Meisterwerk No. 1


Can there be such a thing as an Underground masterpiece?“ Die Schriftstellerin und Journalistin Jutta Koether stellte diese Frage in den Linernotes zu einem Album, das heuer 19 Jahre alt wird. Mit der Weisheit unzähliger Kritiken und vieler Bestenlisten im Rücken, scheint die Frage beantwortet: daydream Nation von Sonic Youth ist definitiv ein Masterpiece. Aber ist es noch Underground? 2005 wurde das Album in die „List of recordings preserved in the United States National Recording Registry“ aufgenommen. Dort landen Aufnahmen, die als wichtiges kulturelles Erbe der Menschheit gehandelt werden, wie Martin Luther Kings „I have a dream“-Rede und die ersten Worte Neil Armstrongs auf dem Mond. Auf der anderen Seite hat daydream Nation nie die US-Billboard-Charts erreicht. Was wohl nicht zuletzt daran lag, dass ihr Label Enigma kurz nach der Veröffentlichung pleite ging. So geht Underground.

Es läuft noch anderes schief Ende 1988. So löst George Bush Ronald Reagan als US-Präsident ab. Was Sonic Youth gerne verhindert hätten. „Es ist Wahljahr, und Thurston wollte mit dem ersten Song, ,Teenage Riot‘, den Rock’n’Roll for president ausrufen“, behauptet Kim Gordon in einem Interview. Es sei das bis zu diesem Zeitpunkt politischste Album von Sonic Youth, und damit erkläre sich auch der Titel: Den perfekten Kandidaten gibt es schließlich nur in unseren Tagträumen.

Am Vorabend des Grunge entstand ein Album, dass Lee Ranaldo als „Flucht vor der Routine bezeichnete: „Es war die Art und Weise, wie wir seit ,Kill Your Idols‘ anfingen, Songs zu schreiben. Wir wollten wieder mehr Anarchie in die Songs bringen.““Die Tracks aufsiSTER sind alle kurz und übersichtlich, daydream Nation hingegen ist retrospektiv erweitert.“Diese Feststellung von Kim Gordon griffen später viele Kritiker auf: Dieses Album war vergangenheitsbezogene Zukunft. In jeder Hinsicht.

Was Diedrich Diederichsen in der Spex als „Dialektik von Utopie und Verklärung, von gutem Traum und Dämmerzustand“bezeichnete, entstand im Juli und August 1988 im New Yorker Greene Street Studio zusammen mit Produzent Nick Sansano. Moore, der sich zu diesem Zeitpunkt mit HipHop beschäftigte, holte den jungen Sansano ins Boot, der sich im April 1988 als Engineer für Public Enemys IT takes A NATION OF MILLIONS TO HOLD US BACK seine ersten Credits verdient hatte. Einem französischen Magazin gegenüber erzählte Moore:

„Ich wollte keinen eingefahrenen Produzenten, sondern einen unverbrauchten Tontechniker.“

Moore und Ranaldo waren fasziniert von Sansanos Ideen: „Es ging so: Was ist der beste Weg, diesen Vorverstärker zu überlasten? Wie viele können wir aneinanderreihen? Wir suchten

nach Wegen, die Regeln zu ändern, fügten Schmutz hinzu und ließen diesen Schmutz so klingen, als sei dafür ein 3.000-Dollar-am-Tag-Studio notwendig gewesen.“ Sonic Youth gefiel der junge Bursche so sehr, dass sie ihn auch für das Nachfolgealbum GOO verpflichteten.

Das Experimentelle an Sonic Youth sei schließlich, das Traditionelle in das Avantgardistische zu integrieren, ließ Moore verlauten, und dieser Satz erklärt im Grunde alles, was DAYDREAM Nation ausmacht. Oder wie Diedrich Diederichsen es ausdrückte: „Sonic Youth sind Madonna– Fans, sie sind eine Pop -Band, und nur weil Popfiir sie und heutzutage nur in einer Art erweiterter Underground-Szene stattfinden kann, muss man die Overground-Pop-Kultur nicht nur nicht ausschließen oder verachten, sondern darf dies nicht… „Nun, Milli Vanilli, Pet Shop Boys und Tracy Chapman hießen die tatsächlichen Verkaufsschlager 1988 in Deutschland, und auch der ME schenkte DAYDREAM Nation keine große Beachtung.

Es dauert eine Weile, bis daydream Nation Wirkung zeigt. Erst 1993, nach dem Rerelease des Albums bei Geffen, kann man das Album hierzulande einfach käuflich erwerben. Zu diesem Zeitpunkt hat GOO (1990) längst die Popularität von Sonic Youth manifestiert. Einmal mehr ist es der Umweg über England, der in Deutschland den Alternative Rock nach oben bringt. Im UK sind 1989 Bands wie Dinosaur Jr., Pixies und Sonic Youth schon halbe Stars.

Doch nicht nur inhaltlich manifestiert sich die Attitüde von Sonic Youth, Tradition mit Moderne zu verbinden. Viele haben noch nicht von Plattenspieler auf CD – Player umgestellt. Und so war eine Diskussion darüber, ob man ein Album als Doppel-LP herausbringen soll, durchaus von Gewicht. „Sie (ihr Label Enigma – Anm. d. Red.J behaupteten, dass niemandem solches Album kaufen würde, und befürchteten Umsatzeinbußen. Was Quatsch war, schließlich war es ja ein preiswertes Doppelalbum.“

Am Ende setzten sich Sonic Youth mit ihrem Doppelalbum durch (Moore wollte ursprünglich sogar nur drei bespielte Seiten haben). Moores eigentlich rückwärts gerichtete Idee basierte auf seiner Beobachtung, dass Doppelalben 1988 wieder im Trend lagen. In einem Interview sagte er: „Wir sind uns ziemlich genau bewusst, was um uns herum passiert, und wir wissen auch ziemlich genau, was gerade angesagt ist. Aber wir versuchen niemals, um der Einzigartigkeit willen einzigartig zu sein.“

Einzigartig war auch die Situation, die dazu führte, dass Sonic Youth ihre Ablehnung gegen Major Labels aufgaben. Die Enigma-Pleite spielte dabei freilich eine wesentliche Rolle. Steve Shelley beschreibt die Grundstimmung der Band so: „Nach sister wollten wir unsere Unabhängigkeit noch nicht aufgeben. Deshalb blieben wir zunächst beim Indielabel. Aber auch nach DAYDREAM NATJON dauerte es trotzdem noch zwei Jahre, bis wir bei Geffen unterschrieben.“ Am Ende handelten sie einen Deal aus, der ihnen künstlerische Freiheit garantierte.

Nach 19 Jahren kommt es nun zur zweiten Wiederveröffendichung von daydream Nation. Dafür zeichnet vor allem Shelley verantwortlich, nebenbei Chef seiner eigenen Plattenfirma Smells Like Records: „Ich bekam die Aufgabe, die Deluxe-Edition des Albums, die im Juni veröffentlicht werden soll, zusammenzustellen.‘ ‚Doch damit nicht genug: Sonic Youth haben beschlossen, in diesem Sommer bei ausgewählten Festivals das komplette Album zu spielen (siehe Tourdaten). Shelley: „Barry Hogan, der Initiator der J^UTomorrow’s Parties‘, hatte uns gefragt, ob wir nicht Lust hätten, bei drei Auftritten in London das komplette Album zu spielen. Nachdem wir zugestimmt hatten, beschlossen wir, das auch andernorts zu tun.“

Kim Gordon hingegen zeigte sich in einem Interview mit www.drownedinsound.com weniger euphorisch: „Ich sehe diese Sache mit gemischten Gefühlen. Ein Album vom Anfang bis zum Ende durchzuspielen, halte ich nicht gerade für unsere beste Idee.“ Warum sie dann zu den Shows ja gesagt habe: „Wegen des Geldes! Ich meine, andere Bands brechen auseinander und machen dann Reuniontouren für horrende Summen, und wir machen nicht gerade viel Geld mit unseren Touren. Das war mit Sicherheit eine Motivation, aber natürlich nicht der einzige Grund.“ >»www.sonicyouth.com — zeitlupe