Album der Woche

Boards Of Canada – INFERNO: Trost in hauntologischer Endlosschleife

Überlebensgroße Maschinen­musik mit menschlichem Antlitz, die für sich steht: Das schottische Brüderpaar erweitert seinen Kosmos, zu dem es kein Paralleluniversum gibt.

Was ein Gewese: Videokassetten, die an ausgewählte Fans geschickt wurden, eine Plakatkampagne, schließlich die ersten Snippets mit der wohl­etablierten Patina aus recycelter VHS-Ästhetik und musikalischer Raketenstartstimmung, dazu Listening Sessions in sieben Städten weltweit. ­INFERNO, das erste Album von Boards Of Canada seit TOMORROW’S HARVEST von 2013, ist ein veritables mediales Großereignis, seine Ankunft in mancher Hinsicht das Ende der Subtilität, die ­Michael und Marcus Sandison stets auszeichnete.

Und die Fans gehen voll mit. Die begleitende Massenhysterie steht allerdings eher in Kontrast zu den Tracks, die das schottische Brüderpaar produziert hat. Die 19 Anspielstationen bieten den klassischen inwendigen Bombast aus Downtempo-HipHop-Beats, Dream-Pop-Gitarren, ikonischen stahlblauen Synthesizerspuren und obskuren Samples. Die Vorab-Veröffentlichungen „Prophecy At 1420 MHz“ oder „Naraka“ sind derart typische Boards-Of-Canada-Nummern, dass Gänsehaut zur Routine gerinnt.

Ersterer beginnt mit einem ausschweifenden indigenen Flöten-Intro, das gleich mal verdeutlicht, dass die kompromisslose Rückbesinnung aufs Ursprüngliche bei allem Bohei noch immer unverzichtbarer Teil der DNA des Duos ist. Dann ein erster verstockter Beat wie aus einem Agententhriller, ehe der tiefe Drop ins Inferno folgt und apathische, doch unwahrscheinlich schöne Gitarrenakkorde anschieben.

Erinnerungen an den Klassiker „Dayvan Cowboy“ von 2006 branden auf, doch zur Gänze des Optimismus beraubt. „I am god, the ultimate resonance“, heißt es später im Track von einer schwer verfremdeten Stimme. Fun Fact: Die Vocals wurden nicht von den beiden selbst eingesprochen, sondern einer Harvard-Vorlesung eines technologieskeptischen islamischen Kreationisten aus den Zweitausendern entnommen. Pathetischer Schwurbelalarm oder künstlerische Notwendigkeit? Dass den Pantheisten von Boards Of Canada die letzten 13 Jahre nicht gefallen haben dürften, sollte jedenfalls klar sein.

„Naraka“ wiederum agiert noch plakativer und sampelt nach eisigen Synths tatsächlich das ­Hare-Krishna-Mantra – Boards Of Canada dürften der einzige Act sein, den man damit halbwegs ungeschoren davonkommen lässt, auch wenn diese formvollendete, musikalisch abermals einwandfreie Eso-Peitsche nun wirklich nicht hätte sein müssen.

Wieso also diese extremen Reaktionen auf das Album, wenn irgendwie alles ist wie immer? Dass Boards Of Canada auf ihrem neuen Album fast schon unverblümte Gesellschaftskritik üben, konnte vorher schließlich niemand ahnen. Nun: INFERNO erweitert einen Kosmos, zu dem es schlicht kein Paralleluniversum gibt. Boards Of Canada liefern den perfekten Mix aus Vertrautheit und Uncanny-Valley-Effekt, sie produzieren überlebensgroße Maschinenmusik mit menschlichem Antlitz, die für sich steht. Und, das ist in immer schwierigeren Zeiten, Stichwort multiple Krisen, auch ein Teil des Faszinosums: Sie spenden Trost in Form psychedelischer Schlieren, in denen sich 70 Minuten lang alle Störgeräusche ganz wunderbar ausblenden lassen – Prokrastination in hauntologischer Endlosschleife.

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