Tocotronic

Keine Enten auf dem Cover, keine Flausen mehr im Kopf. Vorher waren sie die Tocos. vielleicht sogar die „Nies“, weil das irgendwie nach juvenilem Nicki-Pulli klingt. Nun sind sie endgültig Tocotronic-ohne Diminutiv. Indie-Kids werden erwachsen und zu formidablen Deutschrockern, die mithelfen, ein Genre aus den Händen von Schnarchsäcken zu erlösen. Schon die lange Platten-Pause vor „K.O.O.K.“ gab zu solchen Vermutungen Anlass, die von der ersten Tocotronic-Tour des Jahres zur Gewissheit verdichtet wurden: im Frühjahr betourten die drei Theatersäle. Dann kam die Platte. Dann der Festivalsommer, dann die richtige Tour-und wer rumhüpfen wollte, kam immer noch nicht so richtig auf seine Kosten. Kein grinsender Spaß mehr, dafür feinsinnige Ironie:Tocotronic sind ernster geworden, melancholischer, reifer. Und es kleidet sie hervorragend. Obwohl sie sichtlich Spaß dabei hatten, standen sie recht gefasst auf der Bühne, ließen die Handbremse angezogen und rockten verhalten durch den Abend. Denn Tocotronic 1999 wollten gehört werden. Ohne die Rockbasis aus den Augen zu verlieren (wie ginge das auch im klassischen Gitarre/Bass/Schlagzeug-Trio) wagten sie sich weg von einer behäbig gewordenen Gleichförmigkeit und suchten nach Neuland, streiften die Übersichtlichkeit fröhlichen Powerpops und die Einfachheit plakativer (wenngleich trefflicher) Slogans ab und forschten nach musikalischen Schachtelsätzen und textlichen Stellungnahmen. Es war nicht mehr einfach Rockmusik, sondern ein abwechslungsreicher Konzertabend, der drei Tocotronics zeigte, die nicht drauflosspielten, stattdessen planvoll an die Sache herangingen und so eine höhere Qualität erreichten. Und die dennoch das abrocken nicht verlernt haben, wie die deftigen Zugaben bewiesen.

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