäglichkeit sexueller Übergriffe thematisiert. Zum Abschluss, im ausnahmsweise bollerbeatlosen „Schlaflied“, dreht Mariybu dann die Geschlechterrollen um, schickt die Männer nachts nach Hause und reklamiert den öffentlichen Raum für die Frauen: „Ein Mann gehört beschützt / Vor allem vor sich selbst“. Die Botschaft kommt an.