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Berlin Festival 2014: War es denn tatsächlich so schlimm?

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Man möchte glauben Veränderungen werden positiv wahrgenommen, Hauptsache kein Stillstand und so. Veränderungen und große Massen aber scheinen sich schlichtweg nicht zu mögen. So gab es nicht nur einen immensen Aufschrei als bekannt wurde, dass das Berlin Festival 2014 vom Tempelhofer Feld in den sogenannten „Arena Park“ zieht. Nein, die Unmutsbekundungen gehen während und nach dem Festival nahtlos weiter.

Manch ein Besucher des Berlin Festival 2014 wünschte sich am Samstagabend sogar auf die heimische Couch zurückeine Dokumentation über das Primavera Sound Festival schien mehr Anklang zu finden als das Treiben im Arena-Park. Zu wenig Musik für zu viele Leute, dürftige Headliner, schlechter Sound, suboptimale Location – so ungefähr ein paar der Hauptkritikpunkte am diesjährigen Festival, zumindest ein Teil davon. Die Fakten sehen jedoch so aus: Das Berlin Festival war an beiden Tagen ausverkauft, vor den Headlinern war man bereits vor Beginn des Events gewarnt und hey, der Arena-Park ist selbstverständlich nicht mit der Weitläufigkeit des Tempelhofer Felds zu vergleichen, für ein innerstädtisches Festival-Erlebnis jedoch durchaus eine Location mit Charme.

Offensichtlich fiel es einigen Besuchern schwer sich nach Headlinern wie Blur, Björk und den Pet Shop Boys beim letztjährigen Festival nun mit Editors, Moderat, Woodkid und Bombay Bicycle Club anzufreunden. Die Veranstalter betonten bereits im Vorfeld nicht die ganz großen Acts an Land ziehen zu wollen, sondern mit der Auswahl der Bands das Festival-Image zu pflegen. So startete das Berlin Festival Freitagnacht mit Kid Simius, dem sphärisch vernebeltem Auftritt von Darkside und DJ Koze auf der Mainstage. Die Tanzwütigen, die zwischendrin zu The Acid auf der kleineren Nebenbühne im Glashaus oder in den Arena Club wechseln konnten, störten sich erstmal weder am Sound in der riesigen Halle noch an der nicht ausgereiften Erschließung der Bühnen. Im Gegenteil: DJ Kozes Set erfreute sich größter Beliebtheit und das bis in die Morgenstunden.

Berlin Festival 2014: So war der Samstag

Die Unannehmlichkeiten kamen erst am Samstag mit der hohen Besucherzahl, der stickigen Luft in der Arena und der Herausforderung das Glashaus oder das eigentlich sehr idyllische Badeschiff zu betreten. Gegen Abend jedoch stieg die Stimmung und spätestens bei Bombay Bicycle Club wurde offensichtlich, was man bis dahin versuchte zu verdrängen – schon als Mittzwanziger gehörte man bei diesem Festival bereits eindeutig zum älteren Eisen. Das „I Love You, Jamie“-Gekreische bohrte sich tiefer in den Gehörgang als die Gitarrenriffs von selbigem.  

Die Editors arbeiteten eine Stunde daran der Bezeichnung „Headliner“ gerecht zu werden – bis schließlich doch der Knoten platzte und Sänger Tom Smith mit seiner inbrünstigen und körperbetonten Performance zum Mitmachen bewegen konnte. Nach 24 Stunden Festival schien sich endlich der erste Höhepunkt zu ereignen, als das Publikum in „Papillon“, der bis dato größte Hit der Briten, mit einstimmte.  Jemand musste diesen Job ja übernehmen und so räumten die Editors, wahrscheinlich so schweißnass gebadet und zufrieden wie die Fans, die Bühne für Zoot Woman. Die Synth-Pop-Combo lieferte einen erstaunlich unspektakulären Auftritt ab, entschwand von der Bühne und überließ die kommende Nacht dem Hip Hop und den DJs.

Das Bo raubte mit Fünf Sterne deluxe der feiernden Meute offensichtlich jegliche Kräfte, sodass Digitalism mit einer Minimalbesetzung aus hartnäckig gebliebenen Jugendlichen, die nicht von der Vorstellung einer Mega-Party im Morgengrauen ablassen wollten, Vorlieb nahmen.

Berlin Festival 2014: So war der Sonntag

Trotz aller Beschwerden und Jammerei und sogar ein klein wenig Regen an einem sonst angenehm warmen Wochenende, fühlten sich die Besucher des Berlin Festival 2014 dennoch dazu animiert die Acts des letzten Tages noch voll auszukosten. Kein Wunder bei diesem Line-up. Es wurde sich fleißig in der Arena mit Werkhallen-Charme gedrängt, um die Mädels von Warpaint zu begutachten. Die frisch verheiratete Jessie Ware legte einen lebendigen Auftritt hin, untermalt von etlichen „fuckin’ fucks“ und sogar mit Geschenk aus dem Publikum – so recht begeistern konnte dies aber kaum jemanden. „You’re so fuckin’ quiet. So polite. Come on!“, versuchte sie die Situation zu lockern und zu retten. Allem Anschein nach ließ die Erwartung auf Yoann Lemoine, besser bekannt als Woodkid, alle verstummen. Die Euphorie, die losbrach als der Franzose schließlich die Bühne betrat, kannte fast keine Grenzen. Schließlich gab es kein Halten mehr in der stickigen Halle als seine Performance nicht nur mit gewollt bombastischen Elementen aufwartete, sondern in einer Art Techno-Party ausartete. Was für die einen ein „epischer Auftritt“ war, ließ andere irritiert zurück. Sein neuer Track „Volcano“ erinnert nur noch in Grundzügen an Hymnen des Debütalbums wie „Run Boy Run“ oder „I Love You“. Da hätte man doch lieber gleich auf der Splash!-Mag-Stage mit K.I.Z. feiern können.

Die grandiosen Moderat machten sich die Feierlaune der Anwesenden zum Vorteil und befeuerten diese bis in die Nacht hinein. So konnte schließlich als finaler Act auf der Mainstage der Däne Trentemøller mit tanzbarer Musik aus buntem, dichtem Nebel begeistern.

Viele Gäste nahmen das Wochenende über sämtliche Alternativ-Angebote war: After-Show-Party im Club der Visionäre, Hip Hop und Deutsch-Rap auf der Splash!-Mag-Stage und Burger verspeisen im „White Trash“ – sogar mit musikalischer Untermalung von beispielsweise Bilderbuch, die das Lokal aus allen Nähten platzen ließen, oder fröhlich kreatives Austoben im „Art Village“.

Man muss es deshalb noch einmal betonen: Bei den überwiegend negativen O-Tönen im Publikum und auf den sozialen Netzwerken verfällt man leicht selbst in den Glauben an diesem Wochenende ein Unding von Event vorgesetzt bekommen zu haben. Das Verweilen am Wasser, der Blick aus dem Glashaus auf die Spree und das Feiern mitten in Berlins Ausgehmeilen waren doch ein Erlebnis wert, oder? Nein, ein Open-Air ist das Berlin Festival nun leider nicht mehr, aber „sein eigenes Begräbnis“ feiert man wohl trotzdem anders. Ein Glück für diejenigen, die der Lage an der Spree, dem Fabrikhallencharme und den doch so vielen Künstlern etwas abgewinnen konnten.  Auch ohne Blur und Björk. Und Tempelhofer Feld. Wir sind gespannt auf das kommende Jahr.

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