Spaghetti Napoli & Rosenkohl-Lasagne: So essen Tocotronic auf Tour
Jan Müller erklärt, warum es in der Schweiz das beste und in den USA das mieseste Catering gibt.
Der Chef Rehm Rozanes hat entschieden: Nachdem in meiner letzten Reflektor-Kolumne Getränke die Hauptrolle spielten, soll nun das Essen im Mittelpunkt stehen. Und alle, die schon mal in die Musikbranche zumindest hineingeschnuppert haben, wissen: Das Essen auf Tourneen ist ein ganz spezielles Thema. Es gibt Bands, die auf Tour strenge Diäten halten. Andere widmen sich der Völlerei. Sie haben Kassiber angelegt, in denen die besten Land-Gaststätten unweit der Autobahnen verzeichnet sind.
Bis vor Kurzem konnte ich für mich weder das eine noch das andere in Anspruch nehmen. Aber ich erinnere mich sehr gerne an einige kulinarische Begebenheiten, die mir mit meiner Band Tocotronic und anderen Bands, mit denen ich umherreiste, widerfahren sind. In den ersten Jahren unserer Bandkarriere ernährten wir uns überwiegend auf Autobahn-Raststätten. Denn das Hotel-Frühstück verpassten wir meist, da wir gerne ausgiebig und lange schliefen, und das Essen in den Konzert-Klubs erschien uns zumeist rätselhaft und riskant. Als Hamburger wurde mir in der Fremde selten Vertrautes angeboten. Kein Pannfisch, kein Labskaus und kein Rundstück warm. Stattdessen Linsen mit Spätzle.
Ok, ich habe es gegessen, damals in Bietigheim-Bissingen. Aber die Spaghetti Napoli auf der Raststätte sind mir dann doch besser bekommen. Bekömmlichkeit ist ohnehin das wichtigste Argument für das Essen von Spielreisenden. Nicht jedes köstliche Essen ist auch bühnentauglich. Eines meiner Leibgerichte ist zum Beispiel Käsefondue. Ich würde es aber unter keinen Umständen vor einem Konzert zu mir nehmen. Ich wäre schlicht nicht mehr spielbereit. Auch Hülsenfrüchte, Zwiebeln oder jegliche Art von Kohl sind vollkommen ungeeignet. (Insbesondere 30 Minuten vor dem Auftritt.)
Rosenkohl-Lasagne ist eine deutsche Perversion
Dabei fällt mir ein, dass uns seinerzeit im Jahr 1996 in Münster im Gleis 22 eine Rosenkohl-Lasagne serviert wurde. Lasagne ist wunderbar. Aber mit Rosenkohl? Ich bin ja für kulturelle Vermischung, wo immer es möglich ist. Doch es muss festgestellt werden: Rosenkohl-Lasagne ist eine deutsche Perversion. Allerdings sind es von Münster aus nur 60 Kilometer bis zur niederländischen Grenze. Es ist gut möglich, dass die Rosenkohl-Lasagne in den Niederlanden erdacht wurde. Der Einfluss der THC-Lobby hat dort ohnehin für einige kulinarische Verirrungen gesorgt. Vielleicht liest ja jemand vom Gleis 22 diese Kolumne und kann die offenen Fragen aufklären.
Zurück zum Thema. Ich möchte nicht, dass hier der Eindruck entsteht, ich sei ein mäkliger Rockmusiker. Ich bin ganz gewiss niemand, der sich im Backstage die M&Ms farblich sortieren lässt. Wenn man mir dort ein Brötchen, ein paar Scheiben Gurke und eine Tomate hinstellt, bin ich vollkommen zufrieden. Und außerdem möchte ich anmerken (für alle, die selbst auf Tour fahren): Die Menschen, die in den Clubs für das Essen zuständig sind, freuen sich richtig doll, wenn man auch mal mit ihnen spricht und sie dann, wenn es geschmeckt hat, auch angemessen lobt.
Es gibt keine Al-dente-Kartoffeln!
Und ganz wichtig: Bringt eure Teller und euer Besteck zur Dirty-Dishes-Station. Alles andere ist insolent und genauso ein No-Go wie das Stellen von Taschen und Rucksäcken auf Sessel im Backstage. Allerdings möchte ich den Köch:innen einiger Live-Clubs hier ein für alle Mal versichern: Es gibt keine Al-dente-Kartoffeln! Das ist ein Mythos. Trotzdem: Ihr macht einen guten Job. Und in Amerika werden Bands mit einer Packung Chips und Kaugummi abserviert.
Und das auch nur in den netten Clubs. Übrigens: Sobald man in die Schweiz fährt, bekommt man ein Catering serviert, von dem man in Deutschland nur träumen kann. Die edelsten Zutaten werden hier von Beschäftigten serviert, die allesamt eine Zweioder gar Drei-Sterne-Michelin-Auszeichnung verdient hätten. Die Kehrseite allerdings ist, dass es der Band dort widerfahren kann, dass der Veranstalter sie nötigt, mit ihm und Teilen der Local-Crew gemeinsam an einer Tafel zu speisen. In der Regel zu einem vom Veranstalter genau festgelegten und unpassenden Zeitpunkt. In der verschärften Variante wird die Band dann überdies auch noch genötigt, teuren Wein zum Essen zu trinken. Und das, obwohl jeder Mensch weiß, dass keine Band bei Verstand vor dem Konzert Alkohol trinkt.
Im Übrigen hilft es immer, mit Amerikanern auf Tournee zu sein. In den 90er-Jahren spielten wir mit Tocotronic diverse Konzerte mit der tollen Band Chokebore. Wir beobachteten, dass die Brüder Jon und James stets ein spezielles Essen serviert bekamen. Es war immer das gleiche: Spaghetti mit Tomatensauce. Fasziniert fragten wir sie nach dem Grund: „We don’t want to take any risks“, lautete die Antwort. Wir waren amüsiert. 30 Jahre später habe ich endlich begriffen, wie richtig sie lagen. Jüngst habe ich mich ihrem Konzept angeschlossen. Selten habe ich mich auf der Bühne so wohl gefühlt.





