Angus Young: Angus Young


Bei einer gepflegten Schachtel Zigaretten plaudert der Gitarrenderwisch™ über Poser, Saiteninstrumente mit Eigenleben und die unterschätzten Subtilitäten im AC/DC-Klangkosmos.

Wir schreiben das Jahr 2000, das nächste Millennium war es an der Zeit für ein neues AC/DC-Album?

Ach, an der Zeit… Wir hatte nie viel mit dem Zeit-Faktor am Hut. Wir wollten immer etwas machen, was das Gegenteil von Zeit ist… etwas Zeitioses.

Zumindest habt ihr einige Zeit gebraucht – die neuen Songs sollen ja schon im Sommer’98 fertig gewesen sein…

Naja, wir hatten ein paar Songs und Ideen beisammen. Aber wir waren die Verpflichtung eingegangen, eine CD-Box – „Bonfire“ – zusammenzustellen. Wir dachen nicht, dass sich die Arbeit daran so hinziehen würde. Dieses Zusammensuchen von altem Material artete in eine richtige Jagd aus. Da waren alte Tapes beschädigt oder nicht auffindbar. Und das ganze Durchhören und Auswählen… das dauert.

Das neue Album erscheint ziemlich genau 20 Jahre nach dem Tod von Bon Scott am 20. Februar 1980. Bedeutet dir dieses Datum heute noch etwas?

Nun, es vergeht nicht viel Zeit, ohne dass man an irgendeinem Punkt an Bon dächte. Das geht wohl jedem so, wenn jemand stirbt, dereinem nahe steht. Aber ich weiß ja, dass ich ihn eines Tages wiedersehen werde… (lacht) Zum Jahrestag tut sich Seltsames. Euer allererster Sanger Dave Evans beispielsweise gibt mit einer Revival-Band eine Bon Scott-Tribute-Show, Aufnahmen von Scotts frühen Bands erscheinen auf obskuren Kleinlabels…

Bon hat das damals schon nicht gewollt. Einige der Typen, mit denen er gespielt hatte, versuchten mit Aufnahmen Kohle zu machen, nachdem Bon mit AC/DC bekannt geworden war. Er hat das gehasst.

Und Dave Evans… als mir das letztens jemand erzählt hat, musste ich lachen. Dieser Typ hat Bon gehasst! Als wir Bon damals kennenlernten, war Evans eifersüchtig auf ihn. Er hatte Schiss, weil er wusste, dass Bon ein toller Sänger war und wir mit ihm nicht zufrieden waren. Das machte ihn nervös.

Nach Scotts Tod kam Brian Johnson als Sanger, aber für hartgesottene Fans ist post-1980-AC/DC nicht mehr das Wahre. Hat Brian ein Problem damit, dass er für alle Zeit der Ersatz-Sänger sein wird?

Die Welt kannte Bon Scott durch AC/DC. Er war Teil von AC/DC. AC/DC ist nicht eine einzelne Person, sondern alle Mitglieder zusammen. Brian hat meinen Respekt, weil er den Druck auf sich nahm und die Sache weitergeführt hat. Klar, seine Stimme hat einen etwas anderen Style, aber AC/DC klingt immer noch wie AC/DC. Manche Leute haben ihre Vorstellungen, wie etwas zu sein hat, sehen eine Band als eine unzertrennbare Einheit. Ich meine, ich bedaure den Tod von Bon auch – zumal ich damals noch sehr jung war und das ganze einen riesigen Eindruck auf mich machte.

Das neue Album klingt, wie man es von AC/DC eben kennt. Habt ihr jemals das Bedürfnis verspürt…

…uns zu verändern? (kichert) Nicht verändern, aber die Welt doch nochmal zu überraschen? Einen neuen Aspekt in die Musik einzubringen?

Wenn du dir anhörst, was wir machen, wirst du sehen: da sind Veränderungen. Du musst hinhören – und dann musst Du nochmal hinhören. Verstehst du, was ich meine? Du musst hinhören und dann musst du nochmal hinhören. Da sind subtile Sachen. Wir investieren viel Zeit in eine Platte. Wir hocken uns nicht hin und machen zehn „Whole Lotta Rosie“s. Wir verlassen uns nicht auf eine vorgefertige Formel, sondern wollen verschiedene Herangehensweisen ausprobieren. Natürlich müssen wir dabei innerhalb unseres Rahmens arbeiten: zwei Gitarren, Bass, Drums und Vocals – wir haben kein Interesse, andere Instrumente reinzubringen oder überzuproduzieren. Wir wollen Songs spielen, die nicht so klingen, wie etwas, das wir schon mal gemacht haben, aber natürlich haben wir unseren Stil.

Trifft dich Kritik?

Kritik? Niemals, (lacht) Wenn ich mir über Kritik Sorgen machen würde, hätte ich mit dem ganzen hier nie angefangen. Weißt du, es gibt ein Sprichwort: wenn die Leute mit ihren Füßen zuhören und nicht mit ihrem Hirn, dann geht es der Musik gut.

In den 7oern waren AC/DC Bürgerschrecke, da gab’s Eklats und Randale…

Yeah. Es passiert immer noch ab und zu was.

In Zeiten von Marilyn Manson und Slipknot…

…und wer?

Bands wie Slipknot und Korn, ganz heftige Herrschaften…

…jaja, aber die ziehen das doch ab, um… das wirkt auf mich alles irgendwie aufgesetzt. Konstruierte Images. Wir müssen uns nichts ausdenken, etwas darzustellen. Jemand hat mal zu meinem Bruder Malcolm gesagt „du rauchst ziemlich viel auf der Bühne“, das mache Ron Wood ja auch immer. Und Malcolm sagte, ja, aber der tut es wegen des Show-Effektes, bei mir ist das echt, ich brauche die Zigarette. Wir haben uns nie überlegt, wie wir shocking oder was auch immer wirken könnten. Es kam einfach so. Wir haben nie ein Publikum in Richtung Randale manipuliert. Das ist halt passiert. Wir haben mal in Spanien gespielt, ziemlich am Anfang, da hat die Polizei mit Gummigeschossen in die Menge gefeuert. Da ging’s voll ab, ein Riesenaufstand. Aber diese Typen, die es darauf anlegen, zu schockieren… ich finde das einfach aufgesetzt, unecht. Ich habe dazu keinen Bezug. Wenn du Jerry Lee Lewis gesehen hast – der ist echt. Er hat dieses Leben gelebt. Er ist das Original. Manche Leute rennen rum und leben von

einem Image, die wollen ihr Foto in der Zeitung sehen, aber das bedeutet nichts. AC/DC haben nie von einem Image gelebt.

Und was ist da etwa mit deinem Mooning-Ritual, wenn du dem Publikum deinen blanken Allerwertesten zeigst?

Das kam aus Spaß zustande. Mir war danach. Als ich es zum ersten Mal gemacht habe, wollte ich damit die Aufmerksamkeit der Leute auf die Bühne lenken, weil da gerade irgendetwas anderes im Gange war.

Du bist jetzt 41. Wenn du so in Schuluniform auf der Bühne stehst, hast Du dich da jemals gefragt „Was mach‘ ich hier eigentlich“?

Was mache ich hier? Nein, nicht wirklich. Auf der Bühne gibt’s für mich generell nicht viel nachzudenken. Auf der Bühne zu stehen ist für mich eine Art Entkommen, da will mich keiner am Telefon oder irgendwas. Eine Art Eskapismus… eigentlich seltsam. Auf die Bühne zu gehen, um all dem anderen Zeug entfliehen zu können… (lacht) In den letzten Jahren haben sich einige eurer Kollegen aus den 7oern – etwa Kiss oder Black Sabbath – reformiert. Wie siehst du dieses Revival?

Ist mir… äh… egal (lacht). Revival? Was wiederbeleben? Die Toten oder was? (kichert) Um ehrlich zu dir zu sein: Die haben mich damals nicht interessiert, und sie interessieren mich auch heute nicht. Die haben nichts mit mir zu tun. AC/DC wurde nicht gegründet, um Teil von irgendjemands Kultur zu sein. Es war uns immer egal, was andere Leute tun. Immer.

Was hast du denn als Teenager gehört?

Leute wie Jerry Lee Lewis, Chuck Berry. Alles, bei dem ich das Gefühl hatte, es sei echt. Ich habe mich nie für… Bands wie Black Sabbath, die hatten nichts, wo ich sagte „hey, das bringt meinen Fuß zum Wippen“.

Ihr wart mit allen auf Tour von Sabbath bis Mötley Crue…

…aber ich hatte mit ihrer Musik nichts zu tun. Leute, die sie gut finden, sehen wohl was in ihnen. Ich kann nur für mich selbst sprechen, und wenn ich ein Konzert sehen will, dann gehe ich zu Chuck Berry oder Fats Domino. Ich mag Blues, ich schau mir Buddy Guv an. Damit bin ich aufgewachsen.

Die meisten deiner Kollegen von damals haben ihren Lebensstil geändert, sie ernähren sich gut, leben gesund. Wie sieht’s da bei dir aus? Machst du zum Beispiel Fitness?

Nein. Nicht viel. Ich bin kein sportlicher Typ. Das einzige, worum ich mich kümmere, ist Gitarre spielen. Darauf konzentriere ich mich. Ich sehe das so: Die Gitarre mach mich erst komplett. Deswegen gibt es mich – damit ich Musik mache. Also konzentriere ich mich darauf.

Mein Fokus ist auf der Gitarre. Ein Pilot fliegt sein Flugzeug, darauf konzentriert ersieh. Der denkt auch nicht, „oh Mann, diese ganze Leere, und da ist nichts, was mich hier oben festhält!“ Er hat genug damit zu tun, das Flugzeug zu steuern.

Aber was, wenn deine physische Kondition dich eines Tages im Stich lässt. Machst du dir darüber keine Sorgen?

Hmm… tja. Ich kann mir darüber keine Gedanken machen. Wie gesagt: ich konzentriere mich auf die Gitarre. Ich habe mich schon verletzt auf der Bühne, mir meinen Schädel gespalten, ein Auge geschlitzt, ich musste am Bein genäht werden, mein Hüftknochen hat mir schon rausgestanden – das gehört dazu. Die Gitarre bestimmt, wo’s langgeht, wie ich spiele. Sie übt ihre eigene Energie aus, sie übernimmt die Kontrolle. Ich lasse sie spielen.

Derzeit kann man im Internet eine Gitarrenstunde mit dir ersteigern. Wieviel kostest du?

Eine billige Hure bin ich jedenfalls nicht! (lacht) Nein, keine Ahnung, wie das Gebot steht (zur Zeit der Drucklegung stand es bei 9000 $; Anm. d. Red.). Es ist zugunsten eines Projektes für autistische Kinder. Deswegen mache ich das. Und ich fand die Idee gut.

Political correctness ist nicht unbedingt etwas, das man mit AC/DC assoziieren würde.

Ist das politisch korrekt? Naja, wir haben schon oft Charity-Sachen gemacht. Wir rennen halt nicht durch die Gegend, „hey, wir haben dieses und jenes gemacht!“ Ich versuche nicht, mir mit sowas einen Platz im Himmel zu erkaufen. Oder Akzeptanz.

AC/DC im Net – interessiert dich die multimediale Zukunft?

Naja, weilst Du, manchmal weiß ich nicht so recht mit dem technischen Fortschritt. Früher hieß es, wenn du einen Brief von London aufs Festland schickst, braucht er einen Tag. Fleute kann das Wochen dauern (lacht). Zur Zeit der Erfindung des Flugzeugs hat es 15 Minuten gedauert, über den Kanal zu fliegen, heute dauert es anderthalb Stunden. Also, bewegen wir uns vorwärts oder was? Ich weiß nicht. Manchmal glaube ich, wir bewegen uns rückwärts.

Ein Gerücht besagt, AC/DC würden ein letzes Konzert spielen – zusammen mit Guns ‚N Roses in Milton Keynes – und sich dann zur Ruhe setzen.

Das kannte ich noch gar nicht, aber diese Gerüchte höre ich jedes Mal, wenn wir wieder mit was rauskommen. Die gehen wohl los, weil die Leute lange nichts von einem gehört haben. Ich meine, wenn wir aufhören würden, warum sitze ich dann hier und erzähle? (lacht) Wird es also eine Tournee geben?

Wir haben uns da noch nicht festgelegt. Die Plattenfirma will natürlich, dass man tourt. Und dann gibt man ihnen ein Datum, und ehe man sich’s versieht muss man sich mit den Aufnahmen beeilen, damit man rechtzeitig fertig wird. Das wollten wir diesmal nicht, wir wollten in Ruhe die Platte machen. Es gibt also noch keine Daten, aber wenn wir auf Tour gehen, kommen wir sicher auch hierher.

Wann wäre für dich der Punkt erreicht, aufzuhören?

Wenn ich keinen Spaß mehr dran hatte. Es macht mir Spaß, Gitarre zu spielen, das ist mein Ding. Deswegen bin ich zu einer Rock-Band gegangen. Vielleicht ist das gierig und selbstsüchtig von mir, aber ich wollte immer spielen. Lind plötzlich wurde für mich eine Karriere draus. Aber es ist das, was ich gern tue. Und ich rauche gern Zigaretten, (grinst)

Ganz offensichtlich. Und wie sieht jetzt ein Tag im Privatleben von Angus Young aus? Wenn du nicht in Sachen AC/DC unterwegs bist?

Lass es mich so ausdrücken: in den letzten fünf lahren hatte ich eine Woche frei. Eine Woche, in der ich mich nicht mit AC/DG beschäftigen musste. Neben dem Gitarrespielen sind da tausend andere Dinge, um die man sich kümmern muss. Allein schon, wenn du deinen Backkatalog verwalten musst. Und ständig Anfragen – immer braucht irgendjemand deine Zustimmung für irgendwas. Und dann der ganze finanzielle Kram und das Geschäftliche…

Da ist ja wie einen Betrieb zu führen. Verliert man da den Bezug zu dem, warum man den Job mal angefangen hat?

Früher war’s ja nicht anders (lacht). Als wir anfingen, lief das nur in einem kleineren Maßstab ab, da hieß es dann „hey! Euer Laster ist liegengeblieben“ – wie oft haben wir diesen verdammten Bus durch die Gegend geschoben! – „Hey! Eure Roadies haben gerade gekündigt. Ihr müsst das Equipment selber einladen“, „Hey! Euer Manager ist gerade mit der Gage abgehauen!“… Es läuft nicht so, dass du irgendwann sagst, „jetzt ist alles perfekt!“ Irgendwas ist immer. Man muss einen guten Sinn für Humor haben, einfach darüber lachen können. Und wenn Du dem Ganzen dann mal ein bisschen entkommen kannst – dann nimmst Du die Chance wahr!