Wolfgang Niedecken


Herz-Ass statt 'Pik Sibbe'. Der Boss von BAP bricht eine Lanze für Bob Dylan und erfüllt sich seinen Jugendtraum mit einem Solo-Album: 17 Cover-Versionen aus Zimmermanns Werkstatt. ME/Sounds stellt die Sinnfrage.

Mal ehrlich, wer braucht einen Mann wie Bob Dylan heute noch?

„Oh, ich glaube, daß ihn viele brauchen. Ich würde mal sagen, es gibt da verschiedene Aspekte, warum man ihn brauchen kann. Zunächst mal sollte jeder, der sich mit ihm auseinandersetzt, die Grundlage kennen, woher das überhaupt kommt, daß zur Rockmusik auch Texte geschrieben worden sind. Es gab eine Zeit vor Dylan, wo Leute mehr oder weniger noch nicht mal das Reimlexikon zur Hand nahmen, sondern einfach nur irgendwelche Schüttelverse aufeinandergedrückt haben. Ich denke dabei an die frühen Beatles-Sachen, die frühen Stones, wo die schon nicht mehr gecovert haben, aber auch noch nicht unter dem Einfluß von Bob Dylan Texte geschrieben haben. Ich meine, in dem Moment, wo er in ihr Bewußtsein getreten ist, haben sie auch bessere Texte geschrieben. Dasselbe gilt für die Kinks. Naja, von daher sollte man schon mal wissen, was da abgegangen ist. Dann gibt’s eben viele, viele zeitlose Sachen, die der Dylan geschrieben hat, Songs, von denen überhaupt keiner weiß, daß die von ihm sind, weil die Cover-Versionen wahrscheinlich bekannter sind, als das, was er gemacht hat. Und zum dritten kommen immer noch, auch heute noch, richtig tolle Sachen von Dylan heraus, die werden zwar seltener, aber sie kommen. So wie dieses ‚Oh Mercy‘ -Album, das ich durchaus unter die zehn großen Bob Dylan-Alben einordne. Der Mann hat immer noch eine ungeheure künstlerische Potenz. Ich denke, das ist schon jemand, den man sich ab und zu wieder mal zu Gemüte führen sollte, gerade für Leute, die selber texten. Ich habe von ihm jedenfalls sehr viel gelernt.“

Aber es ist doch eher Dylan, der Rockpoet, und nicht so sehr Dylan, der Handwerker, der hier zur Debatte steht?

„Da brauchen wir nicht lange drumrumzureden. Dylan ist kein großartiger Instrumentalist, er ist auch kein großartiger Sänger.

Er ist auch kein großartiger Arrangeur. Aber er ist ein großartiger Seismograph, und er hat immer Rohdiamanten geliefert, die andere geschliffen haben. Einige haben sie sogar in seinem Beisein geschliffen. Es gibt Platten, die sind produziert von Mark Knopfler oder von Sly & Robbie, die eben genannte ‚Oh Mercy‘ von Daniel Lanois, oder auch große Alben, die, wenn man sie objektiv hört, ungeheuer viele Fehler haben und viele Ecken und Kanten, die aber insgesamt ein Sittengemälde der Zeit sind und Klassiker wurden, die immer noch Bestand haben. Mein Lieblingsalbum ist ‚Blonde On Blonde‘. Wenn du das mit jemandem zusammen hörst, der nur analytisch Musik aufnimmt und es nicht an sich randringen läßt, kannst du die Platte nicht genießen. Aber wenn du dich einfach reinfallen läßt, merkst du, wieviel Freude und wieviel Sentiment in der Platte stecken.“

Mir kommt Dylan manchmal vor wie eine Art Wundertüte für angehende Songwriter…

„Es gibt viele Texte von ihm, die ich erst beim Bearbeiten kapiert habe, oder ansatzweise kapiert habe und mir meinen eigenen Reim drauf gemacht habe. Nimm einfach das letzte Stück, das überhaupt von ihm erschienen ist: ‚Dignity Years‘ von ‚Greatest Hits, Volume 3‘. Der Text handelt von Würde, und was willst du, wenn du die heutige Medienlandschaft anschaust, wenn du schaust, was passiert weltweit, wie willst du momentan einen besseren Text zur Zeit schreiben als dieses ‚Dignity‘? Das sind genau die Gedanken, mit denen ich herumlaufe und denke: So einen Text wirst du wohl nie schreiben. Das ist wie mit dem BAP-Song ‚Widderlich‘, den ich auch nicht schreiben wollte, ihn dann aber doch geschrieben habe.“

War das die BAP-Adaption des Themas ‚Dignity‘?

„Ich habe diesen Begriff Würde nie besser verstanden als vor, ja mittlerweile acht Jahren, als ich mit den Complizen in Nicaragua war und sah dann ein großes Transparent irgendwo an einer Wegkreuzung stehen, da stand drauf: ‚Friede mit Würde‘. In dem Land, wo das alles gelaufen ist, wo die Leute den Arsch selbst hochgekriegt haben, ein korruptes Regime zu stürzen und dann mit leeren Regalen dazu gepreßt worden sind, ihre eigene Revolution wieder abzuwählen. Da bedeutet so ein Satz ‚Friede mit Würde‘ einen ganzen Haufen mehr, als man ihn hier, in einer sloganverseuchten Gesellschaft wie der unseren überhaupt kapieren kann.“

Du liest deinen Dylan demnach primär politisch?

„Nein. Auf meinem Album sind nicht so furchtbar viele politische Stücke, also ‚A Hard Rain’s A Gonna Fall‘ ist natürlich eins, geschrieben während der Kubakrise, ein Angst-vor-der-Apokalypse- Text. Der ‚Jokerman‘ ist eine Auseinandersetzung mit der Rolle des Künstlers als Hofnarr.

Ich bin eigentlich ganz froh, daß ich Texte bearbeiten konnte und nicht in mir selber rumwühlen mußte. Es ist ja eigentlich kein eigenes Statement auf der Platte. Ich habe mich mit dem Werk dieses Mannes auseinandergesetzt und aus ungefähr 500 Stücken circa 40 ausgewählt, übersetzt und nachher sind 20 aufgenommen worden.“

Apropos ‚Jokerman‘: Mußt du als Person der Öffentlichkeit nicht auch gelegentlich den Hofnarren geben?

„Als Musiker mußt du eigentlich immer den Eindruck erwecken, als ob du im luftleeren Raum schwebst, als ob das alles nicht für dich gilt, was draußen passiert. Auf Dylan übertragen heißt das: Er müßte noch immer so tun, als ob er mit einer rostigen Mundharmonika und einem schlecht eingestellten Mikrofon und einer verstimmten Gitarre auf der Bühne steht und sich wohlfühlt. Daß er aber auch mal gern mit Chorsängerinnen auftritt oder mit einer amtlichen Band, wird ihm gleich angekreidet. Aber der Musikredakteur, der darüber schreibt, hat draußen drei Sekretärinnen sitzen. Du mußt als Musiker für andere ein Ersatzleben führen…“

Wie hat die Band BAP auf das Dylan-Projekt reagiert?

„Das Material meiner ersten Solo-LP waren allesamt Songs, die von der Band abgelehnt wurden. In diesem Fall war es so: Wir hatten ein klasse Album abgeliefert, eine klasse Tour gespielt und sagten uns: Laß‘ uns gleich weitermachen, der Wolfgang hat doch noch jede Menge von dem Dylan-Zeug rumliegen. Wir fingen an rumzuspielen, um festzustellen: lieber nicht, weil die Jungs von BAP nun mal keine Bob Dylan-Fans sind. Einzig Keyboarder Effendi hat weitergemacht, als Produzent meines Albums. Obwohl alle freundschaftlich auseinander gingen, sitzen die anderen jetzt wahrscheinlich leicht beängstigt da und denken: Hoffentlich wird das nicht zu groß! Oder vielleicht denken sie auch: Hoffentlich kommt es gut an. Denn es kann nicht im Sinne von BAP sein, wenn es floppt. Das würde der Band schaden.“

Warum hast du den Versuch, in Anlehnung an ‚Daltrey Sings Who‚, nicht einfach ‚Niedecken Sings Dylan‘ genannt?

„Hättest du jetzt gesagt: ‚Wolfgang Niedecken singt BAP‘, das wäre richtig interessant. Das wäre mal eine tolle Idee. Ich möchte jetzt nicht in Ironie machen, aber das wäre sogar eine klasse Idee! Mal in das eigene Material einzugreifen und 17 Songs auszuwählen und mal so zu spielen, wie ich die jetzt nach all der Zeit spielen würde, ohne beim Rest der Firma nachfragen zu müssen, ob das dann auch genehm ist.“

Im nächsten Jahr hättest du ja die Möglichkeit dazu, dann feiern BAP ihr 2ojähriges Band-Jubiläum…

„Nein, ich glaube, da werden wir lieber ein Studioalbum machen, von dem wir alle dann sagen, das ist es…“ – » …das ist ein BAP-Album…

„Ja, in der Hoffnung, daß wir damit auf dem Weg bleiben, den wir mit ‚Pik Sibbe‘ eingeschlagen haben – nämlich die Sachen live im Studio zu entwickeln und viel davon live einzuspielen. Die Gefahr besteht allerdings, daß, während ich dieses Dylan-Ding durchziehe, der Major schon in seinem Keller sitzt und alles vorbereitet und man es nachher nicht mehr so machen kann, wie ich es jetzt lieber hätte. „

Welcher rote Faden zieht sich durch das Cover-Projekt?

„.Der rote Faden ist: daß ich meine Wurzeln gesucht habe, auf musikalischem wie auf textlichem Gebiet. Ich hätte wohl nie einen Text wie ‚Kristallnach‘ geschrieben, ohne Einflüsse von „A Hard Rain’s …“ oder ‚Masters Of War‘. Ich wäre wohl nie zum Texten gekommen, wenn mir nicht damals mein Schulfreund auf dem Schulhof ,Like A Rolling Stone‘ vorgesungen und es bei mir klick gemacht hätte: ,Hoppla, da ist ja eine ganz andere Haltung hinter als bei diesem ewigen ,Love Me Do‘-Theater.“