Be heard not be seen


Wer gut gekleidet ist, entscheidet Jan Joswig. Heute vor dem Stilgericht: beatsteaks

Berlin ist eine übermächtige Marke. Man muss den Kraftakt anerkennen, wenn eine Punkband aus dem Kiez keine Dreadlocks trägt. Jingo De Lunch mit Frontfrau Yvonne Ducksworth hatten sich in den Neunzigern weit rausgehängt, um den Look aus Kampf gegen die Außenwelt und Einkuschelung im Alternativ-Kiez plakativ festzunageln. Die Beatsteaks, Ostberliner mit Kreuzberg im Herzen, sind weniger auf US-amerikanischen Hardcore als auf englischen Skapunk ausgerichtet. Das bringt ihnen einen enormen Vorsprung an Smartness – zumindest theoretisch. In Amerika sehen Punks wie arbeitslose Stahlarbeiter aus, in England wie arbeitslose Börsianer. Ein zerrissener Anzug gibt ein viel schneidenderes „Fuck you!“-Statement ab als eine Carhartt-Hose mit ausgefranstem Saum, bei der es nur zu einem schlaffen „So what?“ reicht. Die Beatsteaks tendieren allerdings trotz UK-Ausrichtung stärker gen „So what?“. Fedora-Hütchen und Parka von Arnim Teutoburg-Weiß erheben Anspruch auf die „Fuck you!“-Linie, die mit den Specials und The Jam einsetzte. Heute muss man aber wie Pete Doherty eine Menge Drogen über dem Outfit ausgießen, um ihm noch etwas Abweichlertum einzuhauchen. Dem gleichgeschalteten Style-Diktat zwischen H&M und Britpop entkommt Teutoburg-Weiß so nicht. Er schwächt die angedeutete Rasanz auch noch durch Allerwelts-Chucks ab. Trotzdem gibt es orthodoxe Ehrliche-Haut-Fans, für die selbst die Teutoburg-Weiß’sche Dezenz noch zu dekadent rüberkommt. Zu deren Beruhigung ist ihm Bassist Torsten Scholz zur Seite gestellt, der sich mit Beanie, Hoodie, Baseball-Jacke, Jeans und Sneakern in gedeckten Eckensteherfarben bemüht, keinen Millimeter vom Klischeebild des Kiez-Bruders abzuweichen. Seine Uniform ist so originell und wagemutig wie beige Kordhose und Strickjacke der Vätergeneration. Die Band X-Ray Spex beschwerte sich 1977 auf „Oh Bondage Up Yours!“ über den Spießerspruch: „Little girls should be seen and not heard.“ Die Beatsteaks verdrehen es zu: „Big boys should be heard and not seen.“ Teutoburg-Weiß und Scholz treiben so sehr ins Indifferente, dass ihr Hauptauftrag zu lauten scheint, bloß nicht von der Logo-Wand hinter ihnen abzulenken. Das Punk-Outfit in der Berliner Mischung, es steht dem Kapitalismus nicht im Wege. Bei so viel Zurückhaltung wären Dreadlocks vielleicht doch eine bedenkenswerte Option.

Jan Joswig ist studierter Kunstgeschichtler, wuchs in einer chemischen Reinigung auf, fuhr mit Bowie-Hosen Skateboard und arbeitet als freier Journalist für Mode, Musik und Alltag. Was LL Cool J in den Achtzigern die Kangolmütze bedeutete, ist ihm der Anglerhut.