Andrew W.K.: Das Tier


Ein offensichtlich durchgeknallter Ami ist die erste Hype-Sensation des neuen Jahres. Was steckt dahinter?

Manchmal fragt sich der bucklige Musikjournalist, ob er schlicht zu blöd ist, die Musik und den Künstler, mit dem es sich zu beschäftigen gilt, zu verstehen, oder ob er gerade Opfer von „Versteckte Kamera“ geworden ist. So zuletzt geschehen bei Andrew W.K., dem laut englischer Presse – „Retter der Musik“ Und das ist noch eines der kleineren Komplimente, die dem 22-jährigen Amerikaner seit einigen Wochen in mehrseitigen Artikeln bis hin zur Coverstory von trendy Musik- und Schickiblättern wie Dazed & Confused, The Face und dem New Musical Express ausgesprochen werden. „Bigger than Jesus“ sei er, dabei ist Andrew bislang weder auferstanden, hat auch noch kein Wasser in Wein verwandelt, nein, hatte zum damaligen Zeitpunkt noch nicht einmal sein erstes Album veröffentlicht.

Alles, was man bis dahin von ihm kannte, waren Karaoke-mäßige Ein-Mann-Auftritte im Vorprogramm der Foo Fighters, in Starbucks-Filialen und auf einer Kunstmesse in Belgien, bei denen er meist ausgebuht wurde, sowie zwei obskure EPs mit den ansprechenden Titeln „Girls Own Juice“ und „Party Til You Puke“. Aber jetzt ist es da, des Erlösers Album, „I Get Wet“, und es reißt die Journallie zu noch dolleren Lobpreisungen hin: „Justin Timberland auf Nazi-Crack!“, „Der Elton John des Death Metall!“, „Robbie Williams – wenn er gut wäre!!!“. Lind die Musik erst: ein Mix aus Slayer, Queen, ABBA, AC/DC, Sigue Sigue Sputnik, Cheap Trick, Slipknot, Atari Teenage Riot und Meat Loaf. Das beschreibt diese stadiontaugliche Kakophonie des schlechten Geschmackes gar nicht mal so übel, das alles könnte sogar charmant und witzig sein wäre da nicht Andrew W.K., der, wenn es darum geht über seine Musik zu reden, komplett humorlos und ohne jegliche Selbstironie ist. Mit sektiererischem Eifer beschwört er seinen Gegenüber, dass diese Musik von „irgendwo da oben“ in sein Hirn gefunkt wird und von dort „irgendwie raus“ muss, denn „Musik ist Liebe“, und „alles im Leben dreht sich um Liebe“, auch wenn er selbst nicht nur voller Liebe, sondern auch „voller Hass“ ist. Allerdings weniger auf andere, sondern mehr auf sich selbst, deshalb macht er „die kräftigste und ehrlichste Musik der Welt“ …Rhabarber Rhabarber.

Wer’s denn auch immer war, der Andrew diesen Floh ins Ohr gesetzt hat – der „Spirit in (he sky“ selbst oder, wies böse Zungen behaupten, Foo Fighter Dave Grohl, der sich mithilfe dieser Strohpuppe einen Jux erlaubt – er hat den Job nur halb erledigt. Denn sobald Andrew W.K. nicht über seine Musik oder seine Band spricht, die rund um Ex-Obituary-Drummer Donald Tardy aus Floridas Death Metal-Elite rekrutiert wurde,, isterein eloquenter, liebenswert naiver Plapperer, so was wie ein gebildeler Butthead. Er liebt Gershwins „Rhapsody In Blue“, Wagners „Ritt der Walküre“, Europes „Final Countdown“ und Tim & Struppi. Sein Vater ist Professor der Rechtswissenschaften an der Universität von Michigan, Mutti Geigenlehrerin, der kleine Bruder auf dem Weg zum Golf-Profi. Weihnachten wird gemeinsam gegolft, jegliche weitere Freizeit vorzugsweise mit Gewichtestemmen im Gym oder in freier Natur mit Tieren verbracht, denn „Tiere sind total cool…Fische, Katzen, Hunde, Spinnen, Zwergkaninchen…Papageien sind der Ober-Hammer!“ Zu dieser Weisheit gelangte Andrew, nachdem ein Klassenkamerad von ihm, ein schüchterner Einzelgänger, von seinem Papagei verlassen wurde, nur weil der Junge nach einer lugend der Enthaltsamkeit irgendwann dann doch einmal ein Mädchen mit nach Hause brachte. „Mann, wie unglaublich sensibel ist das denn?“, staunt Andrew noch heute. Selbst Alligatoren sind tolle Viecher. Sie leben in Andrews Wahlheimat Florida in Teichen, Swimmingpools und Badewannen und sind „irrsinnig kräftig“. Sein Mitbewohner und Gitarrist Frank Werner hat mal einen mit ’nem Huhn geangelt, mit dem Pick-Up aus dem Teich gezerrt und ihm anschließend mit der Kettensäge den Kopf abgetrennt – das Vieh wollte trotz mehrerer Schüsse in den Schädel nicht sterben. „Dabei ist Frank ein Tierfan wie ich. Das tat ihm echt Leid.“

Uns tut’s auch Leid, aber irgendetwas stimmt hier nicht. Tierfreunde sägen Krokodilen nicht den Kopf ab. Jemand, dessen Lieblingssong „The Final Countdown“ ist, kann nicht der Retter der Musik sein, und wer Tim & Struppi mag, kann kein ganz schlechter Mensch sein, der uns alle zum Besten hält. Also, komm raus, Tommi Ohrner. Oder Kurt Felix. Dave Grohl. Irgendwer. Erlöse uns von diesem Erlöser.

www.andrewwk.com