Heinz Rudolf Kunze

„Stuttgart haben wir nach vielen Jahren harter Arbeit jetzt endlich geknackt“, meint ein schwitzender und erschöpfter, aber glücklicher Heinz Rudolf Kunze nach dem Münchner Konzert. „Die Schwaben waren diesmal total ans dem Häuschen. “ Die Bayern hingegen blieben zumindest in der ersten Hälfte des Konzerts eher reserviert und kühl. „Da spüren wir noch immer das Nordsüd-Gefälle“, meinte Heinz Rudolf. „In Hamburg spielen wir vor 7000 Leuten, in München sind’s halt nur 1500.“

Es wären mehr gewesen, hatte Kunze nicht ausgerechnet die zwar feine, aber viel zu kleine Theaterfabrik gebucht. So herrschte qualvolle, bedrohliche Enge und extreme Sauna-Atmosphäre im Saal; hunderte von frustrierten Kunze-Jüngern zogen sauer wieder von dannen, weil sie sich partout nicht mehr ins sardinenmäßig dicht gepackte Auditorium quetschen konnten, und einige Optimisten sammelten sogar spontan Unterschriften, um ein Wiederholungskonzert zu fordern.

Mag also sein, daß die Schwaben mittlerweile schon ausflippen, bevor sich der untersetzte Rokker mit der intellektuellen Brille und dem sensiblen Lächeln überhaupt erst die Gitarre umgeschnallt hat. Aber auch die Münchner überwanden schließlich ihre Platzangst und tauten immer hemmungsloser auf. Und zum Schluß erscholl ein vielstimmiger Chor, der noch mehr Zugaben forderte: „Dein ist mein ganzes Herz“.

Dieser Kunze hat sich wahrlich in die Herzen seiner Freunde gespielt und gesungen – nicht mit wohlfeilen Platitüden und affektiertem Gehabe, sondern mit meist witzigem und scharfsinnigem, bisweilen auch bierernstem Rock-Handwerk. Und dieses Handwerk macht nicht bei einigen Standardakkorden halt, sondern stachelt auch die kleinen grauen Zellen aus ihrer Trägheit auf, ohne dabei den Bauch zu vernachlässigen. Kunze ist längst nicht mehr lediglich der intellektuelle Niedermacher mit Hang zum Rock ’n‘ Roll – das stellte er in München nachdrücklich unter Beweis. Er unternimmt ständig eine kitzlige Gratwanderung: Er läßt’s zünftig rocken, bläst zwischendurch den Mundhobel, leistet sich zum Schluß eine Nummer im Batman-Kostüm. und er brachte auch noch eine hervorragende Bläserabteilung, die Rumour Horns, mit. Doch gleichzeitig gehören seine Texte nach wie vor zum besten, was die deutsche Szene – mit oder ohne Musik – zu bieten hat. Deshalb kann es sich Heinz Rudolf auch leisten zwischendurch mal ohne Musik sein brillanten satirischen Essays zur Lage der Nation vorzutragen. Kein Zweifel: Was der Mann macht, das macht er gut. Und das findet man heutzutage eben nur noch selten: gute Unterhaltung, drei Stunden lang.

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