Auch du hast schon über seine Witze gelacht, wetten?

„Bekomm ich ’ne Zigarette?“, fragt Peter Wittkamp nach dem ersten Pils, und schiebt dann hinterher: „Aber du müsstest sie mir anzünden.“ Den Gefallen will man ihm gerne tun, den Grund dafür aber ebenso erfahren. „Weil ich mit einer Freundin gewettet habe, dass ich mir nie wieder eine Zigarette anzünde.“ Wittkamp lacht nicht, obwohl das natürlich sehr witzig ist, er grinst nur schnell, guckt sehr spitzbübisch nach oben und erklärt dann, rauchend, die Beine auf die Holzpaletten vor ihm gelegt, dass das kein Witz sei: „Nee, wirklich. Das klappt jetzt schon seit sechs Monaten ganz gut.“

Die Crux mit einem, der professionell lustig ist, ist ja, dass man als Gesprächspartner auch lustig sein will. Unverkrampft möchte man wirken, klar, nicht aufdringlich, nicht albern, nicht plump, nicht in die Fresse, nur so ab und zu ein kleines, feines Witzchen, das will man ihm, dem Berufswitzigen, schon unterschieben. Will man. Und scheitert dann. Denn er, der Berufswitzige, Peter Wittkamp, 35 Jahre alt, Wahlberliner, setzt kleine, feine Witzchen, die wirklich klein und fein sind. Man kann als Gegenüber also nur verlieren. Wittkamp ist „freier Kreativer“, so beschreibt er sich auf seiner Website. Leicht prätentiös klingt das. Oder lesen wir hier Hipster-Ironie? Vielmehr pragmatische Ehrlichkeit, Wittkamp ist das Gegenteil von Prätention.

Peter Wittkamp ist definitiv: Witzeschreiber, Werbetexter, Social-Media-Konzepter und Buchautor. Zu seinen Auftraggebern zählen Jan Böhmermann, die „heute-show“, BMW und Google. Und vor allem arbeitet er für die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Ihm ist es gelungen, dieser recht drögen, piefigen, immer wieder unzuverlässigen Institution das Image eines freischwebendes Start-ups mit glorreicher Social-Media-Präsenz zu verpassen. Wenn PR ein Computerspiel wäre, hätte Peter Wittkamp es durchgespielt. Wittkamp ist schuld, dass man der BVG ihre Pannen verzeiht.

Wittkamp ist mittlerweile eine Marke, über Twitter erreicht er Zehntausende, über Straßenbahn-Werbung Hunderttausende und über das Fernsehen Millionen. Und gleichzeitig ist er ein leiser Mann der lauten Witze. Denn auch wenn seine digitale Präsenz wächst – die meisten lachen über ihn, ohne ihn zu kennen.

Als das Bundeskriminalamt Im Juli seinen Jahresbericht zur Cyberkriminalität vorstellte und darin vor den Gefahren des Darknets warnte, twitterte die BVG:

Der Beitrag wurde über 1000 mal retweetet, Blogs und Magazine stürzten sich drauf. Zum Verständnis: Der Tarifbereich C ist für Berlin das, was New Jersey für New York City ist: fragwürdige Peripherie. Brandenburg. Peter Wittkamp saß an diesem Mittwoch im Juli, wie an jedem Mittwoch, in seiner Neuköllner Wohnung und bespielte die Social-Media-Kanäle der BVG. „Ganz ehrlich: Für diesen Tweet habe ich zehn Sekunden gebraucht“, sagt er. Der Beifall für solche Einfälle hält sich in Grenzen, schließlich schreibt Wittkamp meist im Auftrag von Unternehmen – ohne seinen Namen zu nennen. Und so ist sein Humor auch im Berliner Straßenbild omnipräsent, ohne dass die Leute es wissen. „Weine nicht, wenn der Regen fällt, Tram Tram“ steht derzeit auf den Straßenbahnen der Hauptstadt. Es ist: genau sein Humor.

Wir sitzen in der Kreuzberger Kneipe „Zum Fuchsbau“, direkt am Landwehrkanal, und rauchen. Mit seinem harmlosen Gesicht und dieser beschützenden Volleyball-Statur (hat er früher wirklich gespielt) sieht Peter Wittkamp wie der verlässliche Kümmerer aus, den jeder Freundeskreis braucht. Wie einer, der lieber denkt als spricht. „Mir wurde schon öfter gesagt: Du bist ja nicht nur online witzig. Das ist ein großes Kompliment“, sagt Wittkamp. Er wurde 1981 in Asbach bei Bonn geboren, zog zum Studieren nach Bamberg und verdiente sich sein Geld als DJ, inklusive eigener Indie-Partyreihe „Nimm2“.Ein Pflichtpraktikum – und es gibt definitiv lahmere Pflichtpraktika – führte ihn 2008 nach Berlin zu Universal Music. Der damals 27-Jährige wohnte in einer WG in Friedrichshain, arbeite tagsüber im Label und schrieb abends seine Diplomarbeit zum Thema: Meinungsführer in der Musik.

Ist er mittlerweile selbst ein Meinungsführer? „In gewisser Weise schon“, sagt Wittkamp. „Es gibt Werber, Autoren, Berater. Aber wenige, die wie ich alles machen.“ Zum Anspruch des Meinungsführers passt ja auch sein Twittername: @diktator.

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Bevor man zur Psychonalyse ansetzen kann, legt er selbst los: „Wie krank muss man sein, um sich Diktator zu nennen? Da denkt man ja an einen Verpickelten, der zu Hause mit Allmachtsphantasien sitzt.“ Über den Namen habe er damals, 2009, als der Dienst in Deutschland noch Nischenspielplatz war, nicht lange nachgedacht, konnte ja keiner wissen, dass die Karriere so steil verläuft. Dass Wittkamp heute 15.000 Follower hat, liegt auch daran, dass er früh göttliche Unterstützung erfuhr. Sascha Lobo stellte ihn als einen der lustigsten Twitterer vor. Heute kommt es schon mal vor, dass Wittkamp einen Monat lang gar nicht twittert. „Es ist nicht gesund, durch die Straßen zu laufen und nur dran zu denken, was man twittern kann“, sagt er. Gesünder sei Restalkohol, zumindest zum Schreiben. „Ich bin oft am besten, wenn ich ein bisschen verkatert bin.“

Seit acht Jahren wohnt er in Berlin. Bietet die Stadt mit ihrem Fastflughafen, ihrer Hipsteruniform und ihrer überdrehten Entspanntheit besonders viel Material? Oder führt der Überfluss an Ironie – vom Schnäuzer über die weißen Tennissocken bis zu all den fantastischen Friseursalonnamen – zur geistigen Leere? „Vielleicht ist Paderborn mit seiner Tristesse noch viel lustiger“, sagt Wittkamp. Die Lokalunterschiede seien jedoch nicht mehr als Legenden. Der kühle Hamburger? Der schroffe Berliner? Der lustige Kölner? „Meine These ist, dass diese Unterschiede gar nicht existieren. Am Ende läuft es immer darauf hinaus, dass die Leute erst stoffelig sind, aber doch ein gutes Herz haben.“

Nach vier Jahren bei Universal wechselte er zur Digitalagentur Torben, Lucie und die gelbe Gefahr (TLGG). Dass er seine Ideen irgendwann in einem Buch festhalten will, war früh der Plan. Es sind mittlerweile drei. Im Sommer 2014 erschien „Die fünf schlechtesten Antworten auf „Ich liebe dich!“ und weitere lebensrettende Listen“, ein Jahr später „Ich bin rundum zufrieden: Dinge, die Deutsche nicht sagen“ und im Oktober letzten Jahres „Poste deine Darmspiegelung: In 42 Lektionen zum perfekten Internetnutzer“.

Hält sich Peter Wittkamp an die Gebote, die er selbst predigt? „Natürlich nicht“, sagt er. „Und wenn ich silberne Birkenstocks kritisiere, heißt das ja nicht, dass ich jedem mit silbernen Birkenstocks eine reinhaue.“ Wenn er sich auf Cat-Content und Xing-Benutzer einschießt, hat man das Gefühl, dass er sich selbst nicht gerecht wird, zu einfach sind diese Angriffsziele. Der Großteil aber ist tatsächlich witzig. Ein Beispiel aus seinem zweiten Buch: Dinge, die Deutsche nicht sagen? „Es gibt so ungefähr zwei bis drei Rudi Völler, würde ich schätzen.

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Knapp zwei Jahre ist es her, dass in Wittkamps Posteingang plötzlich eine Email von Jan Böhmermann auftauchte. „Er mochte mein Buch und hat mich gefragt, ob ich Standups für ihn schreiben will. Das war sehr cool für mich“, erzählt Wittkamp. Heute arbeitet er als freier Autor für das Neo Magazin Royale, drei Vormittage pro Woche für die Social-Media-Plattformen der „heute-show „und eben im Auftrag der Agentur „Grüner und Deutscher“ für die BVG.

Witze für eine Comedy-Sendung zu schreiben, ist das eine. Wie aber überzeugt man ein Verkehrsunternehmen, das mit Milliarden operiert und Millionen transportiert, dazu, auf Kundenbeschwerden mit Zoten zu reagieren? „Wir hatten von Anfang an sehr viele Freiheiten. Und die BVG hat schnell gemerkt, dass es gut ankommt. Dieses Direkte und manchmal Harte“, sagt Wittkamp. Und so müssen sich Kunden im Sommer auch mal anhören, dass die Hitze „wahlweise mit Döner, Schweiß oder Davidoff Cool Water im Aufguss“ kommt. Dass der BVG-Hashtag #weilwirdichlieben vor zwei Jahren zunächst einen bombastischen Shitstorm auslöste, gehört zur stolzen Firmenlegende. Die Kunden twitterten damals vor allem, was sie an der BVG nicht lieben. Und in genau solchen Momenten war Wittkamps Humor gefragt.

Man kann sich gut vorstellen, wie er an seinem Schreibtisch hockt und es genauso absurd wie genial findet, mit Witzen sein Geld zu verdienen. Und wenn er so seine Arbeit beschreibt, klingt es vor allem nach fokussiertem Handwerk. „Man muss sich mit einem Thema beschäftigen, dann kommen die Ideen“, sagt der 35-Jährige. Hat er Vorbilder? „Harald Schmidt, die alten Otto-Sachen, Helge Schneider, Niels Ruf“, zählt Wittkamp auf. „Und aktuell ist wohl John Oliver der allerbeste.“ Größter Konkurrent sei jemand anders. „Für mich ist der witzigste Typ das Internet“, sagt er, der bekennende Fernsehgucker, der Dokumentationen und Homeshopping liebt. Nur nicht zu viel Comedy: „Ich will nichts klauen und nicht deprimiert werden.“

Wenn Wittkamp schreibt, dreht es sich auch immer wieder um die Frage, was einen guten Witz ausmacht. Siegmund Freud schrieb in seiner Studie „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten“: „Ein neuer Witz wirkt fast wie ein Ereignis von allgemeinstem Interesse; er wird wie die neueste Siegesnachricht von dem einen dem anderen zugetragen.“ Und wer ist der Verlierer? „Ein Scherz braucht eine Haltung. Man braucht einen Bösen“, sagt Wittkamp. Seine Haltung ist der Humor.

Jonas Holthaus
Foto: Jonas Holthaus

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